US-Präsident

Gelassene Touristen treffen auf aufgeregte Demonstranten

Eine Stadt in Erwartung: Wo können Berliner den Präsidenten sehen? Wird er im Fitnessstudio des Hotels eine Trainingseinheit einlegen? Und bekommen die Polizisten auch keinen Hitzschlag?

Foto: TOBIAS SCHWARZ / REUTERS

Bei seinem letzten Berlinbesuch trainierte US-Präsident Barack Obama im Fitness-Bereich des Hotels Ritz Carlton. Ob er auch bei diesem kurzen Aufenthalt im Hotel Sport treiben will, ist nicht bekannt.

Auf die Frage, ob es denn auch zu Einschränkungen im Fitness-Bereich kommen werde, weil Obama da vielleicht eine kleine Trainingseinheit absolvieren möchte, antwortete eine Hotel-Mitarbeiterin mit einem verschwörerischen Lächeln. Darüber dürfe sie keine Auskunft geben. Aber es könne schon sein, dass es spontan zu, na ja, kleineren Absperr-Aktionen im Hantelbereich kommen könne.

Nicht nur im Hotel, wo der Präsident und seine Familie übernachten, verändert sich der Tagesablauf beträchtlich. Auch an vielen anderen Ecken der Stadt war schon im Vorfeld des Besuchs die Aufregung zu verspüren. Daran dürfte sich auch nichts ändern, bis Barack Obama und seine Frau Michelle sowie deren Töchter Sasha und Malia spät am Abend Berlin wieder in Richtung Heimat verlassen.

Die Besucher aus Liverpool freuen sich über ihre Sicherheitsausweise

In der 11. Etage des Ritz Carlton, wo sich die Präsidentensuite befindet, achtete bereits am Dienstag ein amerikanischer Sicherheitsmann darauf, dass sich keiner unerlaubt dort aufhält. Die Fahrstühle waren zu diesem Zeitpunkt schon für die oberen Etagen gesperrt, in den anderen Bereichen des Hotels dagegen dürfen sich die Gäste frei bewegen.

Ein älteres Pärchen aus Liverpool freute sich über die Sicherheitsausweise, die jeder Gast um den Hals tragen muss. „Damit kann ich nachher im Pub Eindruck machen“, sagte der Mann und lachte.

Die beiden seien das aber schon gewohnt: Bei ihrem letzten Berlinbesuch 2003 hatten sie im Interconti gewohnt – ausgerechnet zu der Zeit, als US-Außenminister Colin Powell zu Besuch war. Damals gab es ebenfalls einen riesigen Sicherheitsaufwand. „Das“, so die beiden, „gehört für uns zu Berlin.“

Und die Gäste aus Schwaben haben Verständnis für Absperrungen

Um 14 Uhr am Dienstagnachmittag begann die Polizei mit den Absperrungen rund um das Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz. Beamte nahmen die rot-weißen Absperrgitter auf, die an den Straßenrändern bereit lagen und bauten sie am Hotel auf. Die abgesperrte Bellevuestraße westlich des Hotels dient vorübergehend als Parkplatz für Dutzende Polizeifahrzeuge.

Auch vor dem Brandenburger Tor versperrten Absperrgitter Durchgang und Sicht. Die Touristen müssen diese Einschränkungen hinnehmen bis Obama seine mit Spannung erwartete Rede am Mittwochnachmittag gehalten hat. Kurt und Gudrun Bachle aus Österreich sind zum ersten Mal in Berlin. Vor dem Hotel Adlon am Pariser Platz schauten sie zu, wie die Freiluftbühne für Obama aufgebaut wurde.

Obwohl sie vor lauter Gitterstäben das Brandenburger Tor kaum sehen konnten, fotografierten sie trotzdem. Gudrun Bachle sagte, dass sie Verständnis habe für die aufwendigen Vorbereitungen. Wenn der US-Präsident nach Deutschland komme, müsse das wohl sein.

Demonstranten wenden sich gegen das Internet-Spähprogramm „Prism“

Von der ersten Demonstration an diesem Tag hatten Bachles nichts mit bekommen. Gegen 13 Uhr hatten sich am Checkpoint Charlie rund 50 Personen zusammengefunden, um gegen die Überwachung von Internetnutzern zu protestieren. Zwei Einsatzwagen der Polizei hatten die Kundgebung begleitet. Die Demonstranten riefen immer wieder „Yes we scan“.

Sie hielten Schilder in die Höhe, auf denen Präsident Obama mit Kopfhören zu sehen war. Daneben stand: „All your data belong to us“ („alle Ihre Daten gehören uns“). Die Demonstration verlief friedlich. Die wenigen Teilnehmer fielen nicht weiter auf. Die Touristen am Check Point Charlie haben sich jedenfalls kaum für die Demonstranten interessiert, die meisten sind einfach weiter gelaufen.

Die zweite Obama-Demonstration begann kurz nach 15 Uhr an der Straße des 17. Juni Ecke Ebertstraße. Sie richtete sich gegen die Inhaftierung des Bürgerrechtlers Leonard Peltier.

Anwohner der gesperrten Areale bekommen einen „Escort Service“

Etwa 20 Personen hatten zwei Transparente aufgestellt: „We have a Dream: Freedom for Leonard Peltier“ stand darauf geschrieben. Auf den Boden hatten die Demonstranten große rote Buchstaben gelegt: „Free Peltier“ war zu lesen.

An allen Orten, an denen Obama sich aufhalten wird, herrschte schon im Vorfeld Alarmstufe eins. Neben dem Pariser Platz und dem Charlottenburger Schloss sind das auch der Flughafen Tegel und ein Teil des Potsdamer Platzes. In diesen Bereichen kontrollieren Polizisten jeden, der vorbeikommt. 3000 Beamte waren nach Polizeiangaben bereits am Dienstag im Einsatz. Die Zahl derer, die heute vor Ort sind, dürfte noch höher liegen.

Auf jeden Fall müssen genügend Beamte da sein, um die Anwohner in die „geschlossenen Bereiche“ zu geleiten, wie die abgeriegelten Straßen und Plätze bezeichnet werden. So müssen sich beispielsweise die Anwohner des Spandauer Damms am Schloss Charlottenburg heute zwischen zwölf Uhr und 23 Uhr zu ihren Häusern begleiten lassen.

U- und S-Bahnhöfe vor dem Hotel sind schon seit gestern gesperrt

Obama und seine Frau Michelle werden von 19 Uhr an im Schloss zu Abend essen, zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und deren Mann Joachim Sauer. Von 18 Uhr an dürfen die Anwohner deshalb auch weder Türen noch Fenster öffnen.

Am Dienstagnachmittag kurz vor 15 Uhr waren noch kaum Schaulustige vor dem Hotel der Obamas zu sehen. Es war zu heiß in der Sonne, und die umfangreichen Sicherheitsarbeiten der Polizei waren beendet.

Nur Hotelgäste machten sich vermehrt zurück auf den Weg ins Ritz Carlton. Der Hotelbetrieb ging schließlich weiter – wenn auch mit Sicherheitskontrollen. Die U- und S-Bahn-Haltestelle vor dem Hotel waren gestern bereits um 16 Uhr abgesperrt.

Der Hotelpage macht eine freiwillige Extraschicht

Die Gewerkschaft der Polizei warnte vor dem „gesundheitlichen Gau“ der Einsatzkräfte. Leider werde „in solchen Ausnahmesituationen gern mal darüber hinweggesehen, dass die Kollegen zum Teil bis an den Rand der Erschöpfung arbeiten.“ Der Landesbezirksvorsitzende Michael Purper appellierte daher an Polizeipräsident Klaus Kandt, dafür zu sorgen, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten eingehalten werden.

An Tagen wie diesem ist sogar der Page des Ritz Carlton aufgeregt. Er habe ja schon viel gesehen, zuletzt Netanjahu, „aber das war ja nicht der US-Präsident“. Für Barack Obama habe er sogar seinen freien Tag gestrichen und eine Extraschicht angenommen.

„Auch wenn ich glaube, dass wir ihn gar nicht zu sehen bekommen“, sagt er. Doch gerade bei Obama gelte in Anlehnung an seinen Wahlkampfspruch: Hope, also die Hoffnung, stirbt zuletzt.

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