Afghanistan

Die Sehnsucht nach Frieden

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Can Merey

Foto: Can Merey / dpa

Die Menschen in Afghanistan haben am ersten April-Wochenende gewählt. Doch egal wer Präsident wird, das Leben ist sehr schwer in dem armen Land. Viele Kinder müssen ihren Familien beim Geldverdienen helfen.

Die Menschen in Afghanistan sehnen sich nach Frieden, doch das wird vielleicht noch länger ein Traum bleiben. Das Land ist eines der gefährlichsten Länder der Welt. Wie gefährlich, wurde am ersten April-Wochenende wieder klar, als in dem Land zum ersten Mal in seiner Geschichte demokratische Wahlen stattfanden.

Terroristen hatten mit Anschlägen auf die Wähler gedroht, weil sie die Macht im Land haben wollen. Doch die Leute ließen sich nicht abhalten. Sie wollen mitentscheiden, wer ihr Land zukünftig regiert und standen trotz der Gefahr in langen Schlangen an, um einen neuen Präsidenten zu wählen. Nun werden die Stimmen ausgezählt. Das Ergebnis der Wahl soll am 24. April bekannt gegeben werden.

Seit vielen Jahren sind Soldaten und Helfer aus Deutschland und anderen Ländern in Afghanistan. In diesem Jahr werden sie ihren Einsatz dort beenden. Viele Menschen befürchten, dass Afghanistan danach noch unsicherer wird. Der lange Krieg hat viel zerstört und die Menschen noch ärmer gemacht. Die Familien schlagen sich irgendwie durch und oft müssen die Kinder mithelfen. Wie das Mädchen Arsu aus Kabul:

Als „Spandi“ auf der Straße

Arsus Familie ist arm, deswegen muss die Achtjährige arbeiten. Sie lebt in Afghanistans Hauptstadt Kabul. Statt zur Schule zu gehen, verdient Arsu auf den Straßen in der Hauptstadt ein bisschen Geld. In Kabul stehen die Menschen oft im Stau. Dann laufen Kinder mit einer Henkelbüchse aus Blech zwischen den Autos herum.

In der Büchse brennen Kräuter. Manche Menschen glauben, der Rauch vertreibt böse Geister. Die Kinder wedeln mit ihren Händen, damit ein bisschen Rauch durch das Fenster ins Auto zieht. Dafür bitten sie um ein paar Afghani. Das ist das afghanische Geld.

Auch Arsu ist ein „Spandi“ – so nennt man die Kinder, die mit den Büchsen durch den Stau ziehen. „Ich bin jeden Tag von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends auf der Straße“, erzählt sie. „Ich würde gern zur Schule gehen. Aber ich muss arbeiten.“

Kein Geld für die Schule

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wie Arsu können viele Kinder keine Schule besuchen, weil sie ihren Familien beim Geldverdienen helfen müssen. Lesen und schreiben kann Arsu nur ihren eigenen Namen.

Doch wenn man sie fragt, was sie einmal werden möchte, dann sagt sie: „Polizistin. Weil ich mein Afghanistan verteidigen möchte.“ In Afghanistan kämpfen Terroristen gegen die Regierung. Auch in Kabul gibt es deswegen immer wieder Bombenanschläge.

Arsu wohnt mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihren fünf Schwestern in einem einzigen Zimmer. Ihr Vater ist Schuhputzer, ihr Bruder verkauft Kaugummis auf der Straße. Geld der Familie reicht nur, um eine Schwester von Arsu in die Schule zu schicken. Dieses Mädchen ist vor Kurzem in die erste Klasse gekommen.

Arsu ist jeden Tag auf der Straße, auch wenn es regnet oder schneit. Sie hat Schuhe aus Plastik an, die nicht sehr warm sind. Weil es abends noch kalt wird in Kabul, hat sie zwei Jacken übereinander angezogen. „Manchmal, wenn ich müde bin, gehe ich früher nach Hause“, sagt sie.

Im Sommer auf dem Land

Ihr Vater sei ihr dann nicht böse, wenn sie weniger verdiene. „Er freut sich über alles Geld, was ich nach Hause bringe.“ 200 Afghanis verdient Arsu an einem guten Tag. Umgerechnet sind das etwa 2 Euro und 50 Cent. An schlechten Tagen bekommt sie nur die Hälfte davon. Manche Autofahrer seien nett zu ihr, sagt das Mädchen. „Manche sind aber auch böse. Sie sagen mir, dass ich weggehen soll, und beschimpfen mich.“

Sie findet ihr Leben eigentlich nicht sehr schön, sagt Arsu. Trotzdem lacht sie oft. Und freut sich auf den Sommer. Den Sommer verbringt die Familie immer in Sarobi, wo sie ursprünglich herkommt. In dem Ort östlich von Kabul verdient der Vater dann Geld als Landarbeiter, und Arsu muss nicht auf der Straße arbeiten. Manchmal hilft sie dort, die Tiere auf der Weide zu hüten. Das ist ganz anders als die Arbeit als „Spandi“ zwischen den Autos – und macht ihr Spaß.

( dpa/gs )