Kinderparlament

„Manchmal ist es wichtig, dass man die Politiker nervt“

Kinder und Jugendliche mischen im Bezirk Tempelhof-Schöneberg in der Politik mit. Als gewählte Abgeordnete in einem Parlament kämpfen sie für neue Turnhallen, für saubere Schultoiletten und für mehr Spielplätze.

Foto: Massimo Rodari

Das Tornetz auf dem Fußballplatz hat ein Loch und der Sportunterricht fällt aus, weil der Fußboden der Turnhalle kaputt ist? Damit sich das schnell ändert, nehmen im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg Kinder und Jugendliche diese Probleme selbst in die Hand – im Kinder- und Jugendparlament. 150 Schüler und Schülerinnen aus dem Bezirk gehören dazu. „Wir wollen unseren Bezirk verbessern und kinderfreundlicher machen“, erklärt der zwölfjährige David. Er ist schon seit zwei Jahren Abgeordneter. So nennt man die Mitglieder eines Parlaments.

Zusammen mit 15 anderen Kindern und Jugendlichen sitzt David an einem großen Konferenztisch im 4. Stock des Rathauses Friedenau. Sie alle gehören zum Vorstand des Parlaments und sprechen bei Apfelschorle und Schokokeksen darüber, was sie gern in ihrem Bezirk verändern möchten.

Die meisten Mitglieder des Kinder- und Jugendparlaments sind noch zu jung, um bei den Bundestagswahlen am 22. September die Politiker des deutschen Bundestags wählen zu dürfen. Das darf erst, wer 18 Jahre alt ist.

Es geht um alles, was Kinder betrifft

In die Politik mischen sie sich trotzdem ein – per Antrag. „In den Anträgen geht es meist um Toiletten, Spielplätze und Turnhallen. Es geht um alles, was Kinder betrifft, was sie gern in der Umgebung oder an ihrer Schule verändern möchten“, erklärt die 13-jährige Lissan.

In drei Gruppen, je nach Wohnort, überlegen, diskutieren und verfassen die jungen Abgeordneten Anträge mit ihrem Forderungen. Mehrmals im Jahr stimmen alle Mitglieder des Parlaments bei einer Vollversammlung über diese ab. Wenn die Mehrheit für einen Antrag stimmt, dann wird dieser an die Politiker in der Bezirksverordnetenversammlung geschickt. Die haben selbst vorgeschlagen, dass die Kinder ihnen schreiben sollen, was ihnen im Bezirk nicht gefällt. Die Politiker müssen dann über die Forderungen diskutieren, darüber abstimmen und den Kindern- und Jugendlichen eine Antwort schreiben.

Nicht immer nehmen die Politiker die Anträge der Kinder sofort an

Im besten Fall steht in der Antwort, dass die Politiker den Antrag gut finden und umsetzen wollen. Anouk (11) erinnert sich an einen solchen Erfolg: „Die Toiletten in der Schule waren immer dreckig, verschmutzt, ekelig und unhygienisch. Jetzt sind die Toiletten sauber.“ Doch nicht immer nehmen die Politiker die Anträge sofort an. Dann hilft nur eins, weiß David aus Erfahrung. „Manchmal ist es wichtig, dass man die Politiker nervt“, sagt er. „Man darf sich mit ihren Antworten nicht zufrieden geben und muss den Antrag immer wieder stellen.“

Wer wie David im Kinder- und Jugendparlament mitmachen möchte, muss sich in seiner Schule oder einem Kinder- und Jugendzentrum zur Wahl stellen. Wie bei den Bundestagswahlen gehört auch beim Kinder- und Jugendparlament ein Wahlkampf mit Plakaten und guten Ideen, was man verändern möchte, dazu.

Wahlkampf in der Schule

„Wir sind in alle Klassen gegangen und haben uns vorgestellt“, erzählt Thimo (12). Er hat seinen Mitschülern versprochen, sich für eine neue Turnhalle einzusetzen, wenn sie ihn wählen. Und er hat sein Versprechen einlösen können. „Wir hatten früher noch keine Turnhalle und jetzt haben wir eine“, sagt er stolz.

Neben guten Ideen, Durchhaltevermögen und Spaß an der Sache braucht man als junge Abgeordnete auch ein wenig Mut, hat Anouk festgestellt. Denn alle Mitglieder des Kinder- und Jugendparlaments müssen bei den Versammlungen ihre Anträge vorstellen – in einem großen runden Saal im Rathaus Schöneberg – vor 150 Kindern. Manchmal hören sogar einige Politiker der Bezirksverordnetenversammlung zu. „Das war komisch. Alle starren einen an“, erinnert sie sich an ihre erste Rede. Auch Thimo war anfangs etwas nervös: „Es war ein bisschen komisch, weil die Lautsprecher genau hinter mir waren und man sich dann richtig laut reden gehört hat.“ Aber das Lampenfieber ist mit jeder Rede weniger geworden.

Wenn ich Bundeskanzler wär...

Ob sie auch nach der Schule als Politiker arbeiten möchten, wissen David, Thimo und Anouk noch nicht. Aber auf die Frage, was sie machen würden, wenn sie Bundeskanzler wären, fällt ihnen schnell etwas ein. „Wenn ich Bundeskanzler wäre, dann würde ich Kinder in Afrika unterstützen“, sagt David. Anouk will Kindern in Brasilien helfen und Thimo fordert mehr erneuerbare Energien. Doch bevor es irgendwann einmal soweit ist, heißt es für die drei und die anderen Kinder und Jugendlichen im vierten Stock des Rathaus Friedenau jetzt erst einmal: Auf die Wiederwahl hoffen. Denn bis zum 19. September wird in den Schulen sowie den Kinder- und Jugendzentren in Tempelhof-Schöneberg gewählt.