Ich bin ein Berliner

Ché Netzer, der hochbegabte 16-Jährige

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie der Schülerstudent Ché Netzer.

Foto: Massimo Rodari

Er erwähnt es eher beiläufig. Fast so, als sei es ihm unangenehm. Aber Ché Netzer hat einen IQ von 136. Er ist hochbegabt - und damit offiziell klüger als rund 98 Prozent der Weltbevölkerung. Aber ihn interessiert das eigentlich gar nicht. Im Gegenteil: Ché findet Intelligenztests unseriös. "Das ist doch nur etwas für irgendwelche Statistiken."

Ché ist 16 Jahre alt und hat schon drei Semester Mathematik studiert. Sein Abitur hat er auch schon in der Tasche. In der Grundschule hat er gleich die erste Klasse übersprungen. Später wurde ihm vor allem Mathe in der Schule irgendwann zu langweilig. "Ich war unmotiviert und meldete mich nie." Kein Wunder: Bereits im Alter von neun Jahren programmierte er seinen eigenen Taschenrechner. Am Ende der Oberstufe ging er dann einfach gar nicht mehr zum Matheunterricht und erschien nur noch zu den Klausuren. Sein Lehrer erlaubte ihm das.

Also nutzte er die freigewordene Zeit und schrieb sich als Schülerstudent an der Technischen Universität in Berlin ein. Er ist dort einer von 80 Jugendlichen, die neben der Schule studieren, also sich ganz normal in Vorlesungen setzen und Klausuren mitschreiben - und so für ihr späteres Studium schon einmal Scheine sammeln. Im Winter wird Ché endlich "richtiger" Student. Zu seinem ersten akademischen Titel, dem Bachelor, fehlen im dann nur noch wenige Module. Den Master will er packen, bis er volljährig ist. Läuft alles wie geplant, trägt Ché im Alter von 21 Jahren seinen Doktortitel. "Das sollte eigentlich zu schaffen sein". Viele fangen da erst mit dem Studium an. Studentenpartys? Dafür interessiert sich Ché nicht. Wenn er sich mit Kommilitonen trifft, dann bearbeiten sie gemeinsam Matheaufgaben.

Es sind die unanfechtbaren Ergebnisse der Mathematik, die ihn faszinieren. Schon die Physik, die er im Nebenfach studiert, ist ihm zu weich und ungenau. Dort werden Zahlen gerundet oder Annahmen getroffen. Davon hält Ché wenig. Seine Leidenschaft sind die eindeutigen und exakten Aussagen. Diese Vorliebe äußert sich auch bei seinen Hobbys. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit alten Sprachen. Am liebsten mit altnordischen - was etwa die Wikinger sprachen. Die Grammatik ist präzise und logisch. So wie es Ché eben gerne hat.

Ché, der schon x-Mal die Frage "Ché wie Ché Guevara?" mit Ja und "Bist du mit Günter Netzer verwandt?" mit Nein beantwortet hat, weiß nicht, woher und seit wann er diese Vorliebe für Mathematik hat. Von seiner Familie jedenfalls nicht. "Da interessiert sich niemand für Mathe." Es fiel ihm einfach schon immer leicht. Trotzdem konnte er dem Fach in der Schule nie so richtig etwas abgewinnen. Denn Zahlen gefallen Ché eigentlich überhaupt nicht. Erst an der Uni entdeckte er seine Leidenschaft für die Wissenschaft. Denn dort wird viel abstrakter gerechnet. "In der Funktionalanalysis kommen zum Beispiel nur die Ziffern 1,2 und 4 vor. Sonst überhaupt keine Zahlen." Sobald es konkret wird und reale Beispiele gibt wie zum Beispiel in der Finanzmathematik, schaltet Ché ab. Das interessiert ihn nicht. "Da bin ich immer schnell desinteressiert, da kommt nicht viel zustande."

Schon oft wunderte er sich über so manche Mathe-Frage seiner Mitschüler. Aber er hilft, wo er kann - auch in den derzeitigen Semesterferien. In Webforen beantwortet er in seiner Freizeit geduldig Fragen von verzweifelten Abiturienten und Studenten. "Der Raum der Polynome vom Grad kleiner gleich 2 ist dreidimensional", antwortet er im März User "Hangman" in einem Mathe-Forum. Der fragt noch ein paar Mal nach, hat es dann verstanden.

Aber auch als Hochbegabter ist die Uni für ihn kein Durchmarsch. Im dritten Semester hatte auch er erstmals Verständnisprobleme. "Das ist etwas ganz anderes als Schulmathematik." Und das mussten viele seiner Kommilitonen, die mindestens fünf Jahre älter sind als er, bereits schmerzlich erfahren. Viele haben ihr Studium bereits abgebrochen. Ché will aber bleiben. Er ist gerne an der Uni. Bachelor, Master, Promotion. Und auf jeden Fall in Berlin. "Alleine schon aus Gewöhnung." Er liebt die Hauptstadt. Als er in der 8. Klasse ein halbes Jahr in Frankfurt lebte, war er froh schnell wieder zurück zu sein. "Noch mal will ich nicht weg."

Zur Person:

Ché Netzer wurde 1995 in Berlin geboren und lebt heute mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Tegel. Schon in der Vorschule wurde beschlossen,dass Ché die erste Klasse überspringt. So konnte er nach nur elf Jahren Schulzeit sein Abitur am Tegeler Humboldt-Gymnasium absolvieren. Seit dem Wintersemester 2010/2011 studiert er als Schülerstudent an der Technischen Universität in Berlin Mathematik mit Nebenfach Physik. Im Oktober beginnt er dann offiziell mit dem "echten" Bachelorstudium.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).