Ich bin ein Berliner

Frank Stoldt, Weltmeister im Schachboxen

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Frank Stoldt, der Schachboxer.

Foto: Christian Kielmann

Der Schweiß perlt übers Augenlid und tropft auf den Kopf der weißen Dame. Seine linke Faust steckt in einem Boxhandschuh, er führt sie zum Kinn, verharrt in einer Denkerpose und zieht den Läufer schließlich auf c3. "Zeit", dröhnt es durch den Kraftraum. Frank Stoldt duckt sich durch die Seile in den Ring und geht in Angriffsstellung. "Anti Terror", so der Kampfname des 42 Jahre alten Polizeibeamten aus Wedding, ist Weltmeister im Schachboxen und zugleich Gründungsmitglied des CBCB, des Chess Boxing Clubs Berlin, der sein Hauptquartier in der Franz-Mett-Sporthalle in Mitte aufgeschlagen hat.

"In diesem Sport gibt es keine Ausreden: Wer verliert, ist körperlich und geistig unterlegen", sagt Frank Stoldt und hält derweil seinen Gegner im Sparring auf Distanz. Es ist ein schwüler Frühsommerabend. Eine Handvoll junger Männer und eine Frau stehen sich in dem Kellergewölbe gegenüber und wollen das Unvereinbare kombinieren: den Jab und das Bauernopfer, den Cross und die Mattstrategie.

Während die Sportler ihren Puls mit Liegestützen und Seilspringen in die Höhe treiben, zerrt das Trainergespann Bierzelt-Garnituren aus dem Lager und wuchtet sie zwischen die Sandsäcke. Auf den Klapptischen werden Schachbretter samt Figuren drapiert. Mit hängenden Köpfen treten die Kämpfer an. Zum Denksport. "Schwerfiguren schützen, Rochade anstreben", kommandiert der Trainer. Dann erklingt das Geräusch der Schachuhren. Die Regeln sind rasch erklärt. Ein Kampf besteht aus elf Runden, sechs Runden Blitzschach à vier Minuten und fünf dreiminütige Boxrunden, immer abwechselnd. Vor jeder Schachrunde gibt es 60 Sekunden Pause, um die Handschuhe auszuziehen. Beim Schach tragen die Sportler im Wettkampf Kopfhörer, damit ihnen niemand den richtigen Zug einflüstern kann. Das Ende des Duells: Schachmatt oder K.o.

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Soweit die Theorie. In der Praxis gehe es dagegen um größtmögliche Kontrolle, sagt Stoldt. Um die Beherrschung von Körper und Geist. Für ihn der größte Anfängerfehler: sich am eigenen Adrenalin zu berauschen, sich für unbesiegbar zu halten, am Brett wie im Ring. "Wer in der Runde gut getroffen hat, macht oft Fehler beim nächsten Zug und verliert wichtige Figuren", sagt er. Man müsse seinen Enthusiasmus zügeln, um sich beim Boxen wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: "Flucht oder Angriff, nach vorn oder zurück, es geht ums Überleben."

Wenn er über seinen Sport redet, wird Stoldt zum Analytiker. Er spricht über neurologische Studien, über Gehirnbereiche und die Vernetzung von Nervenzellen. Muhammad Ali und Garri Kasparow seien da völlig unterschiedlich gepolt. Frank dagegen greift sich das Beste beider Welten: die Boxkunst ohne den Schläger-Stumpfsinn eines Mike Tyson, die Schachkunst ohne zögerliches Gehabe. "Mit Zigarre und Cognacschwenker stundenlang über dem selbstgeschnitzten Brett, das ist nichts für mich", sagt er.

Dann schon eher der Profi-Fight, so wie 2007, als er gegen den Amerikaner David "Double D" Depton den Weltmeistergürtel errang. "Eine unerträgliche Hitze, Tausende Zuschauer, die alle gebannt auf die Partie starren - da entsteht ein riesiger Druck", sagt Stoldt. Schachboxen ist für ihn die Disziplin des 21. Jahrhunderts. "Ein neuer Sport für eine neue Zeit." Irgendwann soll er olympisch werden, das meint er ganz ernst. Beim Biathlon, dieser anderen Hybrid-Sportart, habe das ja schließlich auch geklappt. In ganz Europa seien Schachbox-Klubs entstanden, in der großen Box- und Schachnation Russland sowieso. Gerade erst habe ein Verein in Indien eröffnet, und sogar in Afrika gäbe es "intellectual fighters", sagt Stoldt.

Er selbst hat fleißig missioniert, im Kosovo und in Kabul, wo er als Polizeiausbilder der Vereinten Nationen stationiert war und mit Einheimischen trainierte. Und das nicht ohne Grund: "Bei Demonstrationen darf ich auch nicht einfach so losknüppeln und körperliche Gewalt einsetzen. Man muss abgeklärt bleiben, aber immer auf der Hut sein, falls man angegriffen wird." Schachboxen, sagt er, das sei so etwas wie eine Philosophie.

Zur Person

Frank Stoldt, 42 Jahre alt, 86 Kilo schwer , Halbschwergewicht, in Wedding geboren und aufgewachsen, ist Polizeibeamter, Vater zweier Kinder und Schachboxweltmeister. 2007 bildete er für die Vereinten Nationen Polizisten im Kosovo aus. Jüngst ist er von einer Ausbildungsmission im afghanischen Kabul zurückgekehrt. „Anti Terror“, so sein Kampfname, wünscht sich einen groß aufgezogenen Showkampf, um seiner Disziplin zu mehr Popularität zu verhelfen, am liebsten unterstützt von den Klitschko-Brüdern.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

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