Ich bin ein Berliner

Frank Lüneberg – der Segler

Mehr als drei Millionen Menschen wohnen in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte – wie Segler Frank Lüneberg. Er erzählt, warum für ihn das Glück auf dem Steg beginnt.

Das Glück beginnt auf dem Steg. Auf jenen schlichten Gittern aus Metall, unter denen der Stößensee plätschert. Für ihn sind diese Gitter die Brücke in eine andere Welt. All das, was ihn bewegt, was ihn belastet, was ihm Energie raubt. Das stellt er hier ab wie einen schweren Rucksack. "Dann habe ich den Rücken frei", sagt er. So einfach ist das.

Frank Lüneberg kann sich keine bessere Methode vorstellen, den Alltag hinter sich zu lassen. Seit mehr als 30 Jahren segelt er auf Berliner Gewässern. Seit er zum Studium aus Niedersachsen hierher kam und sich mit seiner damaligen Freundin nach einer gemeinsamen Freizeitaktivität umgesehen hat. Die Freundin ist längst seine Frau. Vom Segeln können sie nicht mehr lassen. Genauso wenig wie die erwachsenen Kinder, der Sohn und die Tochter. Sie wissen, was sie fasziniert.

Manchmal streichelt der Sommerwind die Haut, manchmal brennt der Regen in den Augen, manchmal kämpft man mit aller Gewalt gegen das Kentern – ein Glück ist es immer, mit dem Boot unterwegs zu sein. Frank Lüneberg setzt alles daran, dieses Glück Berliner Kindern und Jugendlichen näher zu bringen. Der Jugendobmann des Berliner Segler-Verbandes trainiert in seinem Klub am Rupenhorn in Charlottenburg den Nachwuchs. Rund 40 Jung-Segler macht er wasserfest.

"Segeln, das ist so eine komplexe Sportart, die von den Kindern alles abverlangt", sagt der 51-Jährige. Kopf. Körper. Sie spüren die Wellen, den Wind. Sie lernen fürs Leben. Sie lernen nicht nur, sich im Zweierboot abzusprechen, im Team zu arbeiten, Ältere zu fragen, Jüngeren zu helfen. Sie lernen auch, mit Naturkräften, mit Elementen umzugehen, die unberechenbar sind, aber auch beherrschbar, wenn man sich auskennt. Das, was hier rauscht und pfeift, was nass und kalt ist – das ist echt. Das ist kein Spiel. Das kann man nicht einfach ausschalten, wenn es keinen Spaß mehr macht. Das muss man durchhalten. Und wenn das Boot umkippt, muss man es mit vereinten Kräften wieder aufrichten. Frank Lüneberg mag es, wenn seine Zöglinge gerade dann richtig loslegen, wenn es schwierig wird. "Das ist etwas, was mich motiviert", sagt er, "dass die Kinder bei unterschiedlichen Winden keine Ängste entwickeln, sondern noch mehr Spaß." Manchmal fließen auch Tränen. Wenn eine Böe ein Segel erfasst und eine Stange gegen einen Kopf knallt. Das tut weh. Dann redet Frank Lüneberg seinem Zögling gut zu. Empfiehlt, mit Wasser zu kühlen. "Gleich ist es vorbei", sagt er. Und dann ist auch bald schon wieder alles gut.

Er würde gerne noch mehr Kinder aufs Wasser bringen. Die Havel, der Müggelsee, der Schwielowsee – welche andere Stadt bietet mit seinem Umland mehr Möglichkeiten? Zigtausende Berliner Mädchen und Jungen spielen Fußball, rasen mit Hockeyschlägern über die Spielfelder. Gerade mal 2100 Kinder und Jugendliche der Hauptstadt können anluven und kreuzen und wissen, was eine Halse ist. Umso bemerkenswerter, dass die Berliner Segeljugend im internationalen Wettbewerb ziemlich gut da steht. Frank Lüneberg leistet einiges dafür. Er leistet überhaupt einiges für Berliner Jugendliche. Auch in seinem Beruf als Sozialarbeiter im Jugendamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Seit 22 Jahren besucht er zudem die Insassen der Jugendstrafanstalt und bietet ihnen Anti-Gewalt-Training an. Für sein Engagement wurde er bereits mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Das ist eine schöne Auszeichnung. Was ihn antreibt, ist etwas anderes: Das Bedürfnis, noch viel mehr jungen Menschen klar zu machen, dass das Glück auf dem Steg beginnt.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times . Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed . Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist . (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

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