Berliner Perlen

In Charlottenburg bekommt man seine Extrawurst

| Lesedauer: 6 Minuten
Martin Schwarz
Seit 20 Jahren eine Institution in Sachen österreichischer Feinkost: Iris Holborns Laden in der Leonhardtstraße.

Seit 20 Jahren eine Institution in Sachen österreichischer Feinkost: Iris Holborns Laden in der Leonhardtstraße.

Foto: Martin Schwarz

Seit knapp 20 Jahren ist das Feinkostgeschäft „Feines aus Österreich“ Treffpunkt für Liebhaber von Spezialitäten aus dem Alpenland.

Berlin. Wenn wir uns in den „Berliner Perlen“ auf die Suche nach besonderen Dienst­leistern, Ladenbesitzern oder Handwerkern machen, dann begegnen sie uns recht regelmäßig: die Überzeugungstäter. Jene Menschen also, die eine Sache gefunden haben, für die sie brennen, und die ihre ganze Energie in dieses Vorhaben stecken.

Eine Überzeugungstäterin par excel­lence ist Iris Holborn. Im September ­feiert sie mit ihrem Feinkostladen „Feines aus Österreich“ 20-jähriges Bestehen, und damals wie heute ist es für sie ganz normal, 60 Stunden oder mehr in der Woche in ihr Geschäft zu investieren. „Ich liebe es nun mal, Dienstleisterin zu sein“, sagt sie und lächelt, fügt aber auch hinzu: „Ich habe verlernt, wie es sich anfühlt, Zeit zu haben.“ Wobei: Seit vier bis fünf Jahren gönnt sie sich den „Luxus“, im Sommer ganze zwei Wochen Betriebsurlaub zu machen.

Außerhalb dieser kurzen Periode ­besteht ihr Alltag von Montag bis Sonnabend darin, morgens sehr früh aufzustehen, um Besorgungen zu machen und jene Spezialitäten selbst herzustellen, die sie in ihrem Laden im Angebot hat: verschiedene ­Salate, den zugegeben bayerischen Obazda – eine Creme aus Weichkäse und Quark – sowie die österreichische Variante „Liptauer“, die ohne Käse auskommt, dafür aber viel „Topfen“, also Quark, und Kümmel beinhaltet. Dazu Kuchen, Schnitzel und frische Brotaufstriche. Nicht zu vergessen den täglichen Mittagstisch, jeden Freitag gibt es Marillenknödel mit Bröselbutter. Ihr Lieblingsschmankerl: der selbstgemachte Wurstsalat aus der „Extra­wurst“. „Extrawurst“? Ja, so heißt ganz offiziell jene österreichische, sehr feine Brühwurst, die aus Rind- und Schweinefleisch hergestellt wird, und die für Iris Holborn einer der Gründe dafür war, diesen Laden überhaupt zu eröffnen.

Rund um die Leonhardtstraße leben viele Österreicher

Denn die Liebe zog die gelernte Hotelfach­frau anno 1987 von Österreich nach West-Berlin. Und da vermisste sie eben ihre „Extrawurst“. Der erste Gedanke: Könnte man nicht „Butter Lindner“ auf Österreichisch versuchen? Gedacht, getan: Mit dem österreichischen Großmetzger Hörtnagl aus Hall in Tirol fand sie einen hochwertigen Lieferanten für Wurstprodukte, auch Lieferanten für andere Spezialitäten aus dem Alpenland wie Süßigkeiten der Firmen „Manner“, „Auer“ oder Pischinger“ oder österreichische Getränke wie der „Almdudler“ wurden organisiert.

Und so konnte die heute 54-Jährige im September 2002 ihren Laden „Feines aus Österreich“ eröffnen, und das in der adret­ten Leonardtstraße in Charlottenburg. Und das Konzept ging vom ersten Tag an auf. „Es stellte sich heraus, dass in diesem Kiez viele Österreicher ­wohnen“, erzählt Holborn. Und die avancierten zu Stammkunden, aber nicht nur die. Und wenn mal ein Landsmann oder eine Landsfrau etwas Feines aus Österreich im Sortiment vermisste, gab sich die Inhaberin redlich Mühe, das Gewünschte zu besorgen.

So hat sich das Sortiment mit den Jahren verfeinert, das alkoholfreie Bier „Null komma Josef“ ist ebenso zu haben wie Marmeladen der Firma „Aufreiter“, geriebener Graumohn, österreichische Semmeln und „Vinschgerl“ sowie ­diverse Sorten Käse. Und was links gestapelt auf den ersten Blick aussieht wie Popcorn, das ist Knödelbrot, also quadratische Semmelstücke zur Herstellung von Knödeln.

Delikatessen in Berlin - Mehr zum Thema:

Feinstes aus aller Welt: 10 Läden für Genießer in Berlin

Bei "La Käserie" ist französischer Käse der Star

„Bravo Bravko“: Hier gibt es Kreuzbergs süße Sünden

Deutsche Küche genießen: 10 besondere Adressen in Berlin

In den Lockdowns bildeten sich lange Schlangen vor dem Laden

Und wie lief es in den ersten Pandemie-Lockdowns? Als Lebensmittelanbieterin musste Iris Holborn ihren Laden ja nicht schließen. Sie lächelt gequält und sagt: „Ich muss zugeben, dass ich ein Profiteur von Corona bin. Große Schlangen haben sich vor meinem Laden gebildet, es durften ja nur zwei Kunden gleichzeitig im Laden sein. Das war aber auch extrem anstrengend, auch weil die Stimmung unter den Wartenden nicht immer die beste war.“

Unterstützung erhält Iris Holborn seit rund zehn Jahren von Pia, die drei Tage in der Woche aushilft. Und Pia erzählt von einer der größten Tücken, die es bei „Feines aus Österreich“ am Anfang zu ­bewältigen gab: die ­korrekte Handhabung der Wurstschneidemaschine. „Denn die ­,Extrawurst‘ schmeckt nur dann richtig gut, wenn sie hauchdünn ­geschnitten ist“, erklärt die Aushilfe, „und das muss gelernt sein“.

Doch mittlerweile ist die ­gebürtige Berlinerin ein Ass an der ­„Extrawurst“, und nicht nur dort. Wie die Chefin kann auch Pia wunderbar erklären, was die Vorzüge von „doppelgriffigem Mehl“ sind und warum man mit Semmelbrösel eine viel bessere Schnitzelpanade hinbekommt als mit Paniermehl. Ist da etwa eine zweite Überzeugungstäterin ­herangewachsen?

Feines aus Österreich Leonhardtstr.11, Charlottenburg, Mo. –Fr. 9 –18, Sbd. 9–14 Uhr, www.feinesausoesterreich.org

Österreichische Küche in Berlin (Auswahl)

  • Alt-Wien Hufelandstr. 22, Prenzlauer Berg, Tel. 70 12 96 10, Di. – Sbd. 18 – 22 Uhr, So. 12 – 22 Uhr, www.altwien-berlin.de
  • Austria Bergmannstr. 30, Kreuzberg, Tel. 694 44 40, Mo.–Do. 16–22 Uhr, Fr.+Sbd. 12–22.30 Uhr, So. 12–22 Uhr, www.austria-berlin.de
  • Einstein Stammhaus Kurfürstenstr. 58, Schöneberg, Tel. 263 91 90, tgl. 9–23 Uhr, www.cafeeinstein.com
  • Felix Austria Bergmannstr. 26, Kreuzberg, Tel. 61 67 54 51, tgl. 12–24 Uhr, www.felix-austria.eatbu.com
  • Jolesch Muskauer Str. 1, Kreuzberg, Tel. 612 35 81, Mo.–Sbd. 17–22 Uhr, So. 12–24 Uhr, www.jolesch.de
  • Josl Berlin Pestalozzistr. 70, Charlottenburg, Tel. 0179/ 950 95 62, Di–Sbd. 17–22 Uhr, www.josl.berlin
  • Louis Richardplatz 5, Neukölln, Tel. 681 02 10, tägl. 12.30–22.30 Uhr, www.cafe-restaurant-louis.de
  • Mutzenbacher Libauer Str. 11, Friedrichshain, Tel. 95 61 67 88, Mo.–Fr. 17-23 Uhr, Sbd.+So. 12–23 Uhr, www.mutzenbacher-berlin.de
  • Österelli Bismarckstr. 6, Charlottenburg, Tel. 46 99 75 66, Di.–Fr. 12–21 Uhr, Sbd.+ So. 13–21 Uhr, www.oesterelli.com
  • Sissi Berlin Motzstr. 34, Schöneberg, Tel. 21 01 81 01, Sbd., So. + Di. 17–23 Uhr, Mo. + Mi.–Fr. 17–22.30 Uhr, www.sissi-berlin.de

Genießen in Berlin - Lesen Sie auch:

Das sind die zehn besten Konditoreien in Berlin

Das sind die zwölf besten Weinläden in Berlin

Hier gibt es die besten Süßigkeiten in Berlin