Berliner Perlen

"Hammett" in Kreuzberg: Wo Krimifans auf ihre Kosten kommen

Seit 20 Jahren betreibt Christian Koch die Krimibuchhandlung „Hammett“ an der Friesenstraße. Fast 7000 Titel hat er vorrätig.

Vom Zaunbauer zum Buchhändler: Christian Koch in seinem 35 Quadratmeter großen Laden.

Vom Zaunbauer zum Buchhändler: Christian Koch in seinem 35 Quadratmeter großen Laden.

Foto: Katrin Starke

Berlin. Die junge Frau lässt den Blick über die „Top 10“ gleiten, die Christian Koch auf dem Tresen seiner Krimibuchhandlung „Hammett“ ausgelegt hat. Sie habe einen Krimi von Lee Child gelesen. Der habe ihr gut gefallen, wegen des charismatischen Ermittlers. Ob er ihr Vergleichbares empfehlen könne, will sie von Koch wissen.

Der 55-Jährige muss nicht lange überlegen, zieht ein Buch aus dem Regal, greift ein weiteres aus dem Aufsteller mit den Neuerscheinungen – und beginnt zu erzählen. Darüber, welcher Typ in dem einen Krimi ermittle, in welchem Umfeld der andere Roman spiele.

Christian Koch ist ein wandelndes Lexikon, wenn es um Kriminalliteratur geht. Und wenn er etwas empfiehlt, begründet er warum – nachdem er sich zuvor erkundigt hat, welche Art von Krimis der Kunde gern liest. „Das Gros der Leute will beraten werden“, sagt Koch.

Er liebt es, Kunden zu beraten

Das hatte er nicht vermutet, als er vor ziemlich genau 20 Jahren das „Hammett“ übernahm. „Da dachte ich, hierher kommen die Freaks, die genau wissen, dass sie den zwölften Band von Autor X oder den siebten von Y haben wollen.“ Koch wurde eines Besseren belehrt und ist froh darüber. Er liebt es, seine Kunden zu beraten. Besonders glücklich ist er, „wenn jemand etwas sucht, das überhaupt nicht meinem Geschmack entspricht, ich denjenigen aber trotzdem zufriedenstellen kann“.

Seine Fundgrube ist die Erfahrung – und sein gutes Gedächtnis. Es sei „eine besondere Gabe“, dass er heute noch über Romane referieren könne, die er vor Jahren gelesen habe. Jede Woche kommen zwei neue Krimis dazu. Früher habe er vier pro Woche gelesen, das schaffe er jetzt nicht mehr.

Von der Aushilfe quasi über Nacht zum Ladeninhaber

Dass er einmal als „Krimi-Dealer“ zu einer Institution werden würde, hätte sich Koch nicht träumen lassen, als er 1997 nach Berlin kam. In seiner Heimatstadt Hannover hatte er als Zaunbauer gearbeitet, sich in Berlin zunächst mit Wohnungsrenovierungen und Stucksanierungen seinen Lebensunterhalt gesichert. Zufällig erfuhr er, dass die damalige Inhaberin des 1995 eröffneten „Hammett“ Unterstützung brauchte. Nur kurz hatte er als Aushilfe bei ihr gearbeitet, als sie ihm anbot, das Geschäft zu übernehmen. Eine Nacht lang dachte er darüber nach, dann sagte er zu.

Deutschlandweit war das „Hammett“ eine der ersten Buchhandlungen mit eigenem Internetauftritt. Bis heute stellt Christian Koch Monat für Monat alle Neuerscheinungen samt Inhaltsangabe online. „Im Laufe der Jahre sind so 32.617 Datensätze zusammengekommen“, sagt der 55-Jährige. Interessierten Kunden schickt er seinen monatlichen Newsletter. „Im Netz gibt es die neutrale Info, per Mail meine Bewertungen.“

Die gängigen Bestseller seien kein Grund, ins „Hammett“ zu kommen, sagt Koch. Sein Sortiment geht in Richtung Noir und Underground, umfasst deutschsprachige ebenso wie internationale Autoren. Um die 2700 neue Bücher hat Koch in seiner lediglich 35 Quadratmeter großen Buchhandlung, hinzu kommen geschätzt etwa 4000 gebrauchte Krimis, darunter zahlreiche englischsprachige.

Kultbücher und Entdeckungen

Es sind teils verschüttete Klassiker, in denen ein Mord manchmal nur der Aufhänger ist, in denen es vielmehr um Beschreibungen von Milieus geht. Das Antiquariat sieht Koch als „wunderbare Ergänzung an Büchern, die es sonst nicht mehr gibt“. Nur ein einziges Mal in 20 Jahren habe er einen größeren Posten Gebrauchtbücher angekauft. Ansonsten verkauft er, was ihm Leute tütenweise in den Laden bringen und wofür er sich mit einem „Hammett“-Gutschein bedankt.

Sorge, dass es im Antiquariat mal leere Regale geben könnte, hat Koch nicht. Im Gegenteil: „Die junge Generation ist sehr mobil, da nimmt keiner 500 Bücher mit, wenn er für ein paar Monate nach Neuseeland umzieht.“ Die Zeiten, in denen die Mieten günstig waren, um sich ein Bücherzimmer zu leisten, seien auch vorbei.

Ob er einen Lieblingsautor hat? Koch schüttelt den Kopf. Aber „Magic Hoffmann“ von Jakob Arjouni sei schon ein Kultbuch, die Berlin-Beschreibungen darin „ähnlich bedeutend wie in Döblins ,Berlin Alexanderplatz‘“. Und ein zeitloser Klassiker über Korruption und Verbrechen sei natürlich „Rote Ernte“ von Dashiell Hammett – dem Namensgeber des Krimibuchladens. Sechs bis acht Lesungen veranstaltet Christian Koch pro Jahr, meist im Kreuzberger Wasserturm oder in der befreundeten Buchhandlung „Otherland“. Zudem ist er sechsmal im Jahr live auf „Radioeins“ in der Sendung „Bücherliste“ zu hören.

Krimibuchhandlung Hammett, Friesenstraße 27, Kreuzberg, Mo.–Fr. 10–20 Uhr, Sbd. 9–18 Uhr, Tel. 691 58 34 www.hammett-krimis.de