Berliner Perlen

Schirme mit Charme - made in Steglitz

Bei Schirmmacher Rolf Lippke ist der Regenschutz kein Wegwerfprodukt. In seinem Steglitzer Geschäft gibt es handgefertigte Unikate.

Rolf Lippke stammt aus einer Schirmmacher-Dynastie und legt Wert auf gute Beratung.

Rolf Lippke stammt aus einer Schirmmacher-Dynastie und legt Wert auf gute Beratung.

Foto: Katrin Starke

Als eine ältere Dame den kleinen Laden von Rolf Lippke betritt und nach einem Stockschirm verlangt, ist der gelernte Schirmmacher in seinem Element. Ein Langschirm mit Holzstock, angesetztem Griff und manueller Öffnung? Oder eher ein Automatik-Modell mit durchgehendem Stahlstock?

Die Freude darüber, dass sich jemand für einen „richtigen“ Schirm interessiert, steht dem gebürtigen Oberlausitzer ins Gesicht geschrieben. Meistens würden Taschenschirme verlangt, sagte der 56-Jährige – und zeigt auf die Auslagen hinterm Tresen, in dem sich ein faltbares Modell ans andere reiht. „27 Zentimeter lang mit Automatik, Standardgröße“, sagt Lippke.

Manchen Kundinnen sei selbst der noch zu groß, der passe nicht in die Handtasche. Ein Argument, das Lippke nicht gelten lässt. „Kaufen Sie doch erst den Schirm und dann die Tasche“, rät er schon mal, öffnet anschließend aber doch eine Schublade und holt ein noch kleineres Modell hervor. Nur 20 Zentimeter lang und „ultraleicht“, dafür aber nur mit sechs Streben. „Bei Sturm ist das nichts“, mahnt Lippke.

Robuste Stockschirme halten ein Leben lang

Es gehe doch nichts über einen robusten Stockschirm. Hunderte davon hat Lippke zur Auswahl – Schirme deutscher und österreichischer, französischer und italienischer Firmen. Klassische Ausführungen hängen neben geschwungenen Pagodenschirmen, Schirme mit dezent karierten Mustern neben einem Paraplü mit floralem Design. Auch kleine Sonnenschirme mit UV-Schutz-Stoff finden sich in Lippkes Sortiment.

Wer keinen Schirm „von der Stange“ haben möchte, kann sich bei ihm ein handgefertigtes Einzelstück bestellen. Mit einem Stock aus Kastanienholz oder Esche, mit Griff in Form eines Hunde- oder Entenkopfes. Zwischen rund 50 verschiedenen Griffen können die Kunden wählen, ebenso zwischen unzähligen Bezugsstoffen.

Die Bezüge näht Lippke zu Hause, die Gestelle fertigt er im Hinterzimmer seines Ladens. Auf Maschinen, die man gut und gerne historisch nennen darf. Die Federeinschneidemaschine, mit der der Hohlraum für die Feder am Schirmstock gefräst wird, hat 90 Jahre auf dem Buckel. „Die ist noch von meinem Großonkel aus dem Sudetenland“, sagt Lippke, der aus einer alten Schirmmacherdynastie stammt, die über viele Jahrzehnte eine Schirmfabrik betrieb – erst im Sudetenland, dann zu DDR-Zeiten im sächsischen Ebersbach.

Eine Ausbildung gibt es nicht mehr

„Heute gehöre ich einer aussterbenden Spezies an“, bedauert Lippke. 1998 sei der Beruf des Schirmmachers in Deutschland von der Liste der Ausbildungsberufe gestrichen worden. „Neben zwei Kollegen in Cottbus und Weimar bin ich im Osten Deutschlands der letzte Mohikaner“, sagt der 56-Jährige.

Vor ein paar Jahren stellte er jährlich gerade mal noch drei Dutzend Schirme selbst her. Mittlerweile würden wieder mehr Kunden den Wert eines in Handarbeit produzierten Schirms erkennen. „Bei guter Pflege hält der lebenslang“, sagt Lippke. Geht doch mal ein Schieber kaputt, ist ein neuer Bezug fällig oder verbiegt sich eine Strebe, repariert der Schirmmacher das gute Stück wieder – auch wenn der Schirm weder von ihm gefertigt noch bei ihm gekauft wurde.

Fehlt ein Ersatzteil, macht Lippke notfalls auch selbst eine vernickelte Stahlstrebe passend. „Im Osten haben wir ja gelernt zu improvisieren“, sagt er und lacht. Manchmal komme es vor, dass jemand einen Schirm reparieren lasse, obwohl das teurer sei, als der Schirm beim Kauf gewesen sei. „Wenn zum Beispiel Erinnerungen dranhängen“, sagt Lippke.

Geschäft mit Tradition

An seinem Firmenstandort in der Kieler Straße in Steglitz hielten sich Verkauf und Reparaturaufträge in etwa die Waage, sagt Lippke. Im Wedding, wo er zuvor ansässig war, hätte kaum noch jemand einen Schirm reparieren lassen. „Da war nur noch Partymeile.“ Der Grund auch, warum er sich vor zwei Jahren zum Umzug nach Steglitz entschied – in die frei werdenden Räume von „Schirm-Schirmer“.

Den Firmenschriftzug im Schaufenster mit den silbrig glänzenden Lettern aus der Zeit der Weimarer Republik hat er unverändert gelassen. „Beim Einzug hier habe ich noch den Mietvertrag der alten Betreiber von 1927 gefunden“, erzählt Lippke. Ein Traditionsgeschäft, wenn auch nicht ganz so alt wie die Schirmmachertradition in Lippkes Ahnentafel.

Schirmmacher Rolf Lippke Kieler Str. 6, Steglitz, Tel. 791 66 24, Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sbd. 10–14 Uhr, www.schirmmitcharme.de