Berliner Perlen

Ganz schön kleinteilig: Mosaike aus Charlottenburg

Francesca Macherone übt ein jahrtausendealtes Handwerk aus und stellt klassische und moderne Mosaike her.

In ihrem Geschäft „La camera chiara“ an der Pestalozzistraße organisiert Mosaik-Künstlerin Francesca Macherone auch Ausstellungen.

In ihrem Geschäft „La camera chiara“ an der Pestalozzistraße organisiert Mosaik-Künstlerin Francesca Macherone auch Ausstellungen.

Foto: Massimo Rodari

Charlottenburg. Neben der Synagoge an der Charlottenburger Pestalozzistraße hat Francesca Macherone ihr Mosaik-Studio eröffnet. An der Wand hängen Künstlerporträts von Mick Jagger und David Bowie, ein Tisch ist bedeckt mit orangefarbenen Steinen, die ein Plakat des Hitchcock-Klassikers „Vertigo“ bilden. Ein bis zwei Monate arbeitet die stets in Schwarz gekleidete Ex-Römerin an einem der Kleinstein-Kunstwerke.

Ein Erlebnis veränderte ihr Leben schlagartig

Seit einem Jahr verkauft sie ihre Arbeiten in dem kleinen Ladengeschäft. „Ich liebe diese Gegend“, erzählt die 56-Jährige, „sie hat Flair und Stil. Genau das Richtige für meine Mosaike.“ Vor fünfzehn Jahren hatte ein Erlebnis ihr Leben schlagartig verändert. „In einer Ausstellung über Mosaike, die in Rom ja eine jahrtausendealte Tradition haben, wurde gezeigt, wie aufwendig und kreativ diese Kunstwerke hergestellt werden. Ich habe sofort Feuer gefangen und beschlossen, die Technik zu erlernen“, erzählt sie mit italienischem Akzent. Vorher hatte sie mehr als zwanzig Jahre als Restauratorin für Gemälde, Fresken und Steinskulpturen gearbeitet. „Insofern war das nichts völlig Neues für mich“, sagt sie. Künstlerisches Handwerk sei ihr Metier. Sie belegte Mosaikkurse, bildete sich autodidaktisch durch Bibliotheksbesuche und Internetrecherche weiter. Außerdem besuchte sie Mosaikkünstler in der Ewigen Stadt.

Vor acht Jahren zog Francesca Macherone nach Berlin. „Ich wollte einen Neuanfang machen, Rom hinter mir lassen. Berlin war damals im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen wie London, Paris oder auch Rom, gerade was Wohnen und Essengehen betrifft, günstig“, erklärt sie. Als Teenager hatte sie „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders gesehen, „deshalb besaß diese Stadt für mich etwas Magisches, Märchenhaftes.“ Allerdings sei Berlin 2010 anders gewesen als im Film. Anfangs habe sie gejobbt und sich in der Mosaik-Herstellung weitergebildet.

Byzantinisch gestaltete Tische oder Lampen-Unikate

Sehr viele ihrer Arbeiten sind nicht im Ladengeschäft mit angeschlossener kleiner Galerie zu sehen. „Die meisten Stücke, die ich verkaufe, sind Auftragsarbeiten, die nehmen die Kunden gleich mit nach Hause“, sagt Macherone. Bis die Mosaike fertig sind, kann es ein bis zwei Monate dauern, auch wenn die Arbeiten nicht größer sind als 40 mal 40 Zentimeter. Wenn man ihre kleine Werkstatt betritt, versteht man den großen Zeitaufwand. Auf einer Arbeitsplatte liegen Hunderte kleine Steine, die einzeln von Macherone bearbeitet wurden. Häufig verwendet sie Vorlagen, Zeichnungen oder Fotografien, auf die die Steine gelegt werden. Wenn alles passt, werden die Steine nochmals in die Hand genommen und auf Holz geklebt.

Neben der Arbeitsplatte steht ein hüfthoher schwerer Holzklotz. In ihm steckt ein stählerner Spaltkeil. Mit einem speziellen Mosaikhammer bearbeitet die Kunsthandwerkerin jeden einzelnen Stein. Hunderte, manchmal mehr als tausend Steine formt sie mit den Werkzeugen, einige wenige Millimeter dünn. Ja, manchmal treffe sie auch die Finger, wenn sie kleine Steine bearbeite. Oft scheint es nicht zu passieren, die Hände scheinen unversehrt. In Dutzenden Farbnuancen aus Marmor und mehr als hundert Farben venezianischen Glases lagern die daumennagelgroßen Rohmaterialien akribisch sortiert im Regal. „Indem ich diese Materialien mische, den matten Marmor und die glänzenden Glassteine, sie heißen Smalti Veneziani, erreiche ich eine größere Plastizität“, erklärt Macherone.

Porträts scheinen lebendig zu werden

Die Wirkung ist frappierend. Fast scheinen die Porträts von Mick Jagger, David Bowie oder Miles Davis lebendig zu werden. Filigran ist die Zusammensetzung, winzige weiße Marmorstückchen werden zur Lichtspiegelung der Pupillen. „Diese Musiker sind meine Helden“, sagt Macherone. Alle Materialien bezieht sie aus Italien. „So bleibe ich meiner Heimat verbunden. Außerdem bekomme ich dort beste Qualität.“

1600 Euro kostet ein 40 mal 40 Zentimeter großes Porträt, 650 Euro verlangt sie für 20-mal-20-Zentimeter-Arbeiten. Es gibt auch günstigere Mosaike ab 65 Euro, die schlichter gearbeitet sind. Eine Besonderheit ist die Fertigung von Tischen. Dabei werden die Steine auf eine Leinwand gelegt. Zum Schluss erfolgt das Fixieren mittels einer Ausgleichsmasse auf Zementbasis. Anschließend wird die Arbeit umgedreht und glänzt mit glatter Fläche. „Bei dieser als indirekte Methode bezeichneten Arbeitsweise muss ich sozusagen abstrakt visuell umgekehrt denken und arbeiten“, erklärt Macherone. Rund 1500 Euro kosten die Mosaiktische, die Macherone auf Wunsch auch in klassisch byzantinischen Motiven fertigt. „Der Preis hängt von dem Format, dem Unterbau und dem Motiv ab“, sagt sie.

Bei Spaziergängen im Wald sammelt die Künstlerin armdicke Äste. In der Werkstatt werden sie geschält und poliert, dann wird das Holz mit Mosaiksteinen besetzt und eine große LED-Fadenbirne mit Fassung eingebaut. 195 Euro kostet ein solches Lampen-Unikat.

Information

Bis 8. Dezember zeigt Francesca Macherone in der kleinen Sonderschau „Sketches of Miles“ Schwarz-Weiß-Mosaike mit Miles-Davis-Motiven, Künstlerin Angelika Adam stellt dazu Kohlezeichnungen des Trompeters aus.

La camera chiara, Pestalozzistraße 13, Charlottenburg, Tel. 33 93 08 24, Di.–Fr. 12–19,
Sbd. 10–15 Uhr, www.lacamerachiara.de

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