Berliner Perlen

Beratung spielt bei "C. Adolph" die Schlüsselrolle

Schon seit 1898 gibt es das Eisenwarengeschäft am Savignyplatz in Charlottenburg. Inhaber Detlef Savary pflegt der Tradition des Kultladens.

Er setzt auf persönliche Beratung: Detlef Savary, gelernter Schlosser und Inhaber von C. Adolph Eisenwaren

Er setzt auf persönliche Beratung: Detlef Savary, gelernter Schlosser und Inhaber von C. Adolph Eisenwaren

Foto: Jörg Krauthöfer

Charlottenburg. „Nicht erschrecken, da sind Hunde. Können laut werden“, warnt Detlef Savary, während er hinter den Verkaufsraum führt. „Sind aber angekettet“, sagt er noch. Der Inhaber der Eisenwarenhandlung C. Adolph hat nicht übertrieben: Der Sound der drei Vierbeiner erinnert an Szenen aus Mythologie oder Fantasy-Streifen. Welche Schätze mögen sie wohl hüten?

Der Gang endet in einer kleinen Schlüsselwerkstatt aus dem Vorgestern. Eine Sammlung diverser Bartschlüssel – früher Standard – samt Rohlingen und ebenso antiquierten Schlössern säumt die Wände. Davor das nötige Werkzeug. Der Traditionsladen, seit mehreren Generationen am Savignyplatz zu Hause, ist einer von wenigen in Berlin, der sogenannte Altberliner Schlüssel kopiert oder nach Vorlage des Schlosses nachfertigt. Diesen Service übernimmt der gelernte Schlosser Detlef Savary persönlich. „Unser Schlüsseldienst gilt natürlich auch für fast alle modernen Schlösser“, sagt der Chef auf dem Weg vor eine raumhohe Schrankwand aus der Gründerzeit mit unzähligen Schubladen, an jeder ein Musterstück des Inhalts. Originaleinrichtung von 1898, als Firmengründer und Namensgeber Christian Adolph den Laden eröffnete. Auch heute noch ist er voller Schätze. Stifte für Messing-Türklinken etwa: in Baumärkten nicht zu finden, hier für 60 Cent das Stück. Oder Dinosaurier wie die kompakten Feilkloben, spezielle Schraubstöcke (49,80 Euro).

Der Verkauf von Eisen- und Haushaltswaren sowie Bühnenbedarf ist Hauptgeschäft des heute 55-jährigen Savary, der nach dem Berufsstart an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung bald von seinem Vater, seit 1978 Inhaber von „C. Adolph“, angeheuert wurde. Aus dem Hilfs- wurde ein Dauerjob, bis Detlef Savary vor 15 Jahren das Heimwerkerparadies übernahm. Stammkunde Knut Loewe: „Ein Hardware-Store alter Schule, wie es sie nicht mehr oft gibt.“ Seit 20 Jahren stöbert der Bühnenbildner hier, um „ausgefallene Waren“ zu ergattern, kauft dienstlich Theaterscharniere, Dekorationen. Findet immer das fehlende Puzzleteil. Es gibt nichts, was Detlef Savary nicht für seine Kunden auftreibt: von winzigen M1-Muttern bis zum Rasentraktor.

Weihnachtsbaum-Kerzenhalter aus eigener Produktion

Original italienische Gardinenstangen (14,80 bis 34,80 Euro) sind ebenso gefragt wie Weihnachtsbaum-Kerzenhalter, eine Erfindung und Eigenproduktion des Hauses (2,85 bis 7,80 Euro). Mit langem Stiel versehen, werden sie direkt am Baumstamm montiert. Zum Sortiment gehört auch Markenware wie die Iserlohner Haken der Firma Hermann Schwerter. Die ausgefallen geformten Kleiderhaken wurden bei einem Designwettbewerb der Iserlohner Firma kreiert. In der Haushaltswaren­abteilung finden sich Mehrzweck-Flaschenöffner (6,95 Euro), multifunktionale original japanische Eimer mit Deckel (19,95 bis 44,95 Euro), Retro-Mülltütenständer zu 14,80 Euro im 70er-Jahre-Design. „Die lassen wir speziell produzieren“, erklärt Detlef Savarys Ehefrau Margrit. Haushaltswaren sind ihr Spezialgebiet. Kurz vor der Wende aus der DDR ausgewandert, ist die dreifache Mutter – mit Unterbrechungen – seit 1990 im Geschäft als Angestellte dabei. „Als ich damals nach Charlottenburg kam, bewarb ich mich bei ‚C.Adolph‘, wurde eingestellt. So lernte ich meinen Mann kennen.“ Sie wurde Teil eines Teams, das sich mit vier weiteren Mitarbeitern gegenüber großen Ketten behaupten kann. Nicht zuletzt durch den besonderen Service: Auch kleinste Schrauben oder Muttern können einzeln gekauft werden.

Wie überleben als Einzelhändler im Haifischbecken der Baumärkte und Online-Shops? Die Zauberformel: persönliche Zuwendung, Hilfestellung, praktische Tipps. „Die Leute wollen beraten werden“, weiß Detlef Savary. Bei C. Adolph funktioniert das seit 120 Jahren. Deshalb ist der Kultladen längst eine Institution – weit über die Bezirksgrenzen Charlottenburgs hinaus, ist im Umland, aber auch in Hamburg und Stuttgart bis ins Ausland bekannt. Touristen, aus Israel etwa oder aus afrikanischen Ländern, schauen vorbei. „Von der Hausfrau bis zum Politiker, vom Rechtsanwalt bis zum Schauspieler“, skizziert der Chef die Bandbreite. Darunter Künstler wie Ben Wagin. „Der hat Hausrecht, wir machen viel für ihn“, sagt Savary und erinnert sich an ein besonderes Projekt, für das der Künstler eine beachtliche Anzahl Besenstiele und Wäscheständer kaufte. Eine bunte Fangemeinde also, für die das Eckhaus weit mehr ist als ein Fachgeschäft: einzigartiger Kieztreff. Wo der Kern der einstigen West-Berliner Stammklientel gern ein wenig verweilt, um wehmütig in Erinnerungen zu schwelgen an die Jahre, als „alles viel familiärer“ war, fern von Massentourismus, Konsumrausch und der Verdrängung kleiner Läden.

Zum perfekten Trip in die Vergangenheit gehört, abgesehen vom nostalgischen Flair, die Computerabstinenz. Selbst Rechnungen werden noch von Hand geschrieben. „Vieles muss man eben im Kopf haben. Auch woher nachbestellt wird“, sagt der Chef. „Und gut vernetzt sein. Per Telefon.“ Und obwohl er auf Online-Vertrieb verzichtet, ist sein Laden im Internet präsent: in Blogs und Portalen durchweg positiv bewertet, begeistert empfohlen, Tipp in ausländischen Online-Reiseführern. 120 Jahre alt – und doch im Hier und Jetzt. Der Methusalem ist eben zeitlos – ohne aus der Zeit gefallen zu sein.

Information

C. Adolph Eisenwaren Savignyplatz 3, Tel. 030/3138044. Mo.–Fr., 9–19, Sbd. 9–14 Uhr.