Berliner Perlen

Urbaner Schick für unterwegs

In seiner Friedrichshainer Manufaktur „packattack“ fertigt der gelernte Segelmacher Hannes Gebien Unikate. Ein Besuch.

Berliner Perle - PACKATTACK in Friedrichshain - Hannes Gebien

Berliner Perle - PACKATTACK in Friedrichshain - Hannes Gebien

Foto: Krauthöfer

Was haben ein Segel und eine Bürotasche gemeinsam? Vieles, zumindest bei der Taschenmanufaktur „packattack“. Ihr Gründer Hannes Gebien ist gelernter Segelmacher aus Schleswig-Holstein. Als solcher hat er in Lübeck und England gearbeitet, bevor ihn das Leben nach Berlin verschlug. Er folgte damals seiner Freundin, die hier studierte, und blieb in der Stadt hängen. Seinen Beruf gab er auf. Statt Segeln näht Hannes Gebien Taschenunikate.

Mit einer klassischen Reisetasche fing alles an. „Bei uns Segelmachern war das ein Übungsmodell, bevor wir große Segel nähen durften“, erzählt Gebien und stellt den „Weekender“ auf die Theke. „Den hier habe ich aus Resten von der Bundeswehr gemacht, beim Heer wird dieser Stoff für Abdeckungen benutzt.“ Schon als Auszubildender hatte Gebien Segeltuchreste gesammelt, die sonst im Müll gelandet wären. Daraus nähte er erste Taschen für Freunde. In seiner Berliner WG machte er auf einer Koffernähmaschine weiter und fuhr für die Endproduktion nach wie vor zu seinen Eltern nach Schleswig-Holstein. Er verkaufte inzwischen erfolgreich auf Flohmärkten und hielt wegen steigenden Arbeitsaufwandes schließlich nach einer Werkstatt Ausschau. Die fand er am Boxhagener Platz in Friedrichshain.

Ursprünglich sollte nur eine Werkstatt entstehen, „mit Publikumsverkehr hatte ich nicht gerechnet“, sagt Gebien. Doch bald „überfielen“ ihn die ersten Touristen – er stand unverhofft ohne Taschen da, hatte aber immerhin seine Renovierungskosten wieder in der Kasse. So kam es, dass „packattack“ zu einer Kombination aus Werkstatt und Laden wurde. Die Nähmaschinen stehen mitten im Raum und man kann Gebien und seinen Mitarbeitern bei der Arbeit zusehen. Drei Teilzeitkräfte beschäftigt er inzwischen und anders als der Student von einst, haben sie heute Profimaschinen zur Verfügung.

Oberstes Prinzip ist die Fertigung nach Wunsch

Oberstes Prinzip der Manufaktur ist es, alles nach Wunsch zu fertigen. Farbkombinationen, Materialien, Sonderfunktionen, Schlüsselhaken, Reflektorkanten und wo welche Innen- oder Seitentaschen hinkommen, das alles darf der Kunde individuell entscheiden. Abgesehen von Accessoires wie Federtaschen, Waschtaschen oder auch Tabakbeutelhüllen aus alten NVA-Zelten, stehen dabei vier Grundformen zur Auswahl, vom Bauchtaschenformat bis zum Reisegepäck in jeweils mehreren Größen.

Da gibt es die klassische Bürotasche, rechteckig und kastenförmig. Zweitens die sogenannten Coffeepounder, optisch an Fahrradtaschen angelehnte Handtaschen, deren kleinste Versionen auch als Bauchtasche tragbar sind. Sodann die trapezförmigen „Ponypacks“. Bei ihnen ist der Gurt schräg angesetzt, was besonders praktisch für Fahrradfahrer ist, da die Taschen beim Fahren perfekt auf dem Rücken sitzen und nicht ständig verrutschen. Und schließlich sind da die universell einsetzbaren Rucksäcke, die per Aufhängung auch zur Fahrradtasche werden können. Ausgangsmaterial ist ein widerstandsfähiges und wasserdichtes Corduragewebe, für den „Innenausbau“ nutzt Gebien alte Werbeplanen oder Produktionsreste. Der ökologische Aspekt ist ihm wichtig. „Mindestens die Hälfte der verwendeten Materialien ist alt oder recycelt“ sagt er, „außerdem kaufen wir alles ortsnah ein, bei mir kommt nichts aus China“. Gebien unterhält bis heute Beziehungen zu einer Segelmacherei, deren Produktionsreste er regelmäßig abholt. Dem Betrieb nutzen zehn Quadratmeter große Stücke nichts mehr, groß genug für Gebiens Taschen sind sie allemal. „Wir schließen da eine Lücke und beide Seiten haben etwas davon.“

Das Material macht die „pack­attack“-Taschen besonders robust. „Daneben achten wir bei der Konstruktion darauf, dass man überall gut herankommt und Reparaturen umstandslos möglich sind“, sagt Gebien und holt eine Umhängetasche hervor, die ganz offensichtlich schon länger im Einsatz war. „Die hat ein Pharmareferent fünf oder sechs Jahre lang täglich getragen, nun ist sie zurück und bekommt ihren Tüv.“ Abgestoßene Ecken und abgeriebene Kanten werden ausgebessert, außerdem der Klettverschluss erneuert, der an Haltekraft eingebüßt hat. „Danach hält sie noch einmal ein paar Jahre.“

Jede Tasche ist Einzelstück und Hingucker

„packattack“-Taschen wären allerdings nicht was sie sind, würden sie Langlebigkeit nicht mit ästhetischem Gespür verbinden und damit den Nerv der urbanen Schickeria treffen. Farblich abgesetzte Klappen, Kreuz oder quer aufgenähte Lederstreifen und eine Vielfalt kreativ ein- und aufgesetzter Schmuckstoffe und Detailarbeit machen jede Tasche zu einem Einzelstück und Hingucker gleichermaßen.

Gebien hat einen riesigen Fundus, aus dem er sich bedienen kann, „wahrscheinlich ließe sich damit ein mittelgroßes Theater ausstatten“. Verschiedene Ledersorten hat er parat, schottischen Tweed oder Stoffe aus einer toskanischen Familienweberei, die schon seit 1850 existiert. Und was lieben Touristen am meisten? Natürlich den gestickten Fernsehturm.

„packattack“ Manufaktur für Taschen Gärtnerstr, 10, Friedrichshain, Mo.–Sbd. 11 bis 18 Uhr, www.packattack.de