Berliner Perlen

Der Zauber des geschriebenen Wortes

Bücher hatten es Katrin Brandel schon als Kind angetan. In den 90er-Jahren gründete sie in Friedrichshagen ihr Antiquariat.

Auf dem Sofa in Katrin Brandels Antiquariat stöbern Buchliebhaber in alten Ausgaben

Auf dem Sofa in Katrin Brandels Antiquariat stöbern Buchliebhaber in alten Ausgaben

Foto: Christian Kielmann

Berlin. Gut gefüllte Bücherregale strahlen für viele Menschen Gemütlichkeit aus. Wer dies so empfindet und den Weg ins Antiquariat von Katrin Brandel, im Ortsteil Friedrichshagen am Müggelsee, gefunden hat, wird nicht enttäuscht werden. Hohe Regale voller Bücher, Bücherstapel auf dem Boden und am Fenster. Hier gibt es viel zu entdecken, denn die Antiquarin hat ihren drei Leidenschaften – Büchern, Kunst und der regionalen Geschichte – Raum gegeben. Neben dem Antiquariat gibt es in der Remise auf dem Hof, der ZeitGalerie, Kunst zu sehen, und ein kleiner Museumsraum lädt ein, den Friedrichshagener Dichterkreis näher kennenzulernen. Das Zentrum der Gemütlichkeit ist ein Sofa, inmitten der Bücher, das zum Schmökern einlädt.

In Zeiten von E-Books und dem Niedergang von Buchläden wirkt ein Antiquariat ein wenig aus der Zeit gefallen. Hier geht es um die Klassiker, die vergriffenen, die nicht wieder aufgelegten, die manchmal in Vergessenheit geratenen Bücher. Bücher für Liebhaber sind es, wie zum Beispiel „Die Geschichte von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg“ in lateinischer Sprache aus dem Jahre 1766, die Buchhändlerin Katrin Brandel in Händen hält und ihren Kunden in ihrem Refugium unweit der stadtbekannten Bölschestraße präsentiert. „In den 20er- und 30er-Jahren bummelten die Leute die Bölschestraße hinunter und die Scharnweberstraße wieder hinauf“, erzählt Brandel, die auch eine leidenschaftliche Kennerin der Friedrichshagener Geschichte ist.

Hier besitzen die Büchernoch einen eigenen Duft

Heute steht die Parallelstraße im Schatten der sogenannten Bölsche, und die meisten Kunden steuern das Antiquariat gezielt an. Da gibt es den Sammler, der nur Ausgaben von „Hermann und Dorothea“ von Johann Wolfgang von Goethe sucht, oder den, der nur Halbleder­ausgaben – Bücher, deren Rücken und Ecken aus Leder sind –, die vor 1900 erschienen sind, kauft. Für ihre Sammler begibt sich Katrin Brandel auch auf die Suche und behält Auktionen und den Markt im Blick. „Immer wieder kommen aber auch einfach Leute in den Laden, die einfach stöbern oder eine schöne, alte Ausgabe eines Buches suchen“, freut sich die Buchhändlerin.

Im Gegensatz zur Buchbestellung am Computer kann man hier noch anfassen, blättern, schnuppern und sich überraschen lassen, während man die Buchreihen entlanggeht oder sich auf dem Sofa niederlässt. Und immer wieder gibt es auch Lesungen und Vorträge.

Ein kleiner Raum ist dem Friedrichs­hagener Dichterkreis gewidmet. Der Zirkel um Wilhelm Bölsche und Bruno Wille, die durch Besuche bei ihrem Kollegen Gerhart Hauptmann in Erkner begeistert von der Gegend waren, zog 1890 nach Friedrichshagen, und weitere Kollegen folgten. Noch heute zeugen viele Straßennamen im Kiez von diesem Künstlerkreis und eben das Dichterkreismuseum des Kulturhistorischen Vereins Friedrichshagen.

Die Ausstellungen wechseln. Derzeit werden Auszüge aus den Akten der Dichter bei der Preußischen Politischen Polizei gezeigt – man schwelgte damals nicht nur in poetischen Sphären. Der Geschichte des Ortes widmet sich Brandel auch als Herausgeberin von regionalen Druck-Erzeugnissen, wie dem Buch „Entfernte Orte“ mit Bildern aus Friedrichshagen und Köpenick aus den 70er- und 80er-Jahren und den „Friedrichs­hagener Heften“. In diesen 66 Ausgaben werden die Geschichte und Geschichten des Ortes erzählt.

Und dann ist da noch die Remise im Garten. Hier hört man die Vögel zwitschern und kann sich den schönen Künsten hingeben. „Angefangen haben wir damit vor genau 20 Jahren“, berichtet die gebürtige Köpenickerin, „um lokalen Künstlern eine Bühne zu geben.“ Diese bilden immer noch einen Schwerpunkt, weil Friedrichshagen auch heute noch ein Anziehungspunkt für Kreative ist. Der weltbekannte Bildhauer Stephan Balkenhol hat in der Nachbarschaft ein Atelier. „Gesehen habe ich ihn aber hier noch nie,“ schmunzelt Brandel. Bis 12. Mai sind noch Bilder und Skulpturen der Künstlerfamilie Metzkes zu sehen.

„Ich wollte eigentlich schon immer etwas mit Büchern machen“, erzählt Katrin Brandel. Schon als kleines Kind hatte sie einen außergewöhnlichen Berufswunsch: Lektorin für Kinderbücher wollte sie werden. Letztlich wurde es eine Ausbildung zur Buchhändlerin, die sie an der Buchhändler-Lehranstalt in Leipzig in den 80er-Jahren absolvierte. Nach der Wende vermittelte eine Kollegin sie zu einem Westberliner Auktionshaus für Bücher und Grafiken am Winterfeldtplatz. Später gründete sie mit einem Kollegen ein Versandantiquariat für hochwertige Bücher. Zu diesem Zeitpunkt, 1994, hatte die in Friedrichshain aufgewachsene mit ihrem Mann bereits wieder den Weg nach Köpenick, genauer nach Friedrichshagen, gefunden. „Wir haben damals unser Haus als Ruine übernommen“, erinnert sich die Buchhändlerin, „und es selbst saniert.“ Zufällig stellte sich heraus, dass in dem 1870 gebauten Haus ab 1889 die „Niederbarnimer Zeitung“, die Tageszeitung für Friedrichshagen des Verlegers Carl Lemke, herausgegeben wurde. Das geschriebene Wort hat bereits eine lange Geschichte an der Scharnweberstraße 59 und sie ist noch nicht zu Ende.

Antiquariat Brandel, Scharnweberstr. 59, Friedrichshagen, Tel. 64 11 16 0, www.brandel-antiquariat.de, Mi. bis Fr. 12–18 Uhr, Sbd. 9.30–12 Uhr und nach Vereinbarung

Schöne Literatur aus zweiter Hand in Berlin – eine Auswahl

Antiquariat Düwal, Schlüterstraße 17, Charlottenburg, Tel. 313 30 30, Termine nach Voranmeldung oder nach Klingeln, außerdem wochentags 12–18 Uhr.

BerlinAntiquariat, Zimmermannstr. 26, Steglitz, Tel. 792 05 20, Mi.–Fr. 15–18.30 Uhr, Sbd. 10–14 Uhr

Antiquariat Matthias Wagner, Grünstr. 11, Köpenick, Tel. 29 35 17 53, Di.–Fr. 13–19 Uhr

Bibliotheca-Culinaria, Zehdenicker Str. 16, Mitte, Tel. 47 37 75 70, Di.–Fr. 11–19 Uhr, Sbd. 11–16 Uhr

Antiquariat Christoph Neumann, Winterfeldstraße 44, Schöneberg, Tel. 22 19 38 82, Mo.–Fr. 14–19 Uhr, Sbd. 11–16 Uhr

Antiquariat im Hufelandhaus, Hegelplatz 1, Mitte, Tel. 342 20 11, Mo.–Fr. 11–18.30 Uhr, www.lange-springer-antiquariat.de

Penka Rare Books, Martin-Luther-Str. 99, Schöneberg, Tel. 20 67 87 36, das Geschäft ist nur nach Vereinbarung geöffnet, www.penkararebooks.com

M + R Fricke, Beusselstr. 66, Moabit, Tel. 283 53 45, geöffnet nur nach Vereinbarung, www.galeriefricke.de

Antiquariat Schwarz in der Bücherhalle, Hauptstr. 154, Schöneberg, Tel. 312 56 54, Mo.–Fr. 10.30–19 Uhr, Sbd. 10.30–15 Uhr

Weitere Läden: Auf der Website www.antiquariateinberlin.de gibt der Landesverband Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels einen Überblick über die Berliner Antiquariate.