Berliner Perlen

Instrumente für orientalische Barden in der Yorckstraße

Vor drei Jahren eröffnete Kazim Çevik ein Musik-Atelier in Kreuzberg. Wie man die Saiteninstrumente baut und repariert, lernte er in der Türkei.

Kazim Cevic: Musik & Instrumentenbau

Kazim Cevic: Musik & Instrumentenbau

Foto: Reto Klar

Es liegt ein wenig versteckt hinter hohen Büschen, rechterhand kurz vor den Yorckbrücken, wenn man von Schöneberg kommt. Das Schaufenster ist kaum drei Meter breit. Beim Betreten des Geschäftes fällt als erstes auf, wie sauber und akkurat hier alles ist, ein krasser Gegensatz zu dieser Ecke Kreuzbergs, die ihre hochherrschaftliche Zeit lange hinter sich gelassen hat. Heute wird die Yorckstraße geprägt von einem nicht enden wollenden Verkehr und viel Unrat auf dem Bürgersteig.

Kazim Çevik hat den nicht sonderlich repräsentativen Standort für sein Geschäft aus zwei Gründen gewählt. Zum einen war die Miete bezahlbar, zum anderen wünschte er ein Geschäft in der Nähe einer Station der U-Bahnline 7. „Der Großteil meiner Kundschaft lebt zwischen Kleistpark und Karl-Marx-Straße“, sagt er. „Es sind hauptsächlich Berliner aus der Türkei und den arabischen Staaten – und einige Deutsche.“

Çevik beherrscht die volkstümlichen Saiteninstrumente

Seine Besucher empfängt Kazim Çevik mit dezenter Zurückhaltung und orientalischer Gastfreundschaft: „Einen Tee?“, lautet seine erste Frage. Der 38-Jährige trägt dunkle Kleidung und einen gepflegten Vollbart. Geboren ist er in der Türkei, in Giresun, der östlichen Schwarzmeer-Provinz. Dort lernte er mit 14 auf der Bağlama zu spielen. Das dickbauchige Instrument ist eine 7-saitige Langhalslaute, die zurückgeht auf die mesoptamische Kopuz. Die gilt als Ur-Zupfinstrument, mit dem bereits vor mehr als 4000 Jahren musiziert wurde. Allerdings nur auf einer Saite.

„Die Bağlama ist das volkstümliche Saiteninstrument, mit dem häufig zum Tanz aufgespielt wird. Ihre vornehme Schwester ist die Oud, die einen kürzeren Hals und einen dickeren Resonanzkörper hat“, erklärt Çevik. In der Türkei werde die Bağlama eher für die traditionelle Musik verwenden, während die Oud zu klassischen Liedern gespielt werde. Das Besondere an den Instrumenten ist, dass auf ihnen nicht wie bei europäischen Instrumenten die Oktave zwölf Halbtöne umfasst. Bei Bağlama und Oud sind es bis zu 53 Mikrotöne. „Das bedeutet eine größere Vielfalt an Möglichkeiten der Intonation.“

Im Jahr 2006 kam er in die deutsche Hauptstadt

Als er erfuhr, dass es ein Studium für diese Saiteninstrumente an der Ege-Universität in Izmir gibt, ging er zur Aufnahmeprüfung, die er mit Bravour bestand. An der Universität gab es auch einen Studiengang in Instrumentenbau. Den belegte er neben dem Musikstudium und schloss beide Studiengänge in Jahr 2005 ab. Einige Jahre vorher war sein älterer Bruder nach Berlin gezogen und lud ihn ein. 2006 kam er an. „Es war doch eine große Umstellung“, erinnert er sich. Als erstes lernte er Deutsch. Çevik gab Konzerte und begann, Unterricht zu geben. Das macht er bis heute, in einem Nebenraum gibt er Einzel- und Gruppenunterricht, 20 Euro kostet die 45-Minuten-Einheit.

Bei einer Firma in Neukölln die orientalische Musikinstrumente für den Berliner Markt herstellte, fand er eine Anstellung als Ausbilder. „Einen Griechen, einen Türken und einen Deutschen habe ich zum Instrumentenbauer ausgebildet. Dann machte die Firma diese Abteilung zu.“ Çevik beschloss, selbständig zu arbeiten und suchte einen Laden. Den fand er Ende 2012, renovierte und eröffnete im April 2013. Von Anfang an setzte er neben dem Unterricht auch auf den Verkauf und die Reparatur von Musikinstrumenten.

Neben preiswerteren maschinell und seriell hergestellten Ouds und Bağlamas können Musiker sich ihre Instrumente bei ihm handfertigen lassen. Etwa vier Wochen dauert es von Auftragsannahme bis zur Fertigstellung. An zwei Wänden der Werkstatt hängen in Reih und Glied die Werkzeuge. Neben Feilen und Hobeln besitzt Çevik japanische Messer und Sägen. Damit schneidet er aus Mahagoni, Linden- oder Ahornholz dünne Streifen, die er auf einen gürteltierförmigen Holzkorpus befestigt. Wenn der „Bauch“ der Bağlama fertig ist, wird der Korpus entfernt. Nun setzt Çevik noch die Decke, meistens aus Fichtenholz, auf den Resonanzkörper. Dann wird der Hals mit den Wirbeln angesetzt, mit denen die Saiten gespannt werden. Ganz zum Schluss bestreicht er den Korpus mit Schellack. Rund 1500 Euro kostet ein handgefertigtes Einzelstück.

Noch teurer sind Bağlamas, deren Korpus aus einem Maulbeerbaumstamm oder einer Wurzel dieses harten Holzes besteht. „Dafür muss ein Mann Stamm oder Wurzel tagelang mit einem Stechspeitel aushöhlen und bearbeiten.“ Das Ergebnis ist ein einzigartiges Instrument mit traumhaft schöner Maserung. Bei guter Pflege hält es Jahrhunderte.

Handtrommeln wie die Darbuka und Davul sind im Angebot

Einsteigermodelle aus der Fabrikfertigung kosten um die 400 Euro. „Der Markt in Berlin ist relativ groß, einfach weil hier viele Türken und Araber leben, die ihre musikalischen Traditionen noch fortführen“. Bei großen Familienfeiern gehöre Live-Musik auf traditionellen Instrumenten zum guten Ton. Kazim Çevik verkauft auch noch eine Auswahl an Handtrommeln wie die Darbuka und Davul, und Blasinstrumente.

„Mein Vater spielte die traditionelle Zurna, so wurde ich an die Musik herangeführt“, sagt Çevik. Deshalb hat er eine Auswahl an orientalischer Blasinstrumenten wie Ney, Duduk und Kaval im Sortiment, die im Klang an eine Oboe erinnern. Manchmal tritt Kazim Çevik bei kleinen Konzerten auf. Bekannte von ihm spielen regelmäßig jeden Sonntag in der Katzbachstraße 6 in Kreuzberg, um 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Musik & Instrumentenbau Kazim Çevik, Yorckstraße 47, Kreuzberg, Tel. 23 62 63 66, Mo., Do., Sbd. 12-18.30, Di., Mi., Fr. 11-19 Uhr, www.ateliercevik.de