Berliner Perlen

Bunte Keramik für Herz und Seele aus Kreuzberg

Frisch von der Töpferscheibe: Keramikermeisterin Julia Arnold fertigt in ihrem Ladenatelier Gebrauchsgeschirr und schöne Kleinigkeiten, die nebenbei noch eine Botschaft transportieren.

Foto: Krauthoefer

Die Scherben sind es, die als Erstes zum Stehenbleiben verleiten. Bunt lasiert, liegen sie als malerische Farbtupfer inmitten einer grünen Oase vor dem Haus Nummer acht. Selbst an der Tempelherrenstraße, mit all ihrer beschaulichen Kreuzberger Romantik von Stuckfassaden und rankendem Wein, sticht der Töpferwarenladen „Traumkeramik Julion“ mit den von Inhaberin Julia Arnold dekorativ verteilten Bruchstücken ihrer Arbeit heraus. Kein Zweifel, der Ort wird seinem Namen gerecht.

Im Geschäft selbst müsste es eigentlich vielstimmig krähen und piepsen, tröten, miauen und grunzen. Die Tierwelt wird bei Julia Arnold umfangreich dargestellt. Und das auf sehr fröhliche Weise: „Handgedrehtes für Herz und Seele“ lautet die Devise der Keramikmeisterin, die sich 2004 mit dem Ladenatelier selbstständig gemacht hatte.

Es gibt Eulen und anderes Federvieh auf bauchigen Tassen, Schweine und Hühner, die Salz streuen können. Elefanten und Raupen zieren das Kindergeschirr. Ihre Dekors zeichnet Julia Arnold mit der Hand, so ist jeder Becher und jede Schüssel garantiert ein Einzelstück. „Ich verspüre allergrößten Widerstand, zweimal dieselbe Tasse zu machen“, sagt sie. Auch wenn die Standardartikel natürlich immer mehrfach vorhanden sein müssen. „Aber es sollte dann wenigstens irgendetwas daran anders sein.“

Lehrdoktrin der DDR

Zu den lustigen Figuren, Blumen- oder Herzchendekors gibt es meist einen aufmunternden Satz, einen Gute-Laune-Spruch für einen gelungenen Tag. „Ich will nicht nur schöne Gebrauchskeramik machen, ich will auch eine Botschaft transportieren“, sagt Julia Arnold. Außerdem seien Töpferwaren mit Schrift im Trend: „Ich verkaufe fast nur noch Stücke mit Sprüchen drauf“, so die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin, die nach ihrer Ausbildung zur Keramikgestalterin nach Berlin gezogen war.

Es war kein ganz einfacher Weg gewesen. Als Lehrerin in Leipzig beschäftigt, war Julia Arnold mit der offiziellen Lehrdoktrin der DDR spätestens dann in Konflikt geraten, als sie in einer neunten Klasse Zivilverteidigung unterrichten und künftige Offiziersanwärter anwerben sollte. Offen rebellieren war ihre Sache nicht, aber sie schaffte es, den Dienst zu quittieren, und floh 1989 über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik. Schon zuvor, noch in der DDR, hatte sie auf das Töpferhandwerk umsatteln wollen. „Ich hatte sogar das Bestechungsgeld zusammen, das ich für eine Lehrstelle gebraucht hätte“, erinnert sie sich. Im Westen Deutschlands, wohin sie die politischen Umbrüche nun verschlugen, brauchte sie dies nicht mehr.

Dafür habe es einige Zeit gedauert, bis sie in ihrem neuen Beruf ihren eigenen Stil entwickelt hatte. „Man muss seine Formen erst finden, das Eigene ausbilden, bis man wiedererkennbar ist“, sagt Julia Arnold. Schlichtheit trotz der fröhlichen Farben, die Arnold nicht aus der industriellen Palette übernimmt, sondern selbst mischt, „sie müssen ganz rein sein und trotzdem prächtig bunt“. Dazu lustige, manchmal auch verträumte oder fast spirituelle Dekors, Strichmuster, die an geheime Bildercodes erinnern. „Das spiegelt mein eigenes Wesen wieder“, sagt die 51-Jährige.

Großmutter war die Beste

Immer wieder einmal habe sie auf Anregung von Bekannten Gestaltungen ausprobiert, hinter denen sie nicht wirklich stand. „Genau die Sachen laufen dann nicht so gut. Die Leute wollen nichts kaufen, bei dem ich mich nur angepasst habe“, sagt Julia Arnold. Es war ein Prozess, aber heute fertigt die Keramikerin solche nicht „authentischen“ Objekte nur noch auf individuellen Auftrag hin an. Und empfiehlt Kunden, die nüchternere oder einfach andere Produkte als die ihren suchen, die Ateliers geeigneter Kollegen.

Viele von Arnolds spülmaschinenfesten Geschirrteilen, Vasen oder Spardosen werden als Geschenk gekauft. Kunden, die sie schon kennen, kommen für bestimmte Produkte auch aus dem Umland nach Kreuzberg. Ihre Vogelfiguren, auf deren Schnabel man sicher seine Brille ablegen kann, oder die Knoblauchreibeschale nach provencalischem Vorbild sind ebenso originelle Kreationen wie die kleinen Glücks- oder Trostbringer in Geschenktütchen. Zu Kummerhugo, Zauberengel und Co. gibt es jeweils noch einen passenden Vers.

Bei „Traumkeramik Julion“ kann aber nicht nur gekauft, sondern auch selbst hergestellt werden. Regelmäßig bietet die Handwerksmeisterin Kurse an der Töpferdrehscheibe an. Auch Kindergeburtstage oder Gruppen-Workshops können gebucht werden. Viele der Interessenten kommen aus Sozial- und Bildungsberufen, „Menschen, die anderen immer viel geben müssen und aus dem Schöpferischen Kraft ziehen“, vermutet Julia Arnold. Aber auch Familien hat sie schon betreut, erst kürzlich eine 94 Jahre alte Urgroßmutter mit ihren Kindeskindern, die ihr den Workshop geschenkt hatten. Julia Arnold: „Die alte Dame war an der Drehscheibe geschickter als die Enkel.“

Traumkeramik Julion Tempelherrenstraße 8A, Kreuzberg, Tel. 69 50 66 42, Mi.–Fr. 15–19 Uhr, www.traumkeramik-julion.de