Berliner Perlen

„Tara Nepal-Bazar“ lockt ins Land der Mystik und Legenden

Im Schöneberger „Tara Nepal-Bazar“ gibt es grimmig dreinschauende Masken, Gebetsmühlen und Klangschalen, die für innere Ruhe sorgen sollen. Das kommt in Berlin überraschend gut an.

Foto: Massimo Rodari

„Tara ist die bekannteste buddhistische Gottheit. Als größte Fürsprecherin der Menschen steht sie für Mitgefühl und Hilfe“, sagt Melitta Goller. Ihr „Tara Nepal-Bazar“ ist auf nepalesisches Kunsthandwerk spezialisiert und der einzige seiner Art in Berlin. Versteckt im Innenhof, lädt „Tara“ den Besucher in ein geheimnisvolles Land der Legenden und der Mystik fernöstlicher Religionen. Kunden erwarten etwa außergewöhnliche Farbkombinationen, exotische Chill-Out-Klänge sowie Figuren alter hinduistischer und buddhistischer Gottheiten.

Der Nepalese Dil Gurung, Ehemann von Melitta Goller, hatte das Geschäft eröffnet. Bald kam nebenan an der Schöneberger Akazienstraße das Restaurant „Buddha Haus“ hinzu. Melitta Goller übernahm den Laden, Dil Gurung das Restaurant. „Ein schöner Kiez, sehr ruhig. Keine Laden-Ketten, viele Familien-Betriebe“, sagt Melitta Goller.

Ihr Bazar lockt Touristen aus ganz Deutschland an. „Die Leute suchen ausgefallene ungewöhnliche Sachen.“ Alles ist Originalware, die Dil Gurung selbst günstig in der Heimat, mitunter in Indien und Tibet einkauft, meist limitierte Stücke. Etwa grimmig dreinblickende tibetanisch-nepalesische Holzmasken, „zornvolle Gottheiten“, die ihren Ursprung in der alten, immer noch praktizierten bönistischen Natur-Religion haben.

Einen Moment innehalten

Aktuell sind Buddha- und Tara-Figuren ebenso beliebt wie hinduistische Shiva-Darstellungen, als Symbol von Zerstörung und Neubeginn. Und Ganesha-Plastiken. Als „Zerstörer aller Hindernisse“ verehrt, gilt er als Glücksbringer. „Das sind keine Anbetungsobjekte, eher spirituelle Vorbilder, die daran erinnern, an sich selbst zu arbeiten, ein guter Mensch zu sein“, erklärt Goller.

Obwohl sie und ihre beiden Söhne katholisch sind, ist Goller beeindruckt von der Toleranz des Buddhismus. „Heutzutage haben die Leute häufig den Kopf in der Luft, ihnen fehlt der Boden unter den Füßen“, sagt die 52-jährige Südtirolerin über das Interesse an ihrem Sortiment. Gebetsmühlen zu betätigen, heiße für die Kunden da, einen Moment innezuhalten im Alltag.

Viele kommen wegen der großen Auswahl an Klangschalen. Populär sind die aus Legierungen sieben verschiedener Metalle bestehenden Gefäße bei Heilpraktikern, Kindergärtnern, Grundschullehrern und Altenpflegern. „Der menschliche Körper besteht zu etwa 70 Prozent aus Wasser. Das transportiert die Schallwellen perfekt“, erklärt Melitta Goller den Effekt der Töne und Schwingungen. Sie werden ausgelöst durch Anschlagen mit unterschiedlichen Klöppeln. So würden Blockaden gelockert, die Durchblutung angeregt, Verspannungen gelöst. Wie bei jenem älteren Kunden, der eine Klangschale ausprobierte, den Preis von 100 Euro aber als zu hoch empfand. 20 Minuten später sei er wiedergekommen. „Meine Schmerzen sind weg“, habe er gesagt und eine Schale ausgewählt.

Das Geschäft ist auch bei TV- und Filmproduzenten bekannt. So stammt ein Teil der Deko für den Spielfilm „Die Vermessung der Welt“ von dort. Dil Gurung stand mancher Film-Crew mit Tipps zur Seite und demonstrierte für eine Arzt-Serie, wie Schamanen arbeiten. In einer anderen TV-Sendung trat er als Mongole aus dem 15. Jahrhundert auf.

Solche Ausflüge sind ganz nach dem Geschmack des 57-Jährigen. Er sei schon immer „der Freak“ der Familie gewesen. Gurung wurde im 3.800 Meter hohen Himalaya-Bergdorf Manang im Grenzgebiet zu Tibet geboren und wuchs in einer wohlhabenden buddhistischen Händler- Familie auf. Sein älterer Bruder hatte später Ministerposten inne, sein jüngerer Bruder ist Arbeitsminister der aktuellen Regierung. Dil Gurung indes arbeitete nach Abschluss einer Internatsschule in Kathmandu zunächst im Geschäft des Vaters mit. Als Vertreter von dessen Teppich-Laden kam er 1980 zur Importmesse in das damalige West-Berlin und war sofort begeistert.

Strenges Kastensystem

Als Schüler sei er im hinduistisch geprägten Kathmandu als „Bergbewohner“ diskriminiert worden. In Berlin dagegen fand er eine Freiheit und Akzeptanz, die er in seinem Heimatland, wo er auch unter dem strengen Kastensystem litt, immer vermisst hatte. „Berlin dagegen ist ein Paradies für mich“, sagt Gurung. Er zählt zu einer kleinen Gemeinde von Nepalesen, die durch eine wachsende Anzahl an Studenten größer wird.

Dil Gurung sieht das „Streben nach ganzheitlicher Harmonie und Ausgewogenheit“ als Lebensmotor. Das sieht seine Frau, die er 1986 in Kathmandu kennenlernte, genauso. Mit Geschäft und Restaurant will das Paar den Kunden „Nahrung für Bauch und Geist“ liefern. Immerhin habe Buddha seine Erleuchtung erst erfahren, als er nach sieben Jahren meditativer nahrungsloser Askese wieder zu essen begann.

Dil Gurung findet, er habe ein bisschen Nepal in seine Wahlheimat Berlin gebracht. Sein Geschäft passe zu einer toleranten, multikulturellen und spirituellen Stadt, die Raum für alle Religionen biete.

Tara Nepal Bazar, Akazienstraße 27, Berlin-Schöneberg, Tel. (030) 76765945, Mo.–Fr. 12–19 Uhr, Sbd. 12–16 Uhr