Berliner Perlen

Dieses Geschäft ändert sich zu jeder Jahreszeit

Warum nicht mal etwas Kunst als Weihnachtsgeschenk? Bei Kultpur finden Liebhaber von Design und Genuss stets Neues. Denn alle drei Monate ändern sich Motto und Interieur des Geschäfts.

Foto: Jörg Krauthöfer

Die Leitgedanken könnten aus einer Ausstellungshalle stammen. "Wien in Berlin" oder "Heimat", "Patterns" oder "Roaring 50ies". Seit dem 5. Dezember 2013 und damit pünktlich zu den auch hier verkaufsoffenen Wochenenden lautet das Motto "Traumhaft". "Weil der Winter ja auch etwas Fabelhaftes hat", sagt Johanna Groß. Tatsächlich ist Kultpur ähnlich wie eine Galerie organisiert. Allerdings eine, in der man vom Honig über einzelne Kleinmöbel und Ohrringe bis hin zu Garderobe und Umhängetasche alles kaufen kann. Bis das Motto wieder wechselt, und mit ihm fast das komplette Kultpur-Angebot.

"Nein", sagt Johanna Groß bestimmt, "Kultpur ist schon ein Laden." Einer mit besonderem Konzept allerdings. Alle drei Monate stellt die 34 Jahre alte Geschäftsgründerin ihre Produktpalette rund um Design, Genuss und Kultur unter einen anderen Slogan. Wer in den drei stuckverzierten Ladenräumen etwas Hübsches findet, muss also zugreifen, denn schon wenig später kann die Küchenschürze mit Applikation oder der Armreif aus alten Elektrobauteilen nicht mehr im Sortiment sein. Jeder Wechsel wird mit einer Vernissage zelebriert, auch sonst gibt es gelegentlich Veranstaltungen.

Die Idee, Kreative und ihre Produkte galerieartig zum Kauf zu präsentieren, hatte Johanna Groß schon länger. Vor vier Jahren schließlich gab sie ihren Job in der Marktforschung auf und richtete sich an der Muskauer Straße 47 ein.

Mode per Online-Demokratie

Viele der Künstler, Kunsthandwerker und Modeschöpfer, deren Erzeugnisse Johanna Groß für begrenzte Zeit in ihrem Laden anbietet, stammen aus Berlin. Der Großteil der kulinarischen Artikel ebenso, etwa der Honig, Proviant-Säfte oder Waren aus dem Senfsalon. Regelmäßig in einem ihrer Regale finden sich Taschen von "SAG + SAL", die in Neukölln aus recycelten Drucktüchern von Offset-Druckmaschinen gefertigt werden. Von einem der "SAG + SAL"-Macher, Andjelko Artic, stammen auch die sechs großformatigen Collagen an der Wand. Hauchdünne hölzerne Postkarten, aus denen dreidimensionale Bilder oder Baumanhänger entstehen, entwirft die Kreuzberger Firma formes.

Per Online-Demokratie, nämlich über die von Charlottenburg aus betriebene Mode-Plattform Front Row Society entstehen die Designs der Seiden-Halstücher. Junge Designer schicken hier ihre Entwürfe ein, die Community sendet die besten in die Produktion.

Voraussetzung, um einmal bei Kultpur zu landen, ist die lokale Stammadresse aber nicht. "Ich weiß, dass sich die Marke Berlin gut verkauft", sagt Johanna Groß. "Aber ich will auf diesen Zug nicht aufspringen. Auch wenn die Kreativität in dieser Stadt natürlich eine Basis ist, auf der mein Konzept funktioniert." Nicht wenige der Produkte, die im Laufe der Jahre den Weg zu ihr fanden, lernte sie über persönliche Kontakte und den Ortsbezug kennen. Den Roman "Schicksalsspieler", eine Liebesgeschichte passend zum Wintermotto, schrieb die Lebensgefährtin ihres Weinhändlers. Auch zwei große Lampen fanden per Zufall den Weg in ihr Geschäft. Catherine Grigull, die ihre Papier-Leuchtobjekte eigentlich im eigenen Atelier am Oranienplatz präsentiert, ist privat Nachbarin von Kultpur und kam einmal in den Laden, um ein Päckchen abzuholen. So lernten die beiden Frauen sich kennen.

Die Geschichte hinter dem Produkt

Anderes legt weitere Wege zurück, manches gehört zum schmalen Stammangebot, dass bei Kultpur stets zu haben ist. Da findet sich Mode aus Wien oder Taschen aus Kanada, gefertigt aus Sitzbezügen und Gurten alter Autos. Zweimal jährlich macht Johanna Groß ihren Laden zum Showroom der Fashion Week. Im Januar ist sie wieder dabei.

Nachhaltigkeit von Material und Produktion sind ihr wichtig, ebenso wie die Geschichten hinter den Produkten. Zu jedem Designer legt sie Handzettel aus. Eine Leidenschaft, die sie von ihrem Vater übernahm: "Der war Regisseur beim bayerischen Fernsehen und wollte dort auch immer die Historie und Anekdoten zu Menschen und Dingen erzählt", sagt die gebürtige Münchnerin.

Den Sinn für individuelle und handgefertigte Waren prägte dagegen ihre Mutter, die mit den Kindern bastelte und schneiderte. "Das ist mir wichtig: Dass jemand etwas nicht einfach fertigt, sondern dem Produkt eine besondere Wertigkeit gibt", sagt Groß über ihren Ansatz. Dafür nimmt sie schon mal etwas ins Sortiment, das ihr selbst keinen Gewinn bringt. Vor allem, wenn der Künstler noch unbekannt ist und sich seinen Weg auf den Markt erst bahnen muss.

Ob Kultpur auf ewig nur ein Berliner Projekt bleiben wird, steht noch nicht fest. Ihre Verbundenheit zu München hat Groß sich bewahrt. "Da müsste man das Konzept aber anpassen", sagt sie. Das Mampe-Museum rund um das lokale Kultgetränk zum Beispiel gehört einfach originär nach Berlin. Vorübergehend ist die Ein-Raum-Ausstellung in einem kleinen Raum bei Kultpur untergekommen.

Kultpur, Muskauer Straße 47, Berlin-Kreuzberg, Tel. (030) 43 20 23 40, www.kult-pur.de, geöffnet Dienstag–Freitag 12–19.30 Uhr, Sonnabend 12–18 Uhr

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