Berliner Spaziergang

Nacho Duato - Ein Weltstar für Liebe und Hass

Das Berliner Staatsballett hat einen neuen Chef: den Spanier Nacho Duato. Freundlich wurde er in Berlin nicht gerade empfangen. Ein Spaziergang mit dem Choreographen durch seinen neuen Kiez.

Foto: Reto Klar

Kurz bevor Nacho Duato springt, geht er näher an die Pfütze heran, bückt sich und fischt den Fetzen einer Plastiktüte aus dem Wasser. Es solle kein Müll auf dem Bild zu sehen sein, sagt er dem Fotografen. Überhaupt, was das für einen Eindruck von der Stadt machen würde. Duato sagt das so entschieden, als hätte er gar nicht springen können, solange ihm ein Detail missfällt. Sogar wenn es nur eine Kleinigkeit ist, die kaum aufgefallen wäre. Dann springt Duato, 57, über die Pfütze. Immer wieder. Elegant und geduldig, bis das Foto stimmt.

Nur wenige Minuten vorher sah es so aus, als hätte man den neuen Chef des Staatsballetts Berlin zu kaum etwas bewegen können. Es ist ein nasskalter Morgen, als er aus dem Bühneneingang der Deutschen Oper auf die Straße tritt. Er hält die Arme verschränkt, seine langen, schlanken Finger wärmt er unter seinen Achseln, eine Erkältung schleicht sich bei ihm an. Dann hebt er den Kopf, schaut einem in die Augen und lächelt. Es ist ein Lächeln, in dem nichts Berechnendes zu finden ist. Wie eine freimütige Einladung in seine Welt.

Er springt über Pfützen

Wer einmal gemeinsam mit Nacho Duato gelächelt hat, hat auf wundersame Weise das Gefühl, offen mit ihm sprechen zu können. Davor hätte ich mich nicht getraut, den Meister zu fragen, ob er für unseren Fotografen Reto Klar über eine Pfütze springt. So eine Idee kann eine Zumutung sein. Aber Duato stimmt zu und redet, einen Regenschirm in der Hand, über „Singing in the Rain“, die Filmszene mit Gene Kelly. Ein guter Anfang für einen Gang durch die regnerische Stadt.

Zugegeben: Ich kenne mich wenig aus mit Ballett. Aber ich habe Aufführungen gesehen, die mich berührt haben. Und immer wieder ist man überwältigt von der Schönheit der Tänzer. Nacho Duato ist auf den Intendanten und Tänzer Vladimir Malakhov gefolgt, an diesem Wochenende startet seine erste Saison in Berlin. Über seinen Vorgänger hat er einmal gesagt, er sei ein „sweet guy“.

Unfreundlicher Empfang

Wer liest, was Fachleute vor einigen Monaten zu seinem Antritt geschrieben haben, ist bestürzt über die Aggressivität der Kritiker. Da ging es auch um Zorn auf den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, über seine aus Kritikersicht falsche Personalwahl. Diesen Ärger bekam Duato in der ersten Pressekonferenz sehr persönlich zu spüren. Berlin hat seinen neuen Bewohner nicht angelächelt zur Begrüßung. Im Gegenteil. Sogar Monate bevor Duato einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte, stand in einer großen Zeitung der Satz, dass es nach Jahren „Malakhovscher Geschmacksverirrungen“ in Berlin nun für weitere „fünf bis zehn Jahre“ nichts geben werde, das im „internationalen Vergleich irgendwie für Hallo“ sorgen könnte.

Zehn Jahre. Hallo? Das ist ein langer Zeitraum für eine vernichtende Prognose. Noch bemerkenswerter, weil Duato ein weltweit gefragter Choreograf ist. Berlin hatte sich bereits zum dritten Mal um seine Verpflichtung bemüht. Duato hat klar gemacht, sich Zeit zu lassen für sein Schaffen. Er will Stadt und Tänzer kennenlernen. Eine Besonnenheit, die man sich in anderen überhitzten Debatten von Personen in öffentlichen Ämtern wünschen würde. Zwar ist eines seiner Meisterwerke, die Bach-Interpretation „Vielfalt. Formen von Stille und Leere“ bereits 15 Jahre alt, wenn es auf die Berliner Bühne kommt. Berühmt ist die Szene, in der die Bachfigur mit einem Bogen auf einer Tänzerin spielt, als sei sie eine Violine. Neue Stücke sind angekündigt. Auch der Ballett-Star Polina Semionova wird wieder in Berlin auftreten.

Zusammenarbeit mit Julio Iglesias?

Vielleicht sollte man einfach mal abwarten, was er auf die Bühne bringt? Nacho Duato zuckt die Achseln. Er sagt, vielleicht seien einige seiner ärgsten Kritiker mal in ihn verliebt gewesen. So klingt Ironie. Wir steigen in ein Taxi, um die neue Heimat von Duato zu besuchen, die Gegend um die Mommsenstraße in Charlottenburg.

Wer den deutschen Eintrag zu seiner Person auf Wikipedia liest, findet die Notiz, dass er mit Julio Iglesias gearbeitet habe. Jenem Sänger, der Goldene Schallplatten gesammelt hat und in den 80er-Jahren der erste westliche Sänger im chinesischen Staatsfernsehen war. Subversive Botschaften waren von ihm wohl nicht zu befürchten. Einige Kritiker würden Duato gerne in diese Unterhaltungsecke stellen. Allein: Er hat nie mit Julio Iglesias gearbeitet. Sondern mit Alberto Iglesias. Er sagt es noch mal: „ALBERTO, nicht Julio“. Alberto Iglesias ist ein Komponist, der zahlreiche Kritikerpreise gewonnen hat, etwa für den Film „Volver“, in dem Penélope Cruz durch das Umland von Madrid fährt, in dem nichts als Windkrafträder zu stehen scheinen. Eine großartig absurde Szene.

„Wir müssen das auf Wikipedia ändern“, sagt er zu seiner Pressesprecherin. Doch dann blitzt es in seinen Augen. „Obwohl, egal, lassen wir es stehen.“

Besitz ist ihm unwichtig

Nacho Duato ist ein Mensch, der sagt, dass ihm viele Dinge egal seien. Besitz zum Beispiel. Für seine Wohnung in Berlin will er ein Bett kaufen und Vorhänge, über eine Couch denkt er nach. Viel mehr brauche er nicht. Nach Berlin ist er mit einer Reisetasche gekommen und mit einem Bild seiner Familie, acht Geschwister. Menschen, sagt er, würden immer so viel Krempel ansammeln, und wenn sie schließlich von dieser Welt gingen, dann hätten andere Menschen nur Arbeit mit dem ganzen Müll. Filme und Bücher lädt er sich auf seinen Tablet-Computer. Er kommt ohne die Bücherwand aus, die immer noch Statussymbol der Bildungsbürger ist. Duato ist ein mobiler Mensch, der mit 18 Jahren die Heimat Valencia verlassen hat, um Tänzer zu werden. Mit einem Vater, der lange Zeit sagte, Tanzen sei etwas für Mädchen.

„Mein Freund ist meine Reisetasche“, sagt er, „und ich betrüge meinen Freund gelegentlich mit der Minibar im Hotel.“

Fantasien darüber, was all die schönen Tänzer privat so treiben, gehören zur Ballett-Faszination. Eine Kritikerin hat geschrieben, viel passiere da nicht. Tänzer würden nach dem Training ihre verschwitzten Trikots mit der Hand auswringen, sich indessen ein Ei kochen, was dann das einzige Abendessen sei, bevor sie ins Bett fielen. Wenn Nacho Duato redet, vermittelt er ein lebensfroheres Bild. Wer jung sei, könne sehr wohl mal feiern und dann trainieren. Er habe schon junge Tänzer gesehen, die ohne Schlaf zur Arbeit gekommen sind und dann den Alkohol einfach so ausgeschwitzt hätten. Natürlich sind das Ausnahmen.

Seine Nachbarin Natalie Portman

Im Film „Black Swan“ von Darren Aronofsky geht es um Ballett-Klischees wie Magersucht, ehrgeizige Mütter, Konkurrenz. Duato hat sich den Film aus einem anderen Grund nicht anschauen können. Es sei zu offensichtlich, dass Schauspielerin Natalie Portman keine Tänzerin sein. Aber er kennt „Natalie“, wie er den Filmstar nennt, sie hat mal bei ihm um die Ecke gewohnt. In Madrid, als sie mit dem Schauspieler Gael Garcia zusammen war. Am Set von „Black Swan“ lernte Portman den Tänzer Benjamin Millepied kennen und verliebte sich. Es kommt oft vor, dass Tänzer auch privat ein Paar werden. Das ist in vielen Berufen so. Aber in wenigen Kunstformen geht es so reduziert auf Liebe und Hass zu wie im Ballett.

„Natalie“, er sagt das liebevoll. Duato mag die Schauspielerin, obwohl sie keine Tänzerin ist. Er selbst, sagt er, sei selten mit Tänzern zusammen gewesen. Andauernd nur über Ballett zu sprechen, da fehle ihm die Inspiration.

Schluss mit Party

Vor seinem Haus in der Nähe der Bleibtreustraße bleiben wir kurz stehen, eine schöne Holztür aus den 20er-Jahren. Er nennt sein neues Heim „die kleine Schwester“ seines Hauses in Madrid. Oft ist er nicht in Spanien, seine Haushälterin lebt dort, sie öffnet und schließt jeden Tag die Vorhänge und pflegt die Pflanzen auf dem Balkon.

Wir gehen ins Café AnnaLee um die Ecke, ein gemütlicher Laden mit Bücherregal und Zeitungslesern. „Erinnert mich an das Village“, sagt er, an das Greenwich Village in New York. Er bestellt grünen Tee und lutscht eine Tablette gegen Halsschmerzen. Berlin kennt er nicht gut. Nicht mal in den wilden 90er-Jahren ist Duato oft hier gewesen. Er hatte ein Haus auf Ibiza. So jemand muss nicht zum Feiern nach Berlin kommen. Das Haus hat er inzwischen verkauft. Und wo spielt jetzt die Party? „Es ist nicht so, dass man irgendwann das Partymachen verlässt“, sagt er. „Sondern umgekehrt, das Partymachen verlässt einen, wenn man älter wird.“ Er finde nämlich, er sehe nicht mehr so gut auf Feiern aus wie früher. Dabei hat Duato einen Body-Mass-Index, von dem auch viele jüngere Männer nur träumen.

Er liebt Pferde

Inzwischen mietet Duato gerne ein Boot, um Urlaub zu machen. Mit Freunden. Er zückt sein Handy und zeigt einen Videoschnipsel. Delphine schwimmen in hellblauem Wasser. Man kann sich gut vorstellen, woher er seine Ruhe nimmt. Er reitet auch gerne. Früher habe er immer Pferd werden wollen. Er bläst die Backen auf und schnaubt. Dann spitzt er den Mund und macht „Klack-klack-klack“, wie Hufe auf dem Boden.

Katzen, sagt er, möge er dagegen gar nicht. Weil sie so leise seien und plötzlich hinter einem stünden.

Wenn Duato über seine Zeit in Russland redet, als Chef am Mikhailovsky Theater, hört man einerseits Dinge, die man schon vorher zu glauben wusste. Dass man sich dort in der Öffentlichkeit mit seiner Meinung zurückhält. Genauer: zurückhalten muss. Dass es dort angeblich keine schwulen oder lesbischen Tänzer gibt. Dass er meist per Dolmetscher mit Journalisten gesprochen hat, was er gar nicht so schlecht fand. „Es bringt Distanz ins Gespräch.“ Das wird in Berlin, wo jeder Englisch spricht, nicht möglich sein.

Die russische Liebe zum Ballett

Andererseits redet er über die Liebe der Russen zum Ballett. Er sagt, dass die Menschen, die er getroffen hat, an diese Kunst so sehr glaubten, für sie lebten. So sehr, sagt er, als wäre der Tanz etwas, das Menschen retten kann. Umgekehrt heißt das auch: Diese tiefe Liebe kann er in anderen Ländern nicht immer finden. Er sagt, nicht mal bei sich selbst.

Einer der Lieblingsautoren von Duato ist der Afrikaner Binyavanga Wainaina. Bekannt wurde er mit seinem Essay „How to write about Africa“. Darin erklärt er dem Rest der Welt, wie man über seinen Kontinent schreiben sollte: Vorgeben, dass man große Hoffnungen in diesen Teil der Welt setze, er aber gleichzeitig ohne das eigene Buch wohl verloren wäre. Man solle immer nur über Afrika als ganzes schreiben, niemals über normale Schulkinder oder Intellektuelle, sondern über Ebola, Hunger und Tod. Es ist bittere Ironie, mit der Wainaina dazu aufruft, sich die gesamte Realität anzuschauen. Nicht nur das, was man ohnehin schon gesehen hat. Oder eben sehen will.

Sanfte Berührung am Arm

Außerdem, sagt Duato, habe Binyavanga Wainaina ein schönes Gesicht. „Ein schönes Gesicht ist wichtig“, sagt er. Man erinnert sich an diesen Satz, denn die Grazie eines Tänzers, die hat Schriftsteller Wainaina sicher nicht.

Gleich fängt die nächste Probe an. Duato fasst sanft an meinen Arm und führt eine Bewegung. Das ist der größte Teil meiner Arbeit, sagt er, mit den Tänzern im Studio üben. Sechseinhalb Tage die Woche. Gleich geht es weiter.

Was er aufführen wird? Man darf gespannt sein. Fachleute werden ihre Kritiken schreiben, so wie es sich gehört, wenn etwas auf der Bühne zu sehen ist. Was bleibt, ist das Bild eines erfahrenen Künstlers, der für Überraschungen gut ist. Zum Beispiel, dass er an einem nasskalten Morgen mit einer Erkältung in den Knochen über eine Pfütze springt.

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