A111 in Berlin

Berlin hat Deutschlands einzige Autobahn mit Fußgängerampel

Noch bis zum 25. August können Fußgänger in Berlin-Charlottenburg die A111 per Knopfdruck anhalten - und die Autobahn überqueren. Grund sind umfangreiche Bauarbeiten auf Höhe des Heckerdamms.

Foto: Massimo Rodari

Zwei kleine Mädchen laufen Hand in Hand über die Autobahn. Seelenruhig folgen ihnen ihre Eltern, ein Hund, ein älteres Paar, Studenten auf Fahrrädern. Überall sonst wäre diese Meldung wohl Grund genug für einen Alarm. Sirenenheulen und hektische Durchsagen in sämtlichen Verkehrsmeldungen.

Doch überall sonst ist eben nicht Berlin und schon gar nicht die A111 - seit Neustem Deutschlands einzige Autobahn mit Fußgängerampel.

Ursprung dieser einzigartigen Anlage ist eine Baustelle. Bis zum 25. August, dem Beginn des Schuljahres, werden die Arbeiten auf Höhe des Heckerdamms noch andauern. Den unterquert die A111 im Normalfall im nördlichen Charlottenburg und verbindet den Stadtring A100 mit der Anschlussstelle des Flughafens Tegel, um dann weiter in Richtung Hamburg zu führen. Das ist momentan aber nicht möglich. Grund dafür sei, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, „durch die Sohle eindringendes Grund- und Schichtenwasser“ gewesen. Dieses Wasser führt bei winterlichem Frost zum Überfrieren von Fahrbahnen. Winter für Winter kam es deswegen wegen Enteisungsmaßnahmen in der Unterführung zu Teil- oder gar Vollsperrungen der Autobahn.

Vorsorge für den Winter

Nun ist der nächste Frost noch weit, doch in den etwas verkehrsärmeren Sommerferien sorgt man für den Winter vor und baut den Trog der Autobahn aus. Entlang der Zufahrtsbereiche werden in den nächsten Wochen Drainageleitungen gelegt. Auf der gesperrten Spur Richtung Norden warten sie auf ihren Einbau. Dicke schwarze Rohre, die neben Haufen von Absperrband und Baumaschinen in der Sonne glänzen. Was auf dieser Fahrbahn natürlich nicht möglich ist, ist regulärer Verkehr. Das führt die Autofahrer auf eine Umleitung und die Fußgänger auf die Autobahn.

Denn um die Baustelle zu umgehen, führt die A111 in südlicher Richtung über einige hundert Meter den Kurt-Schumacher-Damm entlang. An sich schon eine schnell befahrene Straße, sollte der, trotz seiner neuen Funktion als Teil der Stadtautobahn, aber weiterhin für Fußgänger und Radfahrer überquerbar bleiben. Die Lösung dieses Problems findet man nun in Form der Ampel auf Höhe des Heckerdamms.

Dort steht man zwischen Wohnhäusern und dem ockerfarbenen Einkaufsbunker von Getränke Hoffmann, drückt auf den Taster des Verkehrslichtes und hält die Autobahn auf Knopfdruck an. 20 Sekunden dauert es höchstens, bis das Licht auf Grün umspringt. Dass die Ampel Fußgängern gerade einmal fünf Sekunden Zeit lässt, die zwei Spuren zu überqueren, ändert nichts an der Tatsache, dass jeder von ihnen die Autobahn lahmlegt.

Eigentlich verboten

Dass dieses Konzept nicht nur auf Begeisterung stößt, war zu erwarten. „Jeden Morgen steht man an der Stelle mindestens 20 Minuten“, sagt Ramon Montana. Er muss es wissen. Von Montag bis Freitag zieht Ramon „Traffic Fox“ Montana in seiner Cessna F 172 N seine Kreise über der Hauptstadt. Er ist Verkehrsflieger.

Baustellen wären der Verkehrsflüssigkeit ja ohnehin nicht besonders zuträglich, sagt der Pilot, „doch der tägliche Stau auf der A111 ist ganz klar Schuld dieser Ampel“. Verkehrslichter und das haben sie in diesem Fall mit Fußgängern gemeinsam, seien auf deutschen Autobahnen eigentlich verboten. Das hat wohl auch seinen Grund. In diesem Fall ließe sich der Fußgängerübergang wohl damit rechtfertigen, die Umleitungsstrecke sei Teil des Kurt-Schumacher-Damms. „Es gibt aber keine Möglichkeit abzubiegen, da der Heckerdamm gesperrt ist“, erklärt Montana. „Man kann also nicht von einer Stadtstraße sprechen. Das ist eine Autobahn mit Ampel“.

Die 20 Minuten, die Autofahrer hier im morgendlichen Berufsverkehr mindestens einplanen müssten, nennt er eine verhältnismäßig kurze Zeit, da sich viele Berliner in den Sommerferien befänden. „Sollte die Baustelle über das Ferienende weiter betrieben werden, sollte man sich auf wesentlich längere Wartezeiten einstellen“.

Resignierte Blicke

Die ungeliebte Ampel existiert bereits seit dem 22. Juli. Ernst genommen wurde sie aber nicht von Anfang an. Am Tag ihrer Inbetriebnahme fiel es Autofahrern schwer, das ungewohnte rote Licht auf der A111 zu berücksichtigen. Fußgänger waren gut beraten, abzuwarten, bevor sie sich auf die Fahrbahn trauten. Noch dazu reagierte das System nur auf Knopfdruck. Nun hängen an den Masten Schilder, die Passanten in roter Warnschrift darauf hinweisen, bitte den Taster zu betätigen. Zuvor hatten einige minutenlang an der Autobahn ausgeharrt, da die Ampel nicht automatisch umsprang. Zu allem Überfluss fiel die umstrittene Anlange dann auch noch aus. Schon am zweiten Tag mussten Berliner Polizisten die Verkehrsregelung am Heckerdamm übernehmen. Seitdem läuft das System allerdings störungsfrei. Zumindest für die, die zu Fuß unterwegs sind.

Für jeden Passanten springt sie um. Dann hasten Menschen über die Fahrbahn. Die Blicke, die ihnen aus den wartenden Autos folgen, sind inzwischen eher resigniert als verwundert. Doch aus den Fahrzeugen mit Hamburger, Münchner oder Kölner Kennzeichen mustern die Fahrer nach wie vor irritiert die Verkehrsbremse. Bleibe ihr Sinn dahingestellt, die Berliner Autobahnampel ist auf jeden Fall einzigartig.