Bauprojekt

Architekt Kollhoff kritisiert Profitgier am Alexanderplatz

Der Stararchitekt Hans Kollhoff macht „reine Profitgründe“ für den Stillstand am Alexanderplatz verantwortlich. Mehr Mut sei notwendig, um die Bauvorhaben aus dem Masterplan von 1993 umzusetzen.

Foto: M. Lengemann

„In Berlin dauert eben alles etwas länger – insbesondere, wenn es um Bauvorhaben geht.“ Fast wirkt es so, als müsse Hans Kollhoff sich selbst Mut zusprechen. Die CDU lädt zur Debatte um die Zukunft des Alexanderplatzes ins Abgeordnetenhaus ein. Und Kollhoff, einer der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten Berlins und der Schöpfer des umstrittenen Hochhaus-Plans für den Alexanderplatz, nutzt die Chance, um sich vom Podium aus mal so richtig den Frust von der Seele zu reden. Der größte Vorwurf trifft, zum sichtlichen Erstaunen der rund 100 Zuhörer, nicht etwa die überforderte Bauverwaltung. „Reine Profitgründe der Grundstückseigner“, so Kollhoff, würden seit Jahren die städtebauliche Weiterentwicklung des Alexanderplatzes verhindern.

Sichtlich gekränkt ist der 67-Jährige, dem Berlin den markanten Hochhausturm mit der roten Klinkerfassade am Potsdamer Platz 1 zu verdanken hat, von der aktuellen Debatte um seinen Entwurf für den Alexanderplatz. Erst in der vergangenen Woche hat das Abgeordnetenhaus entschieden, dass der Senat den Kollhoff’schen Masterplan „bestandsorientiert“ weiterentwickeln soll.

Nach dem immer noch geltenden Masterplan, den die Architekten Hans Kollhoff und Helga Timmermann im Jahre 1993 entwickelt hatten, können auf dem Alex bis zu zehn 150 Meter hohe Häuser errichtet werden. Bislang wurde allerdings keiner der Türme hochgezogen. „Weil die Eigentümer und Investoren der Bestandsbauten, die nach dem Masterplan überbaut werden sollten, aus wirtschaftlichen Gründen nicht geneigt sind, ihre Häuser abzureißen“, bestätigt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.

Da bei einigen Grundstücken die Siebenjahresfrist zur Umsetzung der Bebauungspläne abgelaufen sei, ohne dass eine Bauabsicht der Grundstückseigentümer erkennbar geworden sei, könne Berlin das Planungsrecht wieder ändern, ohne den Eigentümern eine Entschädigung zahlen zu müssen. Während die Senatsbaudirektorin daraus jedoch den Auftrag ableitet, „im Sinne einer städtischen Neukomposition“ gemeinsam mit den Eigentümern den Kollhoff-Plan zu überarbeiten, fordert der Verfasser „mehr Mut“. Und wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe sich mit seinem damaligen Wettbewerbsentwurf einfach über die Realitäten am Alexanderplatz hinweggesetzt.

Kollhoff macht Eigentümerwechsel verantwortlich

„Der Wettbewerb war damals keine Tabula-rasa-Angelegenheit, auch wenn das heute viele so darstellen“, sagt der Architekt. So habe das Haus des Lehrers nie zur Disposition gestanden, die von Peter Behrens im Stil der klassischen Moderne geschaffenen Häuser „Berolina“ und „Alexander“ ebenfalls nicht. „Die Jury hatte natürlich die Auflage gemacht, diese Bauten mit einzubeziehen. Hätten wir das nicht gemacht, hätten wir den Wettbewerb nicht gewonnen.“

Beim Haus der Elektroindustrie, dem tristen, 200 Meter langen Gebäuderiegel an der Alexanderstraße, habe dagegen immer festgestanden, dass das Gebäude „Substandard“ sei. Nach Kollhoffs Plan sollte der Bau zwei Hochhaustürmen weichen. Dazu sei es aber nie gekommen, weil die Vermieter ohne Anstrengung ihre gigantischen Büroflächen an Bundesbehörden vermieten konnten. „Die haben ein fantastisches Geld gemacht, sitzen da drauf und blockieren die weitere Entwicklung“, kritisiert Kollhoff.

Ähnlich verhielten sich die Eigentümer des Hotelkomplexes Park Inn. „Für die Eigentümer ist der breite Fuß mit seinen Erdgeschossflächen ein echter Gewinnbringer“, sagt Kollhoff. Aber dieser „Breitfuß“ sitze wie ein Korken auf der Flasche Alexanderplatz und lasse eine Verbindung nach Norden nicht zu.

Das generelle Dilemma sei jedoch, dass die Grundstücke und Gebäude mittlerweile mehrfach die Eigentümer gewechselt hätten. „Damals wollten die Eigentümer ja noch auf eigene Kosten bauen“, rügt Kollhoff. Er erinnert an den Potsdamer Platz, wo Großkonzerne wie Daimler Benz und Sony quasi im Alleingang ein ganzes Stadtquartier aus dem Nichts erschaffen hatten. „Natürlich waren es damals kurz nach der Wiedervereinigung optimistische Zeiten“, räumt Kollhoff ein. Dieser Optimismus habe im Rückblick nur für den Potsdamer Platz gereicht. Beim zweiten großen Stadtplatz sei Berlin dagegen schon die Kraft ausgegangen.

Oft wird mit Bauvorhaben nur Grundstückswert gesteigert

Weil es mittlerweile vor Ort keine echten Bauherren mehr gebe, sondern nur noch wechselnde internationale Kapitalanleger, denen es lediglich um das Shareholder Value – den Aktionärswert – gehe, werde nicht mehr gebaut. Denn der Wert eines Grundstücks steige allein schon durch die Existenz eines gültigen Bebauungsplans. „Den Anlegern ist doch wurscht, was hier passiert. In zwei Jahren sind die wieder weg, dann fängt das Ganze wieder von vorne an, ohne dass gebaut wurde.“

Stadtplanerin Franziska Eichstädt-Bohlig, die neben Kollhoff auf dem Podium der Veranstaltung sitzt, findet sich angesichts der Kollhoff’schen Kapitalismuskritik in einer ungewohnten Rolle wieder. „Ich hätte nie gedacht, dass ich auf einer CDU-Veranstaltung mal in die Situation komme, die Eigentümer zu verteidigen“, sagt das langjährige Parteimitglied der Grünen, das 2012 zur Stadtältesten von Berlin berufen wurde. „Allerdings kann man den Eigentümern doch nicht ernsthaft vorwerfen, dass sie wirtschaftlich entscheiden.“ Gute Planung zeichne sich eben dadurch aus, dass sie einen Maßstab finde, der zu Berlin passt. Und die Kollfhoff’schen Hochhauspläne seien wohl eher getragen durch typisch männliche „Herrschaftsträume“.

Ungewohnten Beistand bekommt Kollhoff indes von der Berliner Architektenkammer. Deren Präsidentin hatte zwar bereits vor einem Jahr gefordert, neue Leitbilder für den Alexanderplatz zu entwickeln. Es sei heute undenkbar, ein bestehendes Stadtviertel niederzureißen, um eine Vision zu verwirklichen. „Aber mit der generellen Schelte hat Kollhoff leider Recht“, so Christine Edmaier. Kein Architekt wisse heute, wenn er einen Auftrag bekomme, ob tatsächlich gebaut oder nur der Grundstückswert gesteigert werden solle. Leider sei oft letzteres der Fall. So würden zunehmend Bauanfragen gestellt, obwohl es har keine Absicht gebe, zu bauen. „Für die Stadtplanung ist das eine enorme Herausforderung, auf die bislang noch keine Antwort gefunden wurde“, so die Kammerpräsidentin.

„Wenn es Kollhoff mit seiner Eigentümerschelte gelingt, die Debatte über diese Art der Grundstückswertsteigerung anzuregen, dann können wir ihm alle dankbar sein“, betont Edmaier. Den Architekten dafür verantwortlich zu machen, dass seine ambitionierten Pläne die Entwicklung blockiert und Auswüchse wie den rosa Einkaufsbunker Alexa nicht verhindert hätten, sei unfair. „Kollhoff ist ein guter Architekt“, so Edmaier weiter. Das Alexa sei nicht seinem Masterplan entsprungen. Dafür war Lüschers Vorgänger, der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann, mit seinem „Planwerk Innenstadt“ verantwortlich.