Lebenssituation

Roma putzen auf der Fashion Week für Dumpinglöhne

Laut eines Berichts vom Bezirk Neukölln werden rumänische und bulgarische Frauen besonders häufig ausgebeutet. Die dringendsten Probleme der Familien seien zudem Verschuldung und mangelnder Wohnraum.

Foto: Armin Weigel / ZB

Leben in überfüllten Wohnungen, Verschuldung, Ausbeutung und Niedriglöhne – das ist laut dem aktuellen Statusbericht des Bezirksamt Neukölln die Lebenssituation vieler Roma in Berlin. Und es gibt konkrete Beispiele: Demnach sollen rumänische Frauen nicht nur in Vier-Sterne-Hotels am Hackeschen Markt in Mitte für drei Euro pro Zimmer gearbeitet, sondern auch zu Dumpinglöhnen nachts die Ausstellungsräume der Fashion Week geputzt haben. Die Veranstalter waren am Dienstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Laut Gewerkschaftsangaben schaffen Reinigungskräfte maximal zwei Hotelzimmer pro Stunde.

Oft wisse der Hauptauftraggeber nichts von diesen Bedingungen oder wolle nichts davon wissen, sondern lasse die Arbeit durch einen Subunternehmer ausführen, der den Auftrag an einzelne Rumänen und Bulgaren vergibt, heißt es im Bericht. Es gebe für sie viele Einsatzmöglichkeiten, jedoch sei dies oft nicht mit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung verbunden. Und auskömmlich ist das verdiente Geld nicht. Mitte 2013 haben 37 Prozent der Neuköllner Rumänen und 31,1 Prozent der Bulgaren Sozialleistungen bezogen. Es sei nicht davon auszugehen, heißt es in dem Bericht, dass die übrigen Roma in der Lage seien, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.

„Die beiden dringendsten Probleme sind derzeit Verschuldung und mangelnder Wohnraum.“ Viele Roma-Familien versuchen, mit dem Kindergeld und einem geringen Einkommen zu überleben. Als Beispiel führt der Bericht auf, dass einige rumänische und bulgarische Jugendliche aus Nord-Neukölln in die Walter-Gropius-Schule in der Gropiusstadt gehen, aber kein Fahrgeld von ihren Eltern bekommen. Die Folge sei eine Kriminalisierung, wenn diese Schüler mehrmals beim Schwarzfahren erwischt werden.

Neukölln um Integration der Familien bemüht

Trotz dieser Umstände lassen sich immer mehr Familien aus Bulgarien und Rumänien im Bezirk nieder, vor allem in Nord-Neukölln. Auf 5578 ist die Zahl der gemeldeten Roma bis Ende 2013 gestiegen. 2012 waren es 5024, ein Jahr zuvor noch 3991. Die meisten sind zwischen 15 und 45 Jahren alt. Insgesamt hat sich die Zahl der in Berlin lebenden Rumänen und Bulgaren von knapp 25.000 im Jahr 2012 auf 29.200 im vergangenen Jahr erhöht.

Es sind „Personen, die aus prekären Verhältnissen in prekäre Verhältnisse kommen“, heißt es im Statusbericht. Die Familien leben in eigenen Sozialstrukturen. Es gibt Vorbehalte in Bezug auf staatliche Hilfsangebote, aber eine hohe Bereitschaft zu arbeiten. Immer mehr Rumänen und Bulgaren melden ein Gewerbe an. Ende 2012 waren es 2867, ein Jahr später schon 3060. Die Roma haben dadurch die Möglichkeit, für unterschiedliche Auftraggeber zu arbeiten und können so ihren Aufenthalt in Deutschland legitimieren.

Doch auch das Bemühen steigt, die Roma-Familien zu integrieren. Kinder werden in Willkommensklassen aufgenommen, Sprach- und Kulturmittler von freien Trägern helfen, mit den Eltern zu kommunizieren. 2014 hat Neukölln dafür 93.000 Euro vom Senat bekommen. „Die Investitionen in Bildung und Integration, die heute für diese Gruppe geleistet werden, sind unerlässlich“, sagte Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD). „Die Kinder, die heute zu uns kommen, sind die Arbeitskräfte, die wir morgen dringend brauchen.“