Bürgerprotest

Frieden und so - Was die neuen Montagsdemonstranten wollen

Am Brandenburger Tor treffen sich bei den sogenannten Montagsdemonstrationen Tausende, um zu protestieren. Was genau sie wollen, wissen sie selbst nicht. Ein Facebook-Aufruf hatte die Bewegung ausgelöst.

Foto: Reto Klar

Als das Aufnahmegerät aus ist, sagt Lars Mährholz noch einen Satz, der ihm so wichtig ist, dass er sich herüberbeugt und mit dem Zeigefinger auf den Tisch klopft. "Du hast das jetzt in der Hand", sagt er. "Wenn du einen positiven Artikel über uns schreibst, können wir den nächsten Krieg verhindern." Zehntausende könnten dann am Brandenburger Tor zusammen kommen und ein unmissverständliches Zeichen setzen: "Wir wollen Frieden." Sonst werde in den nächsten drei Wochen in der Ukraine die Hölle losbrechen.

Eigentlich wollte Mährholz nicht mit den "Mainstream-Medien" sprechen. Weil die Lügen verbreiteten und nur die Pressestellen der Nato seien, die den Westen in einen Krieg mit Russland hetze. Deswegen hat der 34-jährige Fallschirmsprung-Lehrer vor sieben Wochen die erste Demonstration angemeldet, die er Mahnwache für den Frieden nennt. 100 Menschen folgten seinem "Aufruf zum friedlichen Widerstand" am Brandenburger Tor. Inzwischen sind es mehrere Tausend.

Die Mahnwachen haben sich als regelmäßige Veranstaltung etabliert. Die Organisatoren sehen sich selbst in der Tradition der Montagsdemonstrationen gegen das politische System der DDR. In Berlin fing es an, mittlerweile wird unter dem gleichen Motto in 42 deutschen Städten, in der Schweiz und Österreich demonstriert. Es ist eine Bewegung, die schnell gewachsen ist und Beobachter verwundert: Wer sind diese Menschen, die scheinbar rechte Verschwörungstheorien verbreiten, sich aber beharrlich gegen jede politische Einordnung wehren?

"Wenn euch jemand fragt, ob ihr links oder rechts seid, dann sagt einfach, ihr seid Menschen", ruft Mährholz an einem dieser Montage von der Bühne am Brandenburger Tor. Das Publikum applaudiert. Manche sind direkt von der Arbeit gekommen, ein Mann mit Nadelstreifenanzug steht neben einem in Blaumann. Eine ältere Frau hat einen Klappstuhl mitgebracht, eine Mutter faltet mit ihren Kindern Friedenstauben aus Papier, zwei Jugendliche rollen sich einen Joint. "Stoppt die Täter: FED + NATO + EU + BILDERBERGER + MEDIEN + DEUTSCHE POLITIK. Venezuela/Ukraine/Syrien. Gegen US-Terror, für Frieden mit Russland", steht auf einem Schild.

Die Politik der US-Notenbank

Die "tödliche Politik der Fed" hat Mährholz als Hauptgegner ausgemacht. Die US-Notenbank sei für die Kriege der vergangenen hundert Jahre verantwortlich, so seine These. Doch mit Erklärungen hält sich der schlaksige Mann mit den langen blonden Haaren und zerrissenen Jeans zurück. "Was wollen wir?" fragt er. "Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit!" ruft das Publikum. "Hammer, das is mal ne wave of action, ey", sagt Mährholz. Dann überlässt er die Bühne den Rednern.

Ein älterer Herr spricht über die Ausbeutung der Natur durch Gartenbaucenter und rät seinen Zuhörern, mal wieder in den Botanischen Garten zu gehen. Eine Geschichtslehrerin sagt, sie komme aus der Zukunft und dort gebe es keine Autos, Geld oder Ländergrenzen mehr. Ein junger Mann fordert eine dezentrale Demokratie, die sich wie ein "amorphes Netz über alle Köpfe spannen" soll. Dazwischen gibt es Musik: Reime darüber, wie das Geldsystem funktioniert und dass Michael Jackson sterben musste, weil er für den Frieden kämpfte.

Das Brandenburger Tor ist zur Speakers' Corner Berlins geworden, nach dem Vorbild in London. Jeder darf versuchen, das Publikum von seinen Ideen zu überzeugen. Kaum jemandem gelingt es allerdings, den Demonstranten so einzuheizen wie Ken Jebsen. Der RBB kündigte dem Radiomoderator 2011, nachdem dieser antisemitische Positionen geäußert hatte. Seither verbreitet er seine Sendung "KenFM" auf Internetportalen. In seinen Hörstücken spricht Jebsen etwa über den "zionistischen Rassismus": Die "Propagandamaschinerie radikaler Zionisten" heißt es da, sei "eine mediale Massenvernichtungswaffe, die hilft, dass wir seit über 40 Jahren die Fresse halten, wenn im Auftrag des Staates Israel andere Menschen in Massen vernichtet werden – Araber im weitesten Sinne, Palästinenser im Speziellen".

Der 42-Jährige ist bereits an mehreren Montagen aufgetreten, die Zuhörer schätzen ihn – weil er "das sagt, was sich andere nicht trauen", sagt ein Student. Jebsen setzt sich auf die Bühne. Er will mit dem Publikum auf Augenhöhe sein. In den hinteren Reihen sieht ihn niemand, dafür brüllt er umso lauter. Stichwort Odessa: In der ukrainischen Hafenstadt starben etwa 40 Menschen, als ein Haus angezündet wurde, in dem sich pro-russische Regierungsgegner verschanzt hatten. Jebsen sagt, er habe Kontakt zu einem der Notärzte gehabt. Der habe ihm erzählt, dass er gehindert worden sei, die Menschen zu retten. Von Faschisten, die von Kiew gedeckt wurden. "Und Kiew wird aus Berlin gedeckt! Ich kann nur eines sagen: Diese Regierung hat nicht mehr mein Vertrauen!"

Es ist nicht leicht, Jebsen zu folgen. Er springt von der Ukraine zum Grundeinkommen, sagt, er wünsche sich ein Wirtschaftssystem, das wie ein Wald funktioniert, denn dort gebe es keinen Krieg. "Die Ameisen kämpfen nicht gegen die Amseln." Überhaupt sei die Natur das beste Vorbild für die gesellschaftliche Ordnung: "Stellt euch mal vor, Zugvögel würden die Reise nach Afrika demokratisch organisieren – die kämen nur bis Sylt!" Gelächter. "Die Vögel fliegen nach Afrika ohne lang rumzudiskutieren." Nein, das funktioniere am besten ohne Demokratie. Tobender Applaus.

Es sind Menschen wie Jebsen, die die Mahnwachen in den Verdacht rückten, sich zu einer neurechten Bewegung zu formieren. Vor ein paar Wochen mischte sich der NPD-Landesvorsitzende Sebastian Schmidtke unter die Demonstranten. Man achte darauf, bundesweit bei den Mahnwachen vertreten zu sein, sagt er, und dass er es sehr interessant finde, was da jenseits von Parteigrenzen geschehe. Kontakte zu den Veranstaltern gebe es aber nicht, er sei "als Privatperson" zum Brandenburger Tor gekommen.

Es wäre zu kurz gegriffen, die Montagsdemonstrationen als Sammelbecken für Spinner oder gar als antisemitische Allianz zu stilisieren. Dafür ist das Publikum zu heterogen. Das Spektrum reicht von Leuten, die an ein weltumspannendes Netz geheimer Strippenzieher glauben, bis zu Zuhörern, die es einfach gut finden, dass "endlich etwas passiert". Auf das Ziel Weltfrieden können sich alle einigen. Doch wie kann man das erreichen? Als ein Redner die Menge auffordert, konkrete Lösungsvorschläge zu machen, geht es wild durcheinander: "Steuern abschaffen", ruft einer. "Keine GEZ mehr zahlen", ein anderer. "Nächstenliebe", schallt es von weiter vorn.

Gefühl der eigenen Ohnmacht

Wie genau es weitergehen soll, darauf hat niemand eine Antwort. Wichtig sei doch erst einmal, dass man für ein gemeinsames Ziel stehe, sagt Brigitte, eine Rentnerin aus Charlottenburg. Alle vier Jahre wählen zu gehen, sei zu wenig, außerdem käme da am Ende eh immer das Gleiche bei rum. Es ist das Gefühl der eigenen Ohnmacht, das die Demonstranten jeden Montag vereint. Die diffuse Ahnung, dass etwas nicht richtig läuft. Dass die Regierung einen neuen Krieg will und deshalb Russland als Aggressor brandmarkt. Dabei, so die gängige Meinung, habe sich der Westen spätestens mit dem Irak-Krieg moralisch selbst demontiert.

Die gemeinsamen Helden dieser ungleichen Zusammenkünfte sind auf Handzetteln abgebildet: Edward Snowden und Chelsea Manning, die Whistleblower, die den NSA-Skandal auslösten und Foltermethoden ausländischer Soldaten im Irak enthüllten. So manch einer hier sieht sich wohl selbst gern als mutigen Kämpfer gegen die Mächtigen dieser Welt. Zwischen den Reden tauschen sich die Demonstranten über Clips im Internet aus, die ganz andere Bilder aus der Ukraine zeigen sollen, als die Tagesschau sendet.

Bis Anfang des Jahres, sagt Initiator Mährholz, habe auch er alles blind geglaubt, was ihm ARD und ZDF aufgetischt hätten. Doch dann habe ein Kumpel ihm ein Youtube-Video geschickt, das erkläre, wie die Fed die US-Regierung und das ganze Wirtschaftssystem kontrolliere. Er fing an zu googeln, stieß auf weitere Videos, immer mehr Theorien. Er gab seinen Job auf, widmete sich ganz dem Selbststudium in den Tiefen des Internets. "Ich hab' bestimmte Informationen bekommen", sagt er. "World Trade Center 7, John F. Kennedy, Fiat Money, Zentralbanken, Schuldgeldsystem, Zinseszins..." Plötzlich habe die ganze Welt einen Sinn ergeben. Und dann sei noch die Krise in der Ukraine dazugekommen. Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Mährholz startete seinen Aufruf auf Facebook und veröffentlichte ihn in den Kommentarspalten großer Medien im Internet, wenn es um die Ukraine oder Finanzpolitik ging. "Und dann steht da auf einmal eine Menge Leute am Brandenburger Tor." Zwei Drittel seien wie er noch nie auf einer Demo gewesen. Dass ist wohl das wirklich Bemerkenswerte an den Mahnwachen: Dass sich die Politikverdrossenen, die Nicht-Wähler, Leute, die alleine vor dem Computer saßen, in Foren oder mal einen Leserbrief schrieben, ein eigenes, ganz reales Forum gegeben haben.

Am Ende eines dieser Montage halten sich die Demonstranten an den Händen und singen mit, als ein Mädchen mit Gitarre den Refrain vorgibt: "Wir sind alle eins, für den Frieden vereint." Die Gemeinschaft betäubt das Ohnmachtsgefühl. Aus Hunderten sind schnell Tausende geworden, aber jetzt stagniert die Bewegung. Deswegen ist Mährholz doch zu einem Gespräch ins Café gekommen. Das ganze Volk müsse jetzt aufstehen, sagt er. Dafür seien wohlmeinende Berichte auch in der "Mainstream-Presse" so wichtig.

In wenigen Wochen beginnt die Fußball-WM. Unter deren "Deckmantel", prophezeit Mährholz, werde der Krieg in der Ukraine angezettelt. Das Volk sei dann abgelenkt. Unbegründet ist diese Befürchtung vermutlich nicht. Am Brandenburger Tor beginnt bald das Public Viewing – gut möglich, dass sich das Forum in der Fanmeile auflöst und die antinationale Protestwelle in schwarz-rot-goldene Partystimmung umschlägt. Die WM ist die Belastungsprobe für die Bewegung, die zeigen muss, ob es wirklich um Inhalte geht oder die Sehnsucht nach Gemeinschaft überwiegt. Ob für Frieden oder Fußball ist dann einerlei.

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