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Wikileaks-Aktivistin Sarah Harrison fühlt sich analog sicherer

Wenn Sarah Harrison auf der re:publica spricht, dann wird die Welt zu einem besseren Ort - ein wenig. Snowden soll Asyl bekommen, fordert die Wikileaks-Aktivistin. Doch analog fühlt sie sich sicherer.

Foto: Klar

Sie hatte „Nein“ gesagt, aber er drückt trotzdem ab. Der Besucher steht am Bühneneingang neben Sarah Harrison, hebt das Smartphone zum Foto, es blitzt. Harrison dreht sich zur Seite. „Ich möchte keine Fotos“, sagt sie wieder. Aber da ist der Besucher längst weg mit seiner Beute, um die es in der digitalen Gesellschaft so oft geht. Ein Selfie mit einem Star, zum Veröffentlichen auf Facebook. Eine Trophäe nur für sich selbst.

Dabei hat Sarah Harrison bei ihrem Auftrag auf dem Internetkongress re:publica in der Station Berlin an der Luckenwalder Straße am Gleisdreieck in Kreuzberg gezeigt, dass sie derzeit nicht zu dieser Spaßgesellschaft gehört. Die 32 Jahre alte Britin, bekannt, seit sie Edward Snowden im Namen von Wikileaks über Hongkong nach Moskau begleitete, betritt in weißer Bluse und knielangem Rock die Bühne. Strenge Berufskleidung von einer, die es mit den mächtigsten Regierungen der Welt aufnehmen will. Durch den ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden wurde die exzessive Spionage der NSA bekannt, auch das Abhören von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Harrison ist in Berlin, weil sie mit einer Festnahme rechnet, wenn sie in ihre Heimat fährt. So sehen das auch ihre Anwälte. In der Hand hält sie ein Notizbuch, voller Zettel. Ihre Botschaft: Ich benutze kein Smartphone, ich gebe nicht ständig Daten preis. Analog ist sicherer.

Eine Welt, in der Privatleute geschützt sind

Das passt zu der Vision, die sie auf der größten Bühne des Festivals vor jubelnden Zuschauern entwirft: Eine Welt, in der Privatleute geschützt sind, aber das Handeln der Mächtigen transparent ist. Berlin, eine Stadt, die bis zum Mauerfall für Kalten Krieg und Spionage stand, ist Zufluchtsort für Aktivisten wie Harrison geworden. Viel weiß man nicht über ihr Leben. Im November kam sie aus Moskau nach Berlin, mit Ballerinas als einzigen Schuhen. Aber sie hatte in der Stadt viele Bekannte, wie sie nun sagt. Darunter die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die von Snowden Dokumente erhielt, und der US-Computerexperte Jacob Applebaum, der ebenfalls nicht in seine Heimat zurückkehrt.

Sollte es ihr nicht gut gehen, dann kann sie das gut verbergen. „Berlin ist großartig“, sagt Harrison. Sie sieht gesund aus. Aber in ihrem einstündigen Vortrag spricht sie nicht über Privates. Harrison ist geschäftlich hier, es ist einer ihrer seltenen Auftritte als neues Gesicht von Wikileaks. Eine Organisation, die spektakuläre Enthüllungen zu dem Vorgehen von US-Soldaten im Irak lieferte, aber dann in eine Krise geriet. Ihr Chef, Julian Assange, hatte mit seinem oft selbstbezogenen Auftreten viele Sympathien verspielt, Looking for Freedom dazu gibt es die Vorwürfe gegen ihn wegen sexueller Belästigung.

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Nun steht dort für Wikileaks eine junge Frau, die viel riskiert hat. Die ein behütetes Zuhause in England haben könnte, aber in Berlin lebt. Mit Beifall wird ihr wichtigster Appell aufgenommen: Viel Zeit bleibt nicht, bis das Visum von Edward Snowden in Russland abläuft. Es geht nun darum, welches Land ihm Asyl gewährt. „Ihr habt noch zwei Monate, eure Regierung zu überzeugen“, ruft Harrison. Leider aber sei Deutschland wohl zu schwach, um sich gegen die US-Regierung zu stellen. Umso mehr müssten Unterstützer Druck machen.

Flüchtlingsrecht für Whistleblower

Den Vorschlag des Grünen-Politikers Christian Ströbele, ein Gesetz für den Schutz von Whistleblowern zu erarbeiten, beurteilt sie nüchtern. Sie glaube, dass Menschen, die geheime Unterlagen an die Öffentlichkeit bringen, in ihrem eigenen Land nie wirklichen Schutz hätten. Sie sieht Chancen in einer Regelung, die andere Länder verpflichtet, Whistleblower aufzunehmen wie Flüchtlinge. „Jedes Land spioniert, aber nicht in dem Ausmaß und der Qualität wie die USA.“

Es ist eine dunkle Halle, in der Harrison spricht. Hinter ihr, auf der Bühne, ist die Lichtung eines tiefen Waldes projiziert. So wird ihr Auftritt zu einem großen Bild: Es scheint zu zeigen, dass Harrison auf der re:publica an einem hellen Ort in einer ansonsten bedrohlichen Welt ist. Die Aufmerksamkeit, die ihre Person auf sich zieht, gibt ihr Sicherheit. Was man in diesem Bild eher nicht sieht: Dazu gehört auch die Aufmerksamkeit, die sie scheinbar meidet, zu der auch nervige Jäger nach Selfies gehören. Das eine geht kaum ohne das andere.

Zu ihrer Rolle während der Flucht von Snowden sagt Harrison, sie habe sich als Zeugin gesehen. Als Zeugin mit einem Twitter-Account, der öffentlich macht, was mit Snowden geschieht.

„Wir wollen, das man uns vor Gericht bringt“

Kurz zuvor wurde auf der Bühne noch gelacht. Die Yes Men hatten gesprochen, Aktivisten, die mit gewieften Aktionen Konzerne und Regierungen unter Druck setzen. So hatten sie sich vor Jahren im Wahlkampf als George Bush ausgegeben, dafür wurden sie von der US-Bundespolizei verhört. „Wenn das FBI unsere Mails liest, wo ist das Problem?“, so die Yes Men. „Wir wollen, dass man uns vor Gericht bringt, das ist gut für unsere Aktionen.“ Harrison dagegen spricht über die Whistleblowerin Chelsea Manning, die für Jahrzehnte in den USA im Gefängnis sitzt. Hier geht es nicht um Satire, sondern um Dokumente von Geheimdiensten.

„Menschen, die der Welt die Wahrheit sagen, verlieren ihre Stimme.“ Sie rät Aktivisten, geheime Dokumente komplett zu veröffentlichen. Früher sei Wikileaks auf die US-Regierung zugegangen, um zu verhandeln, was nicht publik werden darf, etwa um Menschen nicht in Gefahr zu bringen, die enttarnt werden könnten. Heute sagt sie: „Wir werden wohl nicht mehr auf Regierungen zugehen“ Denn die würden nur mit Propaganda antworten. Es klingt, als sei Harrison radikaler geworden.

Im Publikum sitzt Michael Schommer. Er organisiert eine Tagung in Stuttgart zur „Totalüberwachung“ . Er sagt, er sei ein bisschen stolz auf Deutschland, dass es Schutz und Freiheit für Aktivisten wie Harrison biete. „Ich fürchte, das wird nicht lange so bleiben.“