Asylpolitik

Wie Flüchtlinge im Berliner Südwesten begrüßt werden

Steglitz-Zehlendorf wird bis 2015 etwa 400 Asylbewerber aufnehmen – lange vor der Ankunft werden Anwohner vorbereitet und Hilfsangebote organisiert. Drei Prominente setzen sich für das Bündnis ein.

Foto: Peter Endig / dpa

Schauspieler Dieter Hallervorden hat bereits unterschrieben, auch Arzt und Entertainer Eckart von Hirschhausen sowie RBB-Moderator Jörg Thadeusz. Die drei Prominenten gehören zu den ersten, die sich im Südwesten der Stadt für eine neue Kultur der Begrüßung von Flüchtlingen einsetzen.

Im Bezirk Steglitz-Zehlendorf soll am Mittwoch, 7. Mai 2014, 18 Uhr im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf ein „Willkommensbündnis für Flüchtlinge“ gegründet werden. Um möglichst viele Mitstreiter zu finden, hat der Bezirk im Vorfeld einen Aufruf gestartet. Jeder, der mitmachen will, kann sich eintragen. Hinter den drei prominenten Namen stehen auch schon andere von Kirchenvertretern, Politikern sowie Jugendfreizeiteinrichtungen.

Für Eckart von Hirschhausen ist es nicht das erste Engagement in Steglitz-Zehlendorf. Er ist bereits Pate des Mehrgenerationenhauses Phoenix am Teltower Damm. Für den neuerlichen Einsatz hat er ganz persönliche Gründe. „Meine Großeltern kamen in den Wirren des Krieges selber als Flüchtlinge nach Deutschland“, sagt der Arzt, Komiker, Autor und Moderator. Dass es uns heute so gut gehe, habe viel damit zu tun, dass eine offene Gesellschaft Menschen willkommen heiße und integriere, so Eckart von Hirschhausen.

Dieter Hallervorden hingegen hat sich in die Lage der Flüchtlinge. „Wer das Trauma erlebt hat, seine Heimat zu verlieren, sollte wenigstens hoffen dürfen, in der Fremde willkommen geheißen zu werden“, sagt der Komiker und Leiter des Schloßpark-Theaters in Steglitz

Bis Jahresende etwa 400 weitere Asylbewerber

Es ist noch so häufig in der Stadt, dass ein Bezirk bereits lange vor der Ankunft der Flüchtlinge, die Anwohner darauf vorbereitet und Hilfsangebote organisiert. Zwar gab es auch in anderen Bezirken, wie Pankow und Charlottenburg-Wilmersdorf, Initiativen und Aktivitäten, die vom Amt oder von engagierten Anwohnern ausgingen.

Das passierte jedoch meistens erst nach dem Einzug der neuen Bewohner oder parallel zur Eröffnung neuer Asylbewerberheime. In Westend hat der Betreiber des neuen Asylbewerber-Heims in der Soorstraße zum Beispiel die Nachbarschaft eingeladen, um sich vorzustellen.

Dabei konnte er nicht nur Ängste abbauen sondern sogar die Bewohner dafür gewinnen, den Neuankömmlingen zu helfen. Ganz anders liegt der Fall in Treptow-Köpenick, wo vor einigen Tagen ein offenbar rechtsextrem motivierter Brandanschlag auf die Unterkunft von 47 Flüchtlingen in der Salvador-Allende-Straße verübt wurde. Verletzt wurde niemand, die mutmaßlichen Täter konnten gefasst werden.

Steglitz-Zehlendorf wird bis Jahresende etwa 400 weitere Asylbewerber aufnehmen. Dafür werden derzeit zwei neue Unterkünfte an der Goerzallee 307 und 311 hergerichtet, zum Beispiel ein ehemaliges Bürohaus. Die ersten Flüchtlinge sollen Ende Juni in Lichterfelde ankommen.

„Es ist wichtig, dass sich die Anwohner bei der Betreuung der Flüchtlinge mit engagieren“, sagt Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU). Sie könnten die Arbeit der Verwaltung sehr gut ergänzen. Die Idee für das Willkommensbündnis stamme vom Integrationsbeirat, der vor eineinhalb Jahren ins Leben gerufen wurde, sagt Kopp. Seit Oktober liefen die Vorbereitungen, an dem sich auch das Schul- und das Jugendamt beteiligten. Er sieht die Hilfsangebote vor allem im Freizeitbereich. „Sprachunterricht oder sportliche Betätigung führen zusätzlich dazu, dass sich die Flüchtlinge wohlfühlen“, so der Bezirksbürgermeister.

Die meisten Asylbewerber derzeit im Bezirk Mitte

Zwischen 14.000 und 15.000 Flüchtlinge leben derzeit in der Stadt. „Täglich kommen zwischen 50 und 100 Asylbewerber in Berlin an“, sagt Silvia Kostner, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso). Die größte Gruppe stammt aus Serbien, gefolgt von Menschen aus Syrien, Bosnien-Herzegowina und Afghanistan. Derzeit gibt es 38 Flüchtlingsheime, davon vier Erstaufnahmeeinrichtungen und elf Notunterkünfte in der Hauptstadt. Darin wohnen insgesamt fast 9000 Flüchtlinge. Einige sind in Hostels und Pensionen untergekommen, etwa 6000 in eigenen Wohnungen.

Die meisten Asylbewerber haben derzeit im Bezirk Mitte (1347), Lichtenberg (1220) und Spandau (1200) einen Heimplatz gefunden. Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg folgen mit jeweils fast 900. Steglitz-Zehlendorf hat einen enormen Aufholbedarf. Im Moment ist der Bezirk mit knapp 150 Plätzen Schlusslicht im Bezirksranking. Mit den beiden neuen Einrichtungen wird der Südwesten dieses Defizit wett machen und ins Mittelfeld rutschen und dann soviel Plätze wie Pankow anbieten.

Auf der Liste der engagierten Unterzeichner ist auch das Diakonische Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf. Seit vielen Jahren sei man in der Flüchtlingsarbeit aktiv, sagt Leiterin Marianne Kindler. Aus diesem Grund wollten sie auch weiterhin mithelfen, den Flüchtlingen einen guten Start zu ermöglichen. „Sie sollen sich wie zu Hause fühlen“, sagt die Leiterin. Bereits jetzt würden die Ehrenamtlichen geworben und geschult werden. So müssten sie sich in Fragen der Sozialhilfe und des Aufenthaltsrechts auskennen, um den Asylbewerbern weiterhelfen zu können. Ansonsten werde man nach der Ankunft sehen, wo am meisten Hilfe gebraucht werde.

Im Jahr 2013 wurden zum ersten Mal mehr als 100.000 Asylanträge in Deutschland gestellt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) rechnet mit weiter steigenden Anträgen. Die Zahl der eingereisten Flüchtlinge wird seiner Prognose nach 2014 voraussichtlich über der des Vorjahres liegen.

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