Festival

Wie Marion Brasch den Radiosender DT64 wieder aufleben lässt

Manche kennen Marion Brasch als Moderatorin. Andere als Autorin. Sie stammt aus einer bekannten Ost-Berliner Familie. Jetzt organisiert sie das Jubiläum des abgewickelten Radiosenders DT64.

Foto: David Heerde

Marion Brasch berlinert. Mit Absicht und inzwischen manchmal sogar bei der Arbeit – für eine Rundfunkmoderatorin eher ungewöhnlich. Doch sie liebt diesen Dialekt, den die Jüngeren kaum noch sprechen, selbst wenn sie in Berlin geboren worden sind und immer noch hier leben, wie beispielsweise ihre Tochter Lena. Marion Brasch weiß zwar, warum das so ist – nach Berlin kämen junge Menschen aus aller Welt, die müssten ihre eigene Sprache finden, die alle verstehen. „Dialekte gehen da nicht.“ Doch sie stemmt sich auch ein bisschen dagegen. Wer nicht mehr ganz jung sei, könne es sich leisten, zu berlinern. So wie sie. Und etwas dafür tun, dass dieser Dialekt nicht ganz so schnell ausstirbt. „Ich pflege das jetzt“, sagt sie.

Wie ihren Dialekt pflegt Brasch auch ihre Sesshaftigkeit. Sie wohnt seit den 80er-Jahren in der Nähe der Winsstraße in Prenzlauer Berg. Und sie will bleiben, „solange ich mir die Miete leisten kann.“ Berlin hat für sie vor allem mit Heimat zu tun, mit Vertrautheit. Seit ihrer Geburt 1961 lebt sie im Ostteil der Stadt. Abgesehen von einem kurzen Abstecher nach Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, zu dem sie gezwungen wurde, weil ihr Vater dorthin versetzt worden war.

Dass im Kiez inzwischen alles anders ist, weil nach dem Mauerfall viele Menschen aus Westdeutschland zugezogen sind, stört sie nicht. Dann schon eher die Tatsache, dass kaum noch alte Leute dort wohnen. Das hält sie für einen Verlust. Ein bisschen zu viel ist ihr inzwischen auch das Durchsanierte. Alles zu schick und irgendwie gleich. „Langweilig.“ Die wenigen Häuser in ihrer Straße, die noch so aussehen wie vor 1989, sind ihr deshalb besonders lieb. Von ihrem Balkon im Hinterhof blickt sie auf so ein Haus. „Das ist wie ein Blick in die DDR“, sagt sie. Mit Ostalgie habe das aber nichts zu tun. „Damit kann ich nichts anfangen.“

Durch Zufall zum Sender gekommen

Auch das Festival im Kino Babylon, das Marion Brasch gerade organisiert, soll möglichst ohne Ostalgie auskommen. Das dürfte nicht so leicht sein. Gefeiert werden soll schließlich das 50-jährige-Jubiläum des DDR-Jugendsenders DT64. „Klar wird das so etwas wie ein Klassentreffen, die Leute wollen sich erinnern und auch ein bisschen nostalgisch sein“, sagt Brasch, die von 1987 bis zur Abwicklung des Senders 1992 Moderatorin bei DT64 war. „Genau in der Zeit, in der aus dem angepassten Staatsradio ein angesagtes Jugendradio wurde. Die beste Zeit“, sagt sie. Das Geburtstagsfestival soll aber auch junge Leute erreichen, die sich für DDR-Geschichte interessieren. „Freunde meiner Tochter haben mir signalisiert, dass sie das spannend finden.“

Marion Brasch ist damals eher durch Zufall zum Sender gekommen. Sie hatte Schriftsetzerin gelernt und bei verschiedenen Verlagen gearbeitet. Großen Spaß hat ihr das alles nicht gemacht. Als sie dann hörte, dass DT64 sein Programm ausbauen wollte und Mitarbeiter suchte, bewarb sie sich als Musikredakteurin. Und wurde sofort engagiert. Es war die Zeit von Glasnost und Perestroika. Michail Gorbatschow wurde 1985 neuer Staatschef im Kreml. Er setzte zahlreiche Reformen durch, die schließlich das Ende des Sowjetstaates brachten.

Ein Festival für DT64

Diese Aufbruchstimmung war auch in der DDR zu spüren. Die Macher vom Jugendradio DT64 versuchten, der Realität ihrer Hörer näher zu kommen. Der Sender, der anlässlich des Pfingsttreffens der DDR-Jugendorganisation FDJ gegründet worden war, griff nun Themen auf, die die Jugendlichen interessierten, spielte Musik, die sie hören wollten. Hatten früher viele das Jugendradio ignoriert und lieber Rias gehört, entdeckten sie nun DT64. Das ging so weit, dass nach dem Ende der DDR Tausende Jugendliche gegen die drohende Abschaltung des Senders demonstrierten. Und zwar nicht nur Jugendliche aus dem Ostteil des Landes. „Es gab auch Freundeskreise in Hannover und Nürnberg“, erinnert sich Brasch. DT64 wurde trotzdem abgeschaltet und ging in den Jugendprogrammen des MDR (Sputnik) und des ORB (Rockradio B, später Radio Fritz) auf. Marion Brasch hatte damals das Angebot, nach Halle zum MDR zu wechseln. Doch sie wollte nicht weg aus Berlin.

Sie bekam ihre Tochter und fing kurz darauf als freie Moderatorin bei Radioeins an. Im 14-tägigen Rhythmus ist sie dort zurzeit auf Sendung. In dieser letzten Aprilwoche hat sie frei. Das ist gut, denn die Organisation „ihres“ Festivals ist ziemlich zeitaufwendig. „Wir wollen ja nicht nur feiern, sondern auch über die Geschichte des Radiosenders diskutierten“, sagt sie. Es soll Filme zur Jugendkultur in der DDR geben, Features, Gespräche und Musik. Brasch hat Bands eingeladen, die zur Wendezeit angesagt waren, wie „Bobo in White Wooden Houses“, „Sandow“ oder die „Rainbirds“. Aber auch die „Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot“, die vor allem bei einem jüngeren Publikum bekannt ist. Die Vorfreude ist ihr anzumerken. Aber auch ein leiser Zweifel, ob sich genug Leute für dieses Angebot interessieren werden.

Brasch stammt aus einer besonderen Familie

Bei unserem Treffen sitzt sie trotzdem entspannt in einem Straßencafé, das sich fast neben ihrer Haustür befindet. Sie trinkt Wasser und freut sich über die frühsommerliche Wärme. In ihrem Kiez fällt Marion Brasch nicht weiter auf. An diesem Vormittag trägt sie khakifarbene Hosen, ein kariertes Hemd, dazu ein grünes Blouson und hellblaue Turnschuhe. Sie könnte aus Stuttgart stammen, aus München oder Hamburg. Doch sie stammt aus der DDR. Noch dazu aus einer besonderen Familie.

Über die hat sie eine Geschichte geschrieben. „Ab jetzt ist Ruhe“ heißt das Buch, das 2012 erschienen ist. Es ist die Geschichte ihrer jüdischen Eltern, des staatstreuen Vaters Horst Brasch, der Stellvertretender DDR-Kulturminister geworden war und bis zu seinem Tod die Augen vor der Realität in der DDR verschlossen hatte, und der traurigen Mutter, einer kunstbegeisterten Wienerin, die in der DDR nie heimisch geworden ist. Eine Geschichte, die auch von ihren drei unangepassten, rebellischen Brüdern erzählt, von denen zwei Schriftsteller geworden waren und einer Schauspieler. Der bekannteste von ihnen ist der Dichter Thomas Brasch. Gleichzeitig ist es ein Stück DDR-Geschichte. Und natürlich die Geschichte darüber, wie sie als jüngstes von vier Kindern in dieser Familie aufgewachsen ist.

Eine Biografie ist „Ab jetzt ist Ruhe“ allerdings nicht geworden. „Dafür hätte ich mehr recherchieren müssen, dazu hatte ich aber keine Lust“, sagt Marion Brasch. Außerdem habe sie eine gewisse Freiheit beim Schreiben behalten – und sich damit ihre Subjektivität bewahren wollen. „Als ich angefangen habe, hatte ich keinen Plan. Es gab bestimmte Geschichten, von denen ich wusste, dass ich sie erzählen wollte.“ Alles, was mit ihrer Familie zu tun habe, sei wahr, auch wenn sie sich an einige Gespräche und bestimmte Szenen nicht mehr minutiös erinnern konnte. „Die musste ich inszenieren.“

Das Buch hat sie für die Tochter geschrieben

Das Buch habe sie vor allem für ihre Tochter geschrieben, sagt Brasch. Die habe ihre Familie kaum mehr kennen gelernt, nur zwei ihrer Brüder habe sie noch erlebt, als sie klein war. Immer wieder habe sie ihrer Mutter gesagt, wie traurig sie darüber sei. „Als ich das Buch dann endlich geschrieben habe, waren aber auch diese letzen beiden Brüder schon mehrere Jahre tot.“ Erst dann habe sie sich getraut, ihre Geschichte zu erzählen.

Der Roman ist ein Erfolg geworden. Doch auf die Frage, ob sie nun auch eine Schriftstellerin sei, schüttelt Marion Brasch energisch den Kopf. „Ich bin Autorin“, sagt sie. Schriftsteller, das sei ein großes Wort, davor habe sie viel zu großen Respekt. Was ihre Brüder zu dem Buch sagen würden, wüsste sie dennoch gern. „Wahrscheinlich würden sie mich belächeln, so wie sie das immer gemacht haben. Ich war eben die kleine Schwester.“ Dann grinst Marion Brasch. „Auf die guten Verkaufszahlen meines Buches wären sie allerdings bestimmt ein bisschen neidisch. Das ist ihnen mit ihren Veröffentlichungen nie gelungen.“

Ihr Roman habe keine bestimmte Leserschaft, sagt Marion Brasch. „Es gibt die DDR-Leute, die es lesen, weil es mit ihrer Geschichte zu tun hat, dann Leute, die gern Familiengeschichten lesen, geschichtsinteressierte Leser und Lehrer von Gymnasialklassen, die es mit in den Geschichts- oder Deutschunterricht nehmen.“ Bisher sei sie zu über 100 Lesungen eingeladen worden, im Osten wie im Westen Deutschlands. Auch von einigen Schulen. Marion Brasch ist froh darüber, dass ihre Leserschaft so vielfältig ist. „Am meisten hat mich die Reaktion der jungen Leute gefreut, weil das Buch ja auch vom Erwachsenwerden und Freischwimmen erzählt“, sagt sie.

Von vorne bis hinten ausgedacht

Erfolg macht mutig. Marion Brasch hat inzwischen ein zweites Buch geschrieben. „Wunderlich fährt nach Norden“ soll am 24. Juli erscheinen. Beim Schreiben ihres ersten Buches habe sie gemerkt, dass es ihr am meisten Spaß macht, sich Sachen auszudenken, rumzuspinnen, sagt Brasch. Diese Neigung habe sie mit dem zweiten Roman voll und ganz ausleben können. Die Geschichte sei von vorne bis hinten ausgedacht.

Wunderlich ist ein Mann, der seine Heimatstadt verlässt, nicht sehr weit kommt, dafür aber äußerst skurrile Dinge erlebt. Seine Geschichte ist eine Abenteuergeschichte. Eine Geschichte, die nichts mehr mit ihrer Biografie zu tun habe, sagt Marion Brasch. „Es geht um einen Typen, der immer einen Tritt in den Hintern braucht, um weiterzukommen.“ Diesbezüglich stecke dann doch einiges von ihr in dieser Figur. Auch sie brauche des Öfteren diesen Tritt in den Hintern. Im Falle des neues Romans sei es das sechsmonatige Stipendium auf Schloss Wiepersdorf gewesen, das ihr den nötigen Druck gemacht habe, die Sache zu Ende zu bringen.

Hauptberuflich ist und bleibt die zarte Frau mit dem offenen Lächeln vorerst allerdings Radiomoderatorin. Damit kennt sie sich aus. Ihr Anspruch ist es, „mit den Hörern auf Augenhöhe zu sein und nicht an ihnen vorbei oder über sie hinweg zu senden.“ Sie versuche, Dinge zu thematisieren, die die Leute interessieren könnten und dabei gleichermaßen unterhaltend, informierend und bildend zu sein, sagt Marion Brasch. Das sei manchmal ganz schön schwer. „Auch heute musst du Kompromisse machen. Anpassung ist gefragt.“

Sie war immer die Brave

Anders als früher versuche sie aber, den Mund aufzumachen und sich zu wehren. Zu dieser Haltung habe sie lange gebraucht. „Zum Rebellischsein hatte ich früher ja meine Brüder. Ich war immer die brave, angepasste Schwester.“ Als jüngstes Kind der Familie habe sie zudem ihrem Vater das Gefühl geben wollen, es doch irgendwie richtig gemacht zu haben. Mit seinen Söhnen habe er ständig erbittert gestritten. Das Verhältnis der Männer sei äußerst schwierig gewesen. Sie habe es anders machen wollen. „Meinem Vater zuliebe habe ich auch in Situationen geschwiegen, wo Widerspruch angebracht gewesen wäre.“ Je erwachsener sie dann aber geworden sei, desto mehr habe sie auch den Mund aufgemacht, desto mutiger sei sie geworden.

Das Festival zum Jubiläum von DT64 wird im Kino Babylon unweit der Volksbühne stattfinden. Drei Tage lang, vom 8. bis zum 10. Mai, wird es um die Geschichte des Senders gehen, die von Anpassung und Widerstand erzählt. Dass das Publikum darüber miteinander ins Gespräch kommt, ist der große Wunsch von Marion Brasch. Anpassung und Widerstand ist schließlich auch wesentlicher Bestandteil ihre Familiengeschichte, einer Geschichte, die sie und auf ähnliche Weise viele ihrer Generation geprägt hat.

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