Fotoband

Das sind die Straßenkids vom Alexanderplatz

Drei Jahre lang begleitete der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun Straßenkinder. Sein Buch „Berlin Alexanderplatz“ bietet Einblicke in einen Kosmos, der nach eigenen Regeln funktioniert.

Foto: Amin Akhtar

Klar kannste mich fotografieren, hat sie gesagt. "Gehn wa' am besten gleich raus, oder?"

Sie, das ist Mia, und vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Göran Gnaudschun diesem Mädchen nicht als erstes begegnet wäre, als ihn eine Zeitung vor vier Jahren mit dem Auftrag losschickte, sie für eine Reportage zu fotografieren, die Kids vom Alexanderplatz.

Mia hockte mit anderen Punks in der Gruft, jenem Tunnel, der zu den U-Bahn-Gleisen führt. Oi Punk aus dem Ghettoblaster, eine Pulle Korn in der Mitte. Ein Mädchen ganz in schwarz, nur die Haare schillern in den Farben eines Blutergusses, grün-blau-lila.

Göran Gnaudschuns Blick bekommt einen verräterischen Glanz, wenn er von seiner ersten Begegnung mit Mia erzählt. Er ist Fotograf, Porträts sind seine Profession, mehr noch, seine Leidenschaft.

Sehen, was andere nicht sehen

Er sieht, was andere nicht sehen. Und in Mia, sagt er, habe er gleich etwas gesehen, was man an diesem Ort nicht erwartet. Etwas Majestätisches, sagt er, und er meint das genau so, wie er es sagt. Völlig ironiefrei.

Wie sie da stand, die Lippen gepierct und behangen mit Ketten, schwer wie die Vergangenheit, die sie mit sich herumschleppte. Wie sie das Kinn trotzig nach vorne reckte, aber keinerlei Anstalten machte zu lächeln. Wie sie einfach durch die Linse und durch ihn hindurchschaute.

So, als wolle sie sagen: Hier bin ich. Mia, 22, und das ist mein Wohnzimmer, der Alex. Es ist keine feine Stube und schon gar nicht gemütlich. Schaut euch doch mal um. Eine Betonwüste im Schatten des Fernsehturms. Diese Tristesse. Aber hey, so ist das im Leben. Du kannst es dir nicht aussuchen. Du musst es nehmen, wie es kommt. Die volle Packung. Take it or leave it. Nimm es. Oder leck mich.

Dreijährige Recherche

Mias Foto findet man heute in dem Fotoband "Berlin Alexanderplatz". 218 Seiten, 90 Farbfotos. Göran Gnaudschun, 42, hat die Fotos gemacht. Beinahe drei Jahre lang ist er jede Woche einmal mit der S-Bahn von Potsdam zum Alexanderplatz gefahren, die Kamera und das Aufnahmegerät in der Tasche.

Es gab Tage, da hat er weder das eine noch das andere ausgepackt. Er sagt, er wäre sich sonst irgendwie komisch vorgekommen. Wie ein Voyeur. Und ein bisschen auch wie ein Verräter.

Zu Hause wartete seine Frau auf ihn, die drei Söhne, der jüngste gerade mal anderthalb. Ein Stück heile Welt, Bilder wie aus Bullerbü, wenn man so will. Am Alex traf er Kids, denen genau das fehlte. Ihr Zuhause, das war jetzt da, wo sich all die anderen Kids trafen, die kein Zuhause hatten.

Auf dem Platz zwischen dem Fernsehturm und Alexa, diesem Kaufhaus-gewordenen Albtraum in der Farbe Leberwurst. Und Göran, "der Alexfotograf", wie sie ihn nannten, gehörte jetzt dazu. Brachte Bier mit. Gab auch mal 'nen Döner aus. Und hörte ihnen vor allem zu. So was passiert nicht oft auf dem Alex. So hat er es geschafft, sich ihnen zu nähern. Er hat mit ihnen geredet und getrunken, gelitten und gelacht.

An einem Nachmittag im April trifft man ihn vor einem Eiscafé im S-Bahn-Bogen. Er rührt in seinem Kaffee. Er ist ganz in schwarz gekleidet, wie die meisten seiner Modelle. Das Hemd nur locker in die Hose gesteckt.

Er kommt immer noch regelmäßig

Ein freundliches Gesicht. Wenn er lächelt, sieht man, dass seine Zähne ein bisschen schief sind. Es kostet nicht viel Fantasie sich vorzustellen, wie er noch vor einigen Jahren die E-Gitarre in der Punkband "44 Leningrad" geschrubbt hat, volles Brett. Der kahle Schädel verschwindet unter einer Schiebermütze.

Das Projekt Alexanderplatz ist abgeschlossen. Doch Göran Gnaudschun, früher aktiv in der Hausbesetzer-Szene, heute freiberuflicher Fotograf und Dozent an der Uni Potsdam, kommt immer noch regelmäßig vorbei. Die Kids auf dem Alex begrüßen ihn mit Handschlag. Einige gingen, viele neue kamen. Er sagt: "Ich will doch wissen, wie es weitergeht."

Sein Rucksack steht neben ihm auf dem Stuhl. Es ist so ein Sack, in den einiges reinpasst, wenn es sein muss, ein halbes Leben. Ein Sack, wie ihn Menschen tragen, die immer auf der Reise sind. Und so sieht sich der Künstler selber. Ein Suchender.

Sichtbare Verletzlichkeit

Auf dem Alex hat er etwas gefunden, von dem er sagt, es sei das Beste, was einem Fotografen passieren könne. Es habe all die Zeit aufgewogen, die er sich hier um die Ohren geschlagen hat. "Das Gefühl, da öffnet sich jemand, und für einen Moment bist du ihm wirklich nahe. Du spürst es nicht nur im Herzen, du siehst es später auch auf den Bildern. In denen steckt so viel drin, an Großstadt und sichtbarer Verletzlichkeit." Glücksmomente eines Fotografen.

Er hat heute wieder jede Menge Abzüge dabei, die will er auf dem Alex verteilen, das hat er den Kids versprochen. Doch er wäre auch so zurückgekommen. In seinem Buch schreibt er: "Der Alex ist ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Die Menschen bevölkern nachts meine Träume."

Dem Tod ins Auge geschaut

Da ist zum Beispiel Bianka, genannt "Big Mama" . Sie ist 27, "klein, aber breit". So beschreibt er sie. Sie trägt ein Basecap und darunter kurze Haare. Sie wirkt ein bisschen bossy. Wie Menschen eben so sind, die schon mehr gesehen haben, als Augen ertragen können. Und Bianka hat dem Tod schon zweimal ins Gesicht geschaut. Göran Gnaudschun erzählte sie, warum sie immer wieder zum Alex kommt:

"Ich verkehre seit zweieinhalb Jahren hier, um alte Leute wiederzutreffen und um meinen Freundeskreis zu erweitern. Man nennt mich "Mutti vom Alex", weil ich habe immer irgendwo dazwischengegriffen und versucht zu vermitteln. Es gibt hier mehrere Fraktionen. Es gibt Gothics, es gibt Punks, es gibt Emos, es gibt Hopper. Und dann kam es halt zu einer Situation, die für mich lebensgefährlich war. Ich wäre hier fast umgebracht worden, auf dem Platz, aufgrund einer Auseinandersetzung mit einer Person. Ich war betrunken, er war betrunken, es ging dabei um seinen Hund, und, na ja, es ist halt ein bisschen ausgeufert. Er hat versucht, mir das Genick zu brechen. Ja, es ist halt alles dumm gelaufen, und vor sechs oder sieben Wochen bin ich wieder hier aufgeschlagen und habe festgestellt, dass man mich hier auch vermisst hat und alles drunter und drüber gegangen ist, und dann habe ich einfach gesagt, na gut, dann werde ich wieder hier sein und gucken, dass hier wieder Ordnung herrscht, im Prinzip."

Bianka ist nicht ihr richtiger Name. Man kann ihre Geschichte keinem der Bilder zuordnen. So will es der Fotograf. Göran Gnaudschun sagt, er müsse die Kids beschützen, vor der Öffentlichkeit und manche auch vor sich selber. Er spricht, als rede er über seine eigenen Jungs. Er fühlt sich für sie verantwortlich.

Gegen das Klischee

Seine Fotos zeigen selbstbewusste Kids. Stolze Kids. Ernste Kids. Rebellische Kids. Die Bilder bürsten das Klischee der abgerockten Drop-Outs gegen den Strich. Sie zeigen das Individuum hinter dem Problem. Sie verleihen den Protagonisten Würde.

Man könnte ihm vorwerfen, dass er, der Immer-Noch-Punk im Herzen, das Bild der obdachlosen Jugendlichen verklärt. Doch genau das macht er nicht. Sein Buch zeigt alle Facetten dieses Kosmos, der auf seiner eigenen Umlaufbahn kreist, im Herzen der Großstadt.

Wie viele Straßenkinder in Berlin leben, weiß keiner. Statistisch werden sie nicht erfasst. Aber "die" Straßenkinder, erfährt der Betrachter, die gibt es sowieso nicht.

Kinder, die keine Chance hatten

Klar kenne er Kinder, die keine Chance hatten. Als Baby zur Adoption freigegeben, von Pflegefamilien ins Heim abgeschoben. Geschichten von Jugendlichen wie Milan, 25, der sich selber als Zigeuner bezeichnet und als einziger Punk keine Tattoos und keine Piercings trägt. Gnaudschun hat ihn beim Schnorren neben der Galeria Kaufhof getroffen. Milan erzählt:

"Mit einundzwanzig Monaten hat mich meine Mutter beim Arzt liegen gelassen. Nicht das erste Mal. Sie meinte, sie muss aufs Klo. Dann hat sie aber eine Straftat begangen, so dass ich ins Heim kam. Meine Mutter hat mich dann mit neun Jahren nach Deutschland geholt. Erst war ich bei ihr, dann in der Psychiatrie wegen Angstzuständen vor meiner Mutter, und dann kam ich ins Heim. Mit sechzehn habe ich meinen Hauptschulabschluss gemacht und bin ausgerissen. War dann in einer WG, betreutes Einzelwohnen. Mit achtzehn wurden die Jugendgelder eingestellt, und dann habe ich zum ersten Mal auf der Parkbank übernachtet, mit meinem Welpen in der Lederjacke. Das einzige, was mich da gehalten hat.

Jetzt habe ich ein Zimmer in einem Wohnheim, das zahlt das Sozialamt. Aber meistens bin ich am Alex, ungefähr fünf oder sechs Tage in der Woche. Hier treff' ich meine Kumpels, wir besorgen uns irgendwie Geld, und dann holen wir uns halt unseren Schnaps, betrinken uns, haben Spaß.

Ich würde gerne irgendwie an eine Kochausbildung rankommen, Arbeit statt Schnorren. Aber ich weiß nicht wie. Zur Zeit mache ich gar nichts. Zu oft mein' Arsch aufgerafft und immer wieder auf die Straße gekommen oder in Scheißumstände. Also kein' Bock mehr."

Doch ebenso oft hat Göran Gnaudschun Kids getroffen aus Elternhäusern, in denen zumindest die Fassade heil war, "mit Klavierunterricht, Reiten und Sprachreisen". Dahinter sah es anders aus. Gnaudschun wägt seine Worte genau ab. Er genießt das Vertrauen der Kids. Er darf es nicht verspielen.

Eltern riefen ihn an

Einige Eltern haben ihn angerufen, nachdem sein Buch erschienen ist. Eine bizarre Situation. Der Chronist der Kids vom Alex, er wurde zu ihrem Anwalt. Einige Eltern wollten wissen, wo ihre Kinder stecken. Andere dankten ihm für das Buch. Ein Vater sagte, er habe erst jetzt verstanden, warum sein Sohn ausgerissen sei. Das Interview, das Gnaudschun mit ihm geführt habe, habe ihm die Augen geöffnet.

Eine befremdliche Vorstellung. Doch Göran Gnaudschun versteht es als Kompliment. Er sagt, viele der Kinder seien sexuell missbraucht worden. Besonders labile hätte aber auch schon die Trennung ihrer Eltern aus der Bahn geworfen.

Es kann jeden treffen

Er muss dann immer an seine eigene Jugend denken. Behütet sei die gewesen, sagt er. Vielleicht schon zu behütet. Als Punk brach er aus. Einen Freiraum habe er damals gesucht, kein Zuhause. Das sei der Unterschied. Die Kids vom Alex hätten keine andere Wahl gehabt. Auch die nicht aus wohlsituierten Verhältnissen. Diese Botschaft will er mit seinem Buch vermitteln. Dass es jeden treffen könne, auch Unternehmer-Söhne und Professoren-Töchter. "Die Kinder vom Alex, das ist kein Unterschichtenphänomen."

Liz, 19 Jahre, ist so ein Mädchen aus gutem Hause. Ihre Arme sind stark vernarbt vom Ritzen. Liz ist Borderlinerin, ihr Gefühl schwankt von einer Sekunde zur anderen. So beschreibt er sie in seinem Buch: "Ihr Kleine-Mädchen-Augenaufschlag wird in Sekundenschnelle zum Adler-sucht-Beute-Blick."

Liz' Welt geriet aus den Fugen, als sie vor zwei Jahren mit ihren Eltern aus Mallorca nach Berlin zog. Liz fand keine Freunde. So landete sie am Alex. Ihr Bericht:

"Das Spannende am Alexanderplatz ist dieses Gefühl von Zusammenhalt. Und dieses Gefühl von einer Familie, die füreinander da ist, egal was passiert. Dass sich viele Leute vor mich gestellt haben und gesagt haben: Wenn du von ihr was willst, dann musst du erst mal an mir vorbei. Das war sehr schön für mich. Weil das hatte ich noch nie, noch nie in meinem Leben. Ich hatte noch nie in meinem Leben gute Freunde, die wirklich auf mich aufgepasst haben. Und neue Leute kennenlernen, das ist ja sowieso meins.

Ende September habe ich ein Mädel zusammengeschlagen, weil sie Klipper geküsst hat. Meinen Freund, wir haben uns auf dem Alex kennengelernt. In dem Moment bin ich ausgerastet, habe sie nur an den Haaren nach unten gezogen und hab so lange auf sie eingetreten, bis sie nur noch geblutet hat. Weil niemand darf meinen Freund anfassen außer mir. Da kriege ich Hassattacken, richtig krass. Mir tut es bis heute nicht leid, dass ich ihr die Fresse eingetreten habe. Ist mir scheißegal. Ich habe ihr richtig ins Gesicht getreten. Die ganze Zeit. Mit den Stahlkappen. Und das tut verdammt weh."

Gestern noch Opfer, heute Täterin. Göran Gnaudschun hat das oft erlebt. Viele der Straßenkids haben den Knast schon von innen gesehen. Er sagt, dazu gehöre ja nicht viel. "Du fährst ein paarmal schwarz oder wirst beim Ladendiebstahl erwischt. Zack, sitzt du ein."

Genug von Gesprächen

Wir bummeln jetzt über den Alex. Göran Gnaudschun will uns seinen Kosmos zeigen. Den Brunnen der Völkerfreundschaft, dort, wo sich früher die "Emos" getroffen haben, den Pony bis über die Augenbrauen und den Kajal unterm Auge verschmiert. Doch liegt es daran, dass die Polizei ihre Kontrollen verschärft hat? Oder daran, dass Bratwurst- und T-Shirt-Buden den Platz erobert haben? Es sind kaum Straßenkids zu sehen, und wenn doch, erkennt man sie nicht. Leute wie Spider etwa.

Den hat Göran Gnaudschun an einem Freitag an der Marienkirche getroffen, dort, wo der Bus der Hilfsorganisation Karuna parkt. "Zukunft für Kinder und Jugendliche e.V." steht darauf. Sandwiches und Gespräche gibt es dort, aber von Gesprächen hat Spider langsam genug.

Schwer zu sagen, wie alt er ist. Vielleicht Mitte zwanzig. Sein Gesicht ist zerfurcht, Spider hat lange nicht mehr ausgeschlafen. Er kommt aus Thüringen, man erkennt ihn an dem Skahut mit Stacheln. Auf die rechte Wange hat er sich eine Spinne tätowieren lassen. Er erzählt:

"Bis sechzehn war ich im Heim, dann habe ich mich selber rausgeflogen. Ich habe mich so dermaßen danebenbenommen, dass sie gesagt haben: 'Komm, du gehst jetzt!' Meine leiblichen Eltern habe ich nie gesehen. Ich weiß nicht mal, wie die heißen. In meiner Geburtsurkunde stehen meine Adoptiveltern drin. Was eigentlich nicht erlaubt ist. Aber zu DDR-Zeiten war das sowie eine ganz komische Sache. 600.000 Kinder wurden gegen den Willen der Eltern wegadoptiert. Heute suchen erwachsene Männer und Frauen ihre leiblichen Eltern. Ich habe mich bei 'Arabella' gemeldet und bei Andreas Türck, um sie zu finden, aber keiner hat was gefunden.

Ich sehe die Probleme auf mich einprasseln. Ich sehe, dass von keiner Seite irgendeine Hilfe kommt: Das Amt – ich hab's wirklich erlebt – das lachte einen nur aus. Man steht alleine da, man stößt nur gegen Betonwände, und dann ist irgendwann der Punkt erreicht, wo man denkt: Entweder tu ich mir jetzt selber weh, oder ich tu der Wohnung weh und pack meine sieben Sachen und gehe, weil es kann auch dazu kommen, dass ich anderen Leute wehtue, die mir dann im Weg stehen. Wäre mir zum Beispiel irgendein Vermieter oder Sozialarbeiter krumm gekommen, dann wäre seine Nase krumm geworden."

Man hätte Spider gerne gefragt, wie das ist, wenn man von morgens bis abends auf dem Alex herumhängt. Wie er sie erträgt, diese bleierne Langeweile. Doch Göran Gnaudschun will nicht, dass man mit seinen Kids spricht. Er sagt: "Die kämen sich ja vor, als führte ich dich durch einen Zoo."

Antwort auf Christiane F.

Zoo. Noch so ein Stichwort. Wer will, kann Gnaudschuns Buch als Antwort auf die Lebensgeschichte von "Christiane F." lesen: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Das Buch, das heute im Deutschunterricht gelesen wird, erschien 1978. Darin beschreibt die damals 15-jährige Berlinerin Christiane F., wie sie in den Teufelskreis aus Drogenabhängigkeit, Verwahrlosung und Kriminalität geriet. Ein Straßenkid, auch sie.

Der Alex, das ist eine andere Welt, sagt Göran Gnaudschun. "Hier werden Heroin-Dealer gleich vom Platz geprügelt." Zu tief sitze die Angst, dass die Sucht die ohnehin labile Ordnung ins Wanken bringen und sich die Kids am Ende gegenseitig beklauen könnten. In gewisser Weise hat die neue Generation Straßenkinder aus den Fehlern der älteren gelernt.

Wir stehen jetzt unter dem Fernsehturm, Gnaudschuns Blick fällt auf den Würfel, der neben dem S-Bahnhof entsteht. Alea, das neue Einkaufszentrum. Als er das erste Mal hierher kam, war hier noch eine Wiese, der Lieblingstreff der Kids. Jetzt sitzen die Kids vor der Marienkirche. Optisch sind sie nicht von den Skatern zu unterscheiden. Problemkinder, die nicht als solche zu erkennen sind. Aber die Probleme bleiben. Eine Kornflasche kreist am frühen Nachmittag. Der Alex, als Spiegel der Gesellschaft.

Das schönste Kompliment

Im Februar traten die Kids für einen Moment aus ihrer Anonymität hervor. Das Haus am Lützowplatz hatte Gnaudschuns Fotos ausgestellt. Dutzende Kunstfreunde standen bei der Vernissage erwartungsvoll vor den Bildern, piekfein gekleidet und mit Sektflöte in der Hand. Und plötzlich ging die Tür auf und sie platzten herein, Hacki, Paule, Manson und die anderen. Göran Gnaudschun grinst. Er muss daran denken, wie den Gästen vor Schreck die Züge entglitten. "Perfektes Timing."

Auf einmal hatte die Wirklichkeit die Kunst eingeholt. Und seine Straßenkids schenkten ihm das schönste Kompliment, das sich ein Alexfotograf vorstellen kann: "Ey Göran, du bist doch genau so'n Asi wie wir."

Alle Interview-Ausschnitte stammen aus dem Buch "Berlin Alexanderplatz", Fotohof Edition, 218 Seiten, 90 farbige Abbildungen, 39 Euro.

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