Spaziergang

Mit dem rastlosen Künstler Achim Freyer unterwegs

Achim Freyer ist Maler, Opernregisseur und Museumsdirektor. Als Kind sah er Berlin als Flammenmeer, war Brecht-Schüler - und gibt heute gern den spitzbübischen Jungentyp. Ein Spaziergang.

Foto: Krauthoefer / KRauthoefer

Der Hausherr empfängt am grünen Gartentor. Normalerweise präsentieren Kunstsammler ihre neuerrichteten Museen mit cooler, generöser Geste. Das aber liegt Achim Freyer so überhaupt nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er selbst ein bedeutender Künstler ist, als Maler, Bühnen- und Kostümbildner, vor allem aber auch als Opernregisseur zwischen Berlin und Los Angeles. Von vielen Kennern wird er als ein vielseitiges Künstlergenie verehrt. Die eitle Selbstdarstellung liegt ihm nicht, oder besser gesagt: er braucht sie nicht. Am Tor steht ein spitzbübisch grinsender Jungentyp mit zerzaustem Haar, und das, obwohl er gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat und als gestandene Persönlichkeit durch die Welt reist.

Unser Spaziergang beginnt also am Achim-Freyer-Kunsthaus im Kadettenweg 53. Das liegt im beschaulichen Teil von Lichterfelde. Ursprünglich war das Treffen in Prenzlauer Berg unweit vom Kollwitzplatz geplant. Zu DDR-Zeiten hatte Freyer sein Atelier im Wasserturm, einem Ort, der heute fast ein Wahrzeichen für die neue Berliner Geordnetheit geworden ist. Gleich gegenüber, in Rufweite, lag seine Wohnung. Dann flüchtete er mit seiner Familie in den Westen. Kurzfristig rief jetzt seine Mitarbeiterin der Stiftung an und meinte, er wolle doch lieber durch Lichterfelde spazieren.

Man habe ihm dazu geraten, entschuldigt sich Freyer fast für seinen spontanen Sinneswandel. Offenbar braucht sein im letzten Jahr eröffnetes Kunsthaus etwas Werbung. Und genau genommen liegt seine Zeit im Osten auch weit zurück, die DDR und seine Verzweiflungen darin waren gestern. Als Künstler gehört Achim Freyer zu jenen, die im Jetzt leben und immer voller Pläne sind. Sein Kunsthaus gehört dazu, es ist eine Art Lebenswerk. Und plötzlich ist er, der Stifter, auch noch eine Art Museumsdirektor.

Zunächst schlendern wir den Kadettenweg hinunter. Es gibt viel und nichts zu sehen. Rundum schöne Villen, gepflegte Vorgärten, lächelnde Passanten. Freyers dreistöckige, etwas verwunschen wirkende Gründerzeitvilla stammt aus dem Jahr 1893. Nur wenige Jahrzehnte zuvor hatte der Unternehmer Johann Anton Wilhelm von Carstenn die hoch verschuldeten Rittergüter Giesensdorf und Lichterfelde erworben, um darauf die Villenkolonie Groß-Lichterfelde zu gründen. Finanzkräftige Bürger, Beamte und Offiziere sollten sich vor den Toren Berlins ansiedeln. Freyer weiß eigentlich nicht viel über die Geschichte seiner eigenen Villa und auch nicht über die Umgebung, aber harte Fakten sind für Künstler sowieso weniger wichtig als die Fantasie. Er erzählt, dass ein aus dem zweiten Weltkrieg heimkehrender Offizier seine untreue Ehefrau erschossen hat. Einen roten Fleck auf dem Fußboden habe er mehrfach überstrichen, aber er kam immer wieder zum Vorschein.

Ein Stück Land für eine Kaserne

Wir entscheiden uns, bis hoch zur früheren Königlich Preußischen Kadettenschule zu laufen. Die entstand eigentlich nur, weil sich von Carstenn verspekuliert hatte. Um den Verkauf anzukurbeln, schenkte er dem Kaiserreich ein Stück Land für eine neue Kaserne. Kaiser Wilhelm I. kam persönlich 1873 zur Grundsteinlegung seiner Hauptkadettenanstalt. Eine Eliteeinrichtung – und schon bald mit entsprechenden Anwohnern rundum.

Andächtig bleiben wir zwischendurch am Bordstein stehen und schauen nach links und rechts die Straße hinunter, als würde eine Straßenbahn durchsausen. Die Straße bleibt natürlich leer. Tatsächlich hatte von Carstenn damals für eine Verkehrsanbindung der Kaserne zu sorgen und so fuhr ab 1881 die weltweit erste elektrische Straßenbahn durch diese Gegend, später regulär vom heutigen S-Bahnhof Lichterfelde-Ost hin zur einstigen Kadettenanstalt.

Die von Werner von Siemens gebauten, gut vier Meter langen Straßenbahnwagen fuhren mit einer Geschwindigkeit von maximal 20 Kilometern pro Stunde. Eine technische Revolution. Da der Strom über die Schiene kam, musste die Strecke aus Sicherheitsgründen abgesperrt sein. Durch den schmalen Kadettenweg fuhr die Bahn nie. Es ist uns egal, wir laufen weiter. Achim Freyer zog in die Gegend, als die Amerikaner noch da waren. Er kann sich gut an die nachts lauthals durch die Straßen joggenden Militärs erinnern. Tagsüber waren sie immer sehr freundlich, sagt Freyer. Die US-Army hatte die Kasernenanlage Juli 1945 übernommen, vorher war die SS-Leibstandarte "Adolf Hitler" dort untergebracht. Bei den Amerikanern wurde die Kaserne "Andrews Barracks" genannt.

Schließlich stehen wir an der Finckensteinallee und blicken auf die düsteren Gebäude, in der seit dem Abzug der Alliierten 1994 das Bundesarchiv residiert. Mit Militär hat der Künstler Freyer wenig im Sinn. Er ist ein Kriegskind, aufgewachsen im südöstlich gelegenen Berliner Vorort Zeuthen. Nach den Bombennächten, erzählt er, stieg er mit seinem Vater aufs Dach des Hauses und sah die Flammenmeere über Berlin. Diese Bilder habe er nie vergessen. Sie hätten Eingang gefunden in seine Operninszenierung von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" in Los Angeles. Freyer selbst ist zu DDR-Zeiten gemustert geworden, er verweigerte den Militärdienst und wurde schließlich übersehen.

Linkerhand gibt es einen Griechen namens "Zeus". Kurz überlegen wir, in das Eckrestaurant hineinzugehen. Normalerweise kehrt Achim Freyer nach langen Gesprächen mit Künstlern und Freunden hier ein, dann, wenn alle der Heißhunger überfällt.

Einst war er Meisterschüler von Bertolt Brecht

Es klingt alles so wohlgeordnet, dabei hat Achim Freyer ein durchaus umtriebiges Leben hinter sich. Der als Grafiker und Maler ausgebildete Künstler war zunächst Meisterschüler von Bertolt Brecht an der Akademie der Künste geworden. Er arbeitete mit Regisseuren wie Ruth Berghaus, Benno Besson oder Adolf Dresen. Letzterer wurde eine schwere Enttäuschung für Achim Freyer, nämlich, als es 1972 überraschend zum Theaterskandal bei "Clavigo" am Deutschen Theater kam und Dresen ihn fallen ließ. Freyers Bühnenbild war nach der Premiere politisch kritisch gedeutet worden, woraufhin er gefeuert wurde und Hausverbot erhielt. Das kam praktisch einem Berufsverbot gleich. Als andere Bühnenbildner partout das Einspringen ablehnten, durfte er schließlich doch ein zweites Bühnenbild machen. Er hat es in einer Woche zusammengeschustert und die bunten Kostüme einfach mit schwarzer und weißer Farbe überstreichen lassen. Die Schauspieler bewegten sich deswegen etwas steif darin, erinnert sich Freyer. Die zweite Premiere war ein Erfolg, der heutige Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, saß damals im Zuschauerraum und fand es gut. Im selben Jahr floh Freyer in den Westen. Später haben die Beiden zusammen gearbeitet.

Etwas unschlüssig stehen wir an der Kreuzung. Achim Freyer meint, er hätte vielleicht vorher das Heimatmuseum besuchen sollen, um mehr erzählen zu können. Wir lachen uns an, jaja. Spontan wenden wir uns nach rechts, denn ihm ist etwas Spannendes in Sachen Architektur eingefallen. Es hängt mit dem Namen Lilienthal zusammen. Normalerweise besuchen Touristen die Gedenkstätte des berühmten Flugpioniers Otto Lilienthal, der sich daheim in Lichterfelde 1894 einen 15 Meter hohen Fliegerberg aufschütten ließ. Tausende Versuche mit Flugweiten von bis zu 80 Metern absolvierte er hier. Zwei Jahre später verunglückte Lilienthal tödlich.

Aber Achim Freyer interessiert sich mehr für dessen unbekannten kleinen Bruder Gustav, der sich als Architekt in Lichterfelde verewigt hat. Gustav Lilienthal war unter anderem Erfinder der Groß-Hohlblocksteine aus Zement, der Fertigdecke "Terrast" und der "zerlegbaren Häuser". Das klingt nach sozialem Siedlungsbau, schließlich waren es Bauboomer-Jahre, aber seine Fantasie tobte Lilienthal bei den Villen in Lichterfelde aus. Also biegen wir nach rechts in die Paulinenstraße ein, um das einmal anzuschauen.

Freyers Flucht 1972 in den Westen führte über Italien. Das Deutsche Theater hatte ein Gastspiel mit "Der gute Mensch von Sezuan" dorthin in Vorbereitung. Der Bühnenbildner war voraus gereist, um in den Theatern die Bühnenmaße zu nehmen. In Florenz beobachtete er, wie sich ein Professor mit seinen Studenten lautstark in einem Café über politische Dinge stritt. Das habe ihn irritiert, sagt er, wo doch in der DDR alle leise sprachen, wenn es um bestimmte Dinge ging. Aber sprechen nicht heute noch viele aus dem Osten auffällig leise? Achim Freyer bereitete also seine Flucht vor. Am Ende der Tournee blieb er in Italien und tauchte mehr oder weniger in Westdeutschland unter. Eine Schattenexistenz, denn noch waren seine Frau Ilona und die kleinen Zwillingstöchter in der DDR. Im Verborgenen musste er die Flucht seiner Familie organisieren. Er beschreibt die Ängste und die Odyssee.

Von der Stasi gefasst

Schließlich wurden in einer Seitenstraße in Charlottenburg drei mal 30.000 West-Mark gegen drei Ost-Flüchtlinge ausgetauscht. Das neue Familienleben begann. Sein Fluchthelfer wurde irgendwann von der Stasi geschnappt, hat Freyer später erfahren. Lange Jahre noch, erzählt er, wurde er von ein- und demselben Albtraum gequält. Darin kehrt er durch das Loch eines Gitterzaunes hindurch, unweit vom Deutschen Theater, nach Ost-Berlin zurück, um etwas Vergessenes zu holen. Als er dann wieder durch den Zaun hinaus will, ist das Loch verschlossen.

In Lichterfelde kreuzt der Weddigenweg die Paulinenstraße, gleich an der Ecke weist Achim Freyer auf eine eigentümliche Villa hin. Lilienthal baute gern im englischen Landhausstil, die Eingänge sehen aus wie alte Zugbrücken, die in Burgen führen. Der Fotograf bittet den Künstler, sich kurz davor in Positur zu stellen. Aber die Villa im Hintergrund ist zu hoch, also geht der Fotograf runter auf den Boden. Achim Freyer stutzt einen Moment. Und eins, zwei, drei liegt der 80-Jährige mitten auf der Kreuzung und grinst schelmisch in die Kamera. Ebenso plötzlich springt er wieder auf.

Im Westen hörten die Rückenschmerzen plötzlich auf

Früher habe er immer an Hexenschuss gelitten, erinnert sich Achim Freyer. Zu DDR-Zeiten habe er alles Mögliche versucht, um die Schmerzen loszuwerden. Er war selbst überrascht, als es im Westen plötzlich aufhörte. Irgendwann kam er wieder zurück nach Berlin, um an der Deutschen Oper zu inszenieren. Auf einmal hatte er wieder einen Hexenschuss. Die Berliner Luft war ihm lange nicht bekommen. Zunächst aber versuchten er und seine Frau, die selbst Malerin und Bühnenbildnerin war, im Westen unterzukommen. Man suchte die linken Theatermacher auf, aber alle winkten ab, keiner wollte es sich mit der DDR verscherzen. Eine weitere Enttäuschung. Der künstlerische Neubeginn fand schließlich in Köln statt. Und irgendwann zog es Achim Freyer doch wieder nach Berlin.

Der Gedenkstein für das Kadettenkorps bietet eine Ecke weiter ein weiteres Fotomotiv. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich im Versailler Vertrag gezwungen geworden, die Militärausbildungsstätte aufzulösen. Das erfolgte 1920. Daraufhin wurde die Sternstraße in Kadettenweg umbenannt. Von der Ecke aus ist bereits wieder Achim Freyers friedlich anmutende Villa zu sehen. Als der Bühnenbildner 1976 seine ordentliche Professur an der Hochschule der Künste erhielt, konnte er sich die riesige, denkmalgeschützte Villa leisten. 280.000 DM habe sie damals gekostet, ein Schnäppchen, sagt er. Und er habe sie vorm Abriss bewahrt.

Der Besuch des Kunsthauses gehört eindeutig zum neuen Pflichtprogramm für Lichterfelde-Besucher. Es ist eine Mischung als Atelier, Galerie und Museum. Die Sammlung umfasst rund 2000 Exponate internationaler Kunst, auf zwei Etagen hängen eng beieinander und bunt gemischt Art Brut, naive Malerei, Volks- und Straßenkunst. Die meisten Künstler scheint Achim Freyer persönlich zu kennen. In der Geburtstagsschau "Achtzig für Achtzig", die in der ersten Etage angesiedelt ist, sind schließlich sogar 102 Werke von lebenden, meist befreundeten Künstlern eingereicht worden, deren Verkaufserlös der Achim-Freyer-Stiftung zu Gute kommt. Der Jubilar wirkt rundum zufrieden.

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