„Tribute von Panem“

Casting in Berlin - Alle wollen nach Hollywood

Eine Menschenkette schlängelte sich in den Delphi Filmpalast. Die Agentur „Filmgesichter“ suchte Komparsen für eine Hollywood-Produktion. Es soll sich um „Tribute von Panem“ handeln.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Hunderte Meter schlängelt sich die Menschenkette von der Hardenbergstraße durch die Fasanenstraße bis hin zum Delphi Filmpalast: Blond, dunkelhaarig, hellhäutig, asiatisch, dunkelhäutig, groß, klein. Sie alle sind gekommen, um am Ende Teil einer Hollywoodproduktion zu werden.

Die Berliner Agentur „Filmgesichter“ hat zum Komparsencasting eingeladen. Die ersten sind bereits zwei Stunden vor Einlass da. Auch die Zwillinge Burkhard und Stefan Klimek. „Seit acht stehen wir schon hier“, sagt Burkhard, „aber ist doch lustig. Das Wetter ist schön, die Leute sind nett.“ Die 49-Jährigen sind erfahren, im Polizeiruf 110 hatten sie schon einen Auftritt. Erfolgschancen? „Na, wir haben den Zwillingsbonus“, sagen sie gleichzeitig und müssen lachen.

„Ist der Dieter nicht da?“

Und auch sonst passen sie gut ins Bild. Vorab hatte die Agentur mitgeteilt, dass vor allem hagere südländisch oder asiatisch aussehende Männer mit verlebten Gesichtern und Tätowierungen gesucht werden. Die Zwillinge haben langes schwarzes Haar und Gesichter, die nach einem intensiven Leben aussehen.

Um kurz vor 10 Uhr bittet Agenturchefin Johanna Ragwitz herein. „Und niemand muss singen und tanzen“, ruft sie der Menge zu, die sich jetzt in das Kino schiebt. Alles ist streng getaktet: Bewerbungsbogen ausfüllen, Foto machen, nach Hause gehen. „Ist der Dieter nicht da?“, ruft ein junger Mann zurück. „Nein, und auch nicht die Heidi“, antwortet Ragwitz. Gemeint sind Dieter Bohlen, Jurymitglied bei Deutschland sucht den Superstar, und Model-Mama Heidi Klum. Drinnen wird erst einmal abgefragt, was sich später Kategorien zuordnen lässt: Augenfarbe, Haarfarbe, Haarlänge. „Haarlänge?“, fragt Stefan Klimek. „Vielleicht ein Meter?“, kommt ihm sein Bruder zur Hilfe. Auch die Kleidergröße löst einen hilflosen Blick in den Bund der eigenen Jeans aus.

Eigentlich ist es ja noch nicht offiziell, für welchen Film gecastet wird. Es hat sich trotzdem herumgesprochen. Angeblich soll es sich um den dritten und vierten Teil des US-Science-Fiction-Dramas „Die Tribute von Panem“ handeln. Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence hatte bereits bei der Deutschlandpremiere des zweiten Teils angekündigt, dass bald in Berlin gedreht werde. Doch die Agentur und Studio Babelsberg in Potsdam hüllen sich in Schweigen.

Auch der Zutritt zum Kinosaal, in dem das Foto von den Bewerbern gemacht wird, bleibt allen verwehrt, die sich nicht bewerben wollen. Eigentlich hatte die Agentur den Zutritt erlaubt, doch kurz darauf kommt das deutliche Nein telefonisch aus Babelsberg. So wird versucht, ein Geheimnis zu wahren, das eigentlich keins mehr ist. Doch an einigen ist das Gerücht, um welchen Film es sich handeln könnte, trotzdem vorbeigegangen.

Vater springt für 14-jährige Tochter ein

Die Tribute von Panem? Nie gehört. Gerbert Khachaturyan lässt es sich buchstabieren. „Das kenne ich nicht“, sagt der 30-jährige Russe, der seit einem Jahr in Deutschland lebt. Aber Film, das sei sein Hobby, deswegen wäre er gerne einfach mal direkt dabei. Seine Freundin, die an der einen oder anderen Stelle noch für ihn übersetzten muss, winkt ab. „Es ist nicht sein Hobby, es ist Leidenschaft.“ Sie selbst lässt sich nicht casten. „Sehen Sie mich an, ich bin blond und blauäugig.“ Doch das scheinen viele hier an sich selbst nicht bemerkt zu haben.

Ein älterer Herr mit Fotoapparat schleicht draußen umher. Graues Haar, blaue Augen, Schnurrbart. Von Tätowierungen keine Spur. Ob er sich verirrt hat? „Ich bin für meine Tochter da“, gibt Peter Gimm zu. Sie sei so ein großer Fan, aber erst 14 Jahre alt. Da das Casting ab 18 ist, kann sie nicht mitmachen – dann muss eben der Vater ran. „Als alter Vater tut man viel für das Kind“, sagt Gimm und flüstert schmunzelnd: „Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt hoffen soll, genommen zu werden.“

Die meisten anderen um ihn herum werden wohl hoffen. Vielleicht sogar auf ein bisschen mehr als nur eine Komparsenrolle. „So ein kleiner Traum ist die Schauspielerei schon“, sagt die 18 Jahre alte Silke von Behr grinsend, „ich liebe es, mich zu verkleiden.“

„Der Komet“ pustet Seifenblasen

Um kurz nach 11 Uhr sind nach Schätzungen der Polizei 3500 Menschen durchs Kino geschleust worden. Doch die Schlange ist unverändert lang. Bernhard Enste, der sich „der Komet“ nennt und im Berliner Nachtleben ein skurriles Idol ist, steht auf einer kleinen Mauer neben der Schlange und pustet Seifenblasen in die Luft. „Ich unterhalte die Leute ein bisschen. Nicht, dass es langweilig wird.“ Er selbst war schon drin. Ob er weiß, um welchen Film es geht? „Nö, ist auch egal. Macht doch einfach Spaß.“ Auf der anderen Straßenseite, vor dem Savoy-Hotel, sitzt ein Mann. Den schwarzen Hut ins Gesicht gezogen, zum Schutz vor der Sonne – oder vor Blicken. Wenn nicht alles täuscht, ist es ein Großer des deutschen Films: Schauspieler Ulrich Tukur. Wenn die Wartenden das wüssten …