Beratungsstelle

Wie „Stop-Stalking“ Tätern und Opfern hilft

Beharrlichkeit, die zur Besessenheit wird: Etwa jeder Zehnte wird im Laufe seines Lebens einmal gestalkt. Eine Täter-Anlaufstelle bietet nun auch Beratung für Opfer. Überwiegend sind Frauen betroffen.

Foto: Krauthoefer

Zum Geburtstag hat Marco* seiner ehemaligen Arbeitskollegin Anna* wieder ein Geschenk geschickt. Er wusste, er würde keine Reaktion bekommen. Er wusste, sie würde das Geschenk nicht wollen. Er schickte es dennoch. „Aus Trotz“, sagt Marco.

Marco ist Stalker. Seit acht Monaten geht er zur Beratungsstelle Stop-Stalking in Steglitz. Er will lernen, von Anna abzulassen. „Wir sagen ganz klar: lieben darf jeder, wen er will. Aber keiner darf mit seinem Verhalten andere belästigen“, sagt Wolf Ortiz-Müller, der die Täter-Anlaufstelle seit ihrer Eröffnung 2008 leitet. Vergangenes Jahr kamen 129 Stalker freiwillig oder mit richterlicher Auflage zu Stop-Stalking. „Wir handhaben Stalking nicht als Krankheit oder Sucht, sondern als Straftat, die unterlassen werden muss. Dabei ist unser Ansatz, dass Täterarbeit auch dem Opferschutz dient“, sagt Ortiz-Müller.

Seit Jahresbeginn finden nun auch Opfer bei Stop-Stalking Unterstützung. Das zusätzliche Angebot wird von der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz finanziert. In den vergangenen Monaten haben rund 90 Opfer – hauptsächlich Frauen – bei Stop-Stalking Hilfe gesucht. „Das Schwierigste für Opfer ist, eindeutig zu sein. Es ist wichtig, dass sie wenigstens einmal ganz klar zu sagen: ich will das nicht“, sagt Ortiz-Müller. Für die neue Aufgabe hat Stop-Stalking ein Beratungskonzept für integrierte Täter-Opfer-Beratung (iTOB) erstellt, das bei der Eröffnungsfeier am 30. April erläutert werden soll. Bei iTOB sprechen Berater mit beiden Seiten, ohne dass es zu einer persönlichen Begegnung kommt.

Laut Untersuchungen werden etwa zwölf Prozent der Deutschen mindestens einmal im Leben gestalkt. Bundesweit registriert die Polizei jährlich rund 25.000 Stalking-Anzeigen – oder „beharrliche Nachstellung“, wie es in Paragraph 238 des Strafgesetzbuchs heißt. In Berlin wurden in der Kriminalstatistik des Jahres 2013 dann auch 2.157 Stalking-Fälle erfasst, 96 mehr als im Vorjahr. Eine aktuelle Befragung in der EU hat zudem ergeben, dass nur eine von vier betroffenen Frauen zur Polizei geht. Viele Opfer schweigen aus Scham oder Angst.

Teufelskreis von Rückzug und Klammern durchbrechen

Marco wurde nicht angezeigt und findet, das hätte er auch nicht verdient. „Was ich getan habe oder tue, das ist eine ganz offene, ehrliche Liebeserklärung“, erklärt der drahtige 43-Jährige, der als Familientherapeut arbeitet. Sein Haar ist kurz geschoren, sein Blick: unnachgiebig. Gefährlich wirkt er nicht – und doch könnte er ein Täter sein.

Es war Marcos Ehefrau, die ihn vor sechs Monaten zu Stop-Stalking brachte. Sie hatte gemerkt, wie Marco depressiver wurde. Er hatte ihr gestanden, dass der Grund seine damalige Arbeitskollegin Anna sei, in die er sich verliebt hatte und die er nicht vergessen konnte. „Das ist ganz schön viel Offenheit für eine Ehe“, findet Marco. Es ist aber nur ein Teil der Geschichte.

Die ganze Wahrheit ist, dass Marco mit der ebenfalls verheirateten Anna 2012 eine Affäre hatte. Sie war es, die diese vor über einem Jahr beendete – nicht plötzlich, sondern stückweise, wie Marco erzählt. „Ich wollte das nicht, konnte es aber auch nicht steuern. Ich war in einer absolut abhängigen Dreckssituation, die nur verbranntes Land zurückgelassen hat“. Nach dem Aus fühlte sich Marco beschädigt. „Wie als ob man nur den Trailer zu einem sehr geilen Film hätte sehen dürfen.“

„Stalker suchen immer ein letztes klärendes Gespräch. Es kann aber nie zu diesem Gespräch kommen, weil sie nicht loslassen können. Sie befinden sich in einem Teufelskreis von Rückzug und Klammern“, sagt Olga Siepelmeyer, die Marco bei Stop-Stalking berät.

Viele Täter sehen sich selber als Opfer

Als Anna nicht mehr auf Marcos eindringliche Kontaktversuche antwortete, war er erst frustriert. Später wurde er wütend. „Natürlich denkt man dann irgendwann, ich hau Dir jetzt aufs Maul, damit das alles endlich ein Ende nimmt“. Wie es Anna ging, scheint Marco wenig zu beschäftigen. Auf Nachfrage gesteht er, dass er weiß, dass sich Anna häufiger wegen Nackenproblemen krankschreiben ließ.

„Mangelnde Empathie ist bei Stalkern typisch“, sagt Siepelmeyer. „Sie empfinden die Trennung als ungerecht. Ihr eigenes Handeln aber nicht“. Viele Täter sehen sich selber als Opfer, weil für sie das eigene Leid im Vordergrund steht.

Doch strafbar ist Stalking nur dann, wenn Täter damit die „Lebensgestaltung“ des Opfers „schwerwiegend beeinträchtigen. Zu Gerichtsverhandlung kommt es auch deswegen in der Regel nur in weniger als zwei Prozent aller Stalking-Strafanzeigen. Das bayerische Justizministerium hat bereits einen Gesetzentwurf erarbeitet, der auf Bundesebene diskutiert werden könnte. Demnach würde es nicht darauf ankommen, ob Stalker die Lebensgestaltung ihrer Opfer beeinträchtigt haben, sondern ob sie diese beeinträchtigen könnten.

Die Berliner Rechtsanwältin Theda Giencke würde diese Verschärfung zwar begrüßen. Doch sie bezweifelt ob dadurch die Strafverfolgung verbessert würde. Verfahren scheitern laut Giencke oft an praktischen Problemen, etwa Mangel an Beweisen. „Außerdem versuchen sich Gerichte aus Beziehungen und Beziehungsauflösungen rauszuhalten – und viele Stalker hatten eine Beziehung mit den Geschädigten“, so Giencke.

*Namen von der Redaktion geändert