Welttag des Buches

Kaum gegründet, ist die Buchhandlung Ocelot Branchen-Vorbild

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Matthias Wulff

Foto: Amin Akhtar

Vor nicht einmal zwei Jahren wurde Ocelot an der Brunnenstraße in Mitte eröffnet: Jetzt gilt der Buchladen als Vorzeigeunternehmen innerhalb der Branche – und als Hoffnung gegen den digitalen Markt.

Frithjof Klepp ist an den kommenden Wochenenden schwer zu erreichen. Er wird lesen und zwar so viel, dass er am Ende nicht mehr wissen wird, ob das überhaupt gut ist für einen Menschen, dieses ganze Lesen. Er gehört zu den neuen sechs Jurymitgliedern, die den Gewinner für den Deutschen Buchpreis küren werden. Der wird im Herbst zum Beginn der Frankfurter Buchmesse vergeben, und bis es soweit ist, haben Frithjof Klepp und seine Mitstreiter Bücherberge abzuarbeiten.

167 Buchtitel sind bereits von den Verlagen eingereicht worden, dann kommen weitere Titel von den Vorschlagslisten der Verlage hinzu. Außerdem kann jedes Jurymitglied so viele Bücher vorschlagen, wie es mag. Da kommt einiges zusammen. Die Aufgabe abzulehnen, kam für Frithjof Klepp aber nicht in Frage. Für den 39-Jährigen war diese Berufung, ausgesprochen durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, eine Anerkennung seiner Arbeit.

Schließlich hat er vor nicht einmal zwei Jahren seine Buchhandlung Ocelot in Mitte geöffnet und schon gilt sie als Vorzeigeunternehmen für ein Gewerbe, das in den vergangenen Jahren mehr durch Wehklagen über die Konkurrenz, vornehmlich über den bösen Amazon-Konzern, als durch eigene Ideen, geschweige denn eigene Investitionen, auffiel.

„Natürlich sind Bücher cool“

Aber es gibt ihn noch, den guten Buchladen. „Denken heißt Überschreiten“, das Ernst-Bloch-Zitat klebt an einem der Ocelot-Schaufenster. Gleich nach dem Betreten ist eine Sektion mit „Schöne Literatur. Romane. Erzählungen. Lyrik“ überschrieben, die nächste heißen „Grundlagen. Feines aus Papier“ und „Populär Neues + Geliebtes“.

In einem Regalbreit reihen sich die Merve-Bänder, auf einem Tisch ist eine Auswahl schön gestalteter Magazine. Hier hat jemand mit Herz und Verstand seinen Buchladen eingerichtet und zeigt nebenbei, was den Buchläden in den vergangenen 20 Jahren irgendwann verloren gegangen ist: Orientierung für den Leser und Leidenschaft für das eigene Produkt. Oder, um es mit Frithjof Klepp zu sagen: „Natürlich sind Bücher cool.“

Ocelot ähnelt, nicht von der Größe, sondern von der Auswahl, der Kiepert-Buchhandlung am Ernst-Reuter-Platz. Dort befand sich im Erdgeschoss in den 80er-Jahren auf einem sehr großen Tisch eine Auswahl liebevoll ausgewählter Belletristik, auf gleicher Etage (maßlos überteuert, aber da gab es das Internet ja noch nicht) amerikanische Romane im Original. Hier bei Kiepert fand eine Erziehung zum Leser statt.

Die Nachfrage nach einem sorgfältig ausgewählte Lektüreangebot müsste im Zeitalter des Internets und der einhergehenden Unübersichtlichkeit eigentlich gestiegen sein. Doch den Großbuchhandlungen fällt selten mehr ein, als die Bestseller prominent zu platzieren. So ist es konsequent und erbärmlich zugleich, dass der Anteil der sogenannten Non-Books in Buchhandlungen steigt. Oder andersrum formuliert: Dem Buchhandel ist das Vertrauen in das eigene Produkt verloren gegangen.

Auf eigene Rechnung und eigenes Risiko

Umso wundersamer ist das, was Frithjof Klepp auf eigene Rechnung und eigenes Risiko (und ohne eigenes Erbe) in Mitte aufgestellt hat. Erstaunlich ist es auch deshalb, weil er ja miterlebt hat, was alles schief laufen kann. Kiepert, wo er seine Ausbildung machte, ist längst pleite und bei Zweitausendeins – dort arbeitete er als Filialleiter in der Friedrichstraße von 2009 bis 2011 – hat er die Verfallsgeschichte einer einst so angesehenen Marke hautnah mitbekommen. Er wusste also, was er tat, als er sich entschloss, Ocelot zu gründen. Alle Kredite laufen über ihn persönlich, allein die Gestaltung des Ladens – alles Handarbeit aus edlem Holz – kostete 195.000 Euro. „Wenn schon, denn schon“, sagt Klepp.

Er hat einen eigenen Kopf. Mit diesem Grundkonservatismus der Verlage und des Buchhandels, die am liebsten alles so lassen würden, wie es immer war, kann er nichts anfangen. Denn natürlich hat das Internet auch in der Buchbranche alles geändert. Wenn er über Amazon spricht, beklagt er nicht die Marktmacht des Onlinehändlers, wie es zum guten Branchenton gehört, sondern spricht anerkennend über deren Willen, zum Wohle des Kunden zu handeln.

Man kann Frithjof Klepp ja nicht in die Buchführung schauen, aber dem Anschein nach entwickelt sich sein Laden gut. Abends sind die Lesungen gut besucht und am Tag ist gut was los, auch weil sich die Brunnenstraße gut entwickelt und ihm Laufkundschaft beschert. Das Spektrum an diesem Donnerstagmittag reicht von der Schülerin bis – tatsächlich – zur Rentnerin im Rollator. Vielleicht hat Ernst Bloch doch Recht gehabt, und das „Prinzip Hoffnung“ ist begründet.