Berliner Spaziergang

Johannes Vogel ist einer, der die Welt retten will

Professor Johannes Vogel ist seit 2012 Direktor des Naturkundemuseums. Ein Gespräch über German Angst, britischen Humor und seine Frau, die Ururenkelin von Charles Darwin.

Foto: Jakob Hoff

Es ist nicht schwer, sich mit Johannes Vogel zu verabreden. Auch wenn man den Mann vorher noch nie gesehen hat, erkennt man ihn gleich. Sein Schnurrbart ist gewaltig – er fällt links und rechts steil hinunter und zwirbelt sich an seinen beiden Enden in einem schönen Bogen nochmals nach oben. Üppiger als bei Dalí, anarchischer als bei Kaiser Wilhelm. Ein wirklich eigenes Gewächs. Man könnte meinen, gleich stehe ein Spaziergang mit dem Vorsitzenden des Berliner Bart- und Schnauzerclubs an. Bis der Blick auf die Krawatte von Johannes Vogel fällt. Die ist mindestens so ausgefallen wie seine Oberlippenkunst. Eine schwarze Krawatte mit lauter Getier darauf; Krabbelwesen wie Spinnen und Käfer. Eine Motte ist auch darunter, ein Falter, ein Schmetterling. Die Farben neongrell, in Pink und Blau und Lila.

"Wo kann man denn so eine wunderbar Krawatte kaufen? Bei Ihnen im Museumsshop?"

Damit ist das Geheimnis gelüftet. Johannes Vogel ist Professor, ein Biologe versteht sich, das erzählt schon die Krawatte. Und er ist seit 2012 Chef des Berliner Naturkundemuseums. Deshalb die Frage nach dem Museumsshop.

Im Moment stehen wir auch vor einem Museum, vor dem Hamburger Bahnhof. Dort will er seinen Spaziergang beginnen. Und enden soll er am Nordbahnhof. Auf der Strecke liegen dann die Charité mit seinem medizinhistorischen Museum, das Ministerium für Bildung und Forschung, das Verkehrsministerium, die Leibniz-Gemeinschaft und natürlich sein eigenes Haus, das Naturkundemuseum. Abgerundet wird die Strecke von zwei echten Bahnhöfen, dem Hauptbahnhof und dem Nordbahnhof. Gerade baut man eine neue Straßenbahnschiene dazwischen. Eigentlich könnte man auch sagen, wir machen einen Spaziergang entlang einer lang gestreckten Baustelle – überall Absperrgitter und Bagger. Es ist laut. Aber Professor Vogel begeistert der Lärm.

"Natürlich ist das mit dieser Straße ein Elend", sagt er lachend. "Aber es tut sich was. Diese Ecke macht sich fein." Und dann kommt er ins Schwärmen über die Dynamik Berlins. Eine Stadt, die sich verändert. Eine Stadt, in der man noch etwas verändern kann, weil die Dinge noch nicht so festgefahren sind. Alles sei weiterhin im Wandel. "Von unserem Naturkundemuseum sind nur 10 Prozent fertig", erzählt er. Der große Ausstellungssaal mit den Dinosauriern wurde zuletzt restauriert, das Dach teilweise erneuert, der ehemals zerbombte Ostflügel neu aufgebaut. Aber das ist nur ein Bruchteil des Museums, es gibt noch immer unglaublich große Sanierungsaufgaben im Haus. Darin liegt für Vogel der Reiz. "Wären 90 Prozent fertig gewesen, wäre ich nicht gekommen." Denn dann hätte er auch in London bleiben können.

Mit britischem Humor

Vogel hatte schon vorher einen Traumjob. Er war Chefkurator der botanischen Abteilung am Natural History Museum in London. London ist eines der fünf wichtigsten Naturkundemuseen der Welt – die anderen sind Paris, New York, Washington und Berlin. Die europäischen Häuser haben alle eine imperiale Tradition. Sie haben große Sammlungen, sind vollgestopft bis oben hin mit Tieren, Pflanzen und Steinen. "Naturkundemuseen und Botanische Gärten sind gegründet worden, um die Welt zu beherrschen", erzählt Vogel. Deutschland ist ein junges Reich, der Preußenkönig ab 1871 plötzlich Kaiser. 1889 eröffnet das Berliner Naturkundemuseum – den Grundstock der Sammlung nimmt man aus Universitätsbeständen der Humboldt-Universität – und demonstriert den Besuchern hochpolitisch auf drei Etagen: Wir in Preußen sind hungrig. Wir wollen die Welt erobern – entdecken, sammeln und systematisieren. Und dann kistenweise nach Berlin holen. Wie geht man mit so einer imperialen Vergangenheit als Museumsdirektor um? In diesem Moment spürt man die Auslandserfahrung von Johannes Vogel, seine Gelassenheit bei großen Themen. Er antwortet nicht verdruckst, nicht ängstlich. Die Vergangenheit ist Vergangenheit – in London, Paris oder Berlin. Weltbeherrschung ist kein Thema mehr. "Heute ist unsere Aufgabe, die Welt zu retten.". Vogel, der sonst immer einen leicht belustigten Ton anschlägt, "mein britischer Humor", sagt den Satz vollkommen ernst.

Denn Johannes Vogel hat eine Vision, er ist ein Getriebener. Die Erde und seine Arten sind bedroht wie noch nie. Erderwärmung, steigende Meeresspiegel, Überfischung, Abschlachten von Tieren, wuchernde Metropolen, wachsende Weltbevölkerung. Ein Naturkundemuseum steht immer mitten im Herzen einer Metropole – so wie das Berliner Haus an der Invalidenstraße. Es wendet sich direkt an die Stadtbevölkerung, vermittelt ihnen Naturverständnis. Gerade in Berlin ist die Nähe von Stadt und Natur groß. Die Stadt ist grün wie kaum eine andere. Eichhörnchen sieht man täglich, Hasen leben auf Verkehrsinseln zwischen großen Straßenachsen, Füchse haben ihre Reviere in Wilmersdorf genauso wie in Mitte. Am Stadtrand wüten die Wildschweine, und sogar die Wölfe kommen langsam näher. Bis zum Berliner Ring haben sie es schon geschafft. "Die meisten Leute haben ihre Naturerfahrung in der Stadt", sagt Vogel. Hier kann man sie abholen.

Und das plant Vogel. Im großen Stil. Denn nicht nur sein Naturkundemuseum soll Wissen vermitteln und Denken verändern – auch andere Institutionen. Plötzlich kriegt die Route seines Spaziergangs eine ganz andere Dimension. Die Charité, die Ministerien, das Haus der Zukunft, die Leibniz-Gemeinschaft, die Bahnhöfe und natürlich das eigene Haus – "auf dieser Straße kommen Natur und Gesellschaft zusammen". Zwei Kilometer Wissen, Forschung und Fortschritt. Dazu das Thema Gesundheit und Altern (Charité) und Mobilität (Bahnhöfe). Sogar der Hamburger Bahnhof spielt eine Rolle; "Umweltkunst" nennt er die Fettecken von Joseph Beuys, dessen Installationen ja schon immer von übereifrigen Putzfrauen bedroht waren, die den Kunst-Dreck einfach mal schnell wegwischen wollten. In "Natur- und Gesellschafts-Achse" würde er die Invalidenstraße in diesem Abschnitt gerne umtaufen. Das ist seine Vision.

500.000 Menschen besuchen das Naturkundemuseum jährlich

Die Besucherzahlen geben es her. 80.000 Besucher hat das medizinhistorische Museum jährlich, 250.000 Besucher der Hamburger Bahnhof, 500.000 das Zugpferd Naturkundemuseum. Da wäre doch mehr drin. "Ein gemeinsames Marketingkonzept", schlägt Vogel vor. Ein Ticket, drei Häuser. Gemeinsame Veranstaltungen, ein großer, geschlossener Auftritt. Auf dieser Meile müsse man zum Thema machen, "wie wir als Mensch mit der Natur umgehen, wie wir uns den Herausforderungen stellen." Welche Lösungen gibt es? Was will man forschen? Wie vermitteln? Und der große Entscheider – das Bundesministerium für Bildung und Forschung – liegt nahe bei. Die Bautätigkeit vor Ort freut Vogel; aber es ärgert ihn, dass jeder für sich allein kämpft. "Ich habe das Gefühl, keiner redet darüber, was aus diesem Viertel werden soll." Dieses Klein-Klein-Denken, das sei eine Krankheit des heutigen Berlins. Und auch des heutigen Deutschlands.

"Deutschland hat so viel Macht. Aber das Land weiß nicht, wie man mit der Macht umgeht." Verantwortlich, vorrausschauend, aber niemals abtauchend. Wenn ihm irgendetwas nach seiner Rückkehr aufgefallen sei – zweiundzwanzig Jahre hat er davor in England gelebt, seine Frau ist Engländerin, seine beiden Söhne bilingual – dann sei es die ständige Angst. The German Angst. Bei jeder Veränderung träten sofort Bedenkenträger auf, mahnen und warnen. Diese Leute hätten viel zu oft die intellektuelle Lufthoheit. "Damit kann man nicht die Zukunft gewinnen." Und auch Berlin ist noch nicht bereit als Stadt wieder in seine alten Fußstapfen als Metropole zu treten. Früher war die Stadt zupackend, schnell, in gewisser Weise unverschämt. Heute lahmen die Großprojekte wie der Flughafen, man ist gut im Abbau von Institutionen – siehe Flughafen Tempelhof – aber ohne Ideen für die Nachnutzung. Es sei an der Zeit, größer zu denken. Globaler. Und dafür sei eine "Natur- und Gesellschaftsmeile" genau richtig.

Wie gut kennt er eigentlich Berlin? Es fällt auf, wenn man ihn zur Stadt befragen will, weicht er schnell auf Deutschland aus. Immer eine Nummer größer. Das erste Mal ist er 1984 hier gewesen, nach seiner kurzen Zeit als Berufssoldat in der Bundeswehr. Zusammen mit seiner damaligen Freundin feierte er sich durch Kreuzberg. Damals war er jung, um die 20 Jahre alt. "Wir haben billigen Wodka in der Friedrichstraße eingekauft", erzählt er. Ach, den Trick mit der S-Bahn rüberzufahren, um sich günstig für den Abend einzudecken, kannte er? Ja, die Mutter der damaligen Freundin sei Berlinerin gewesen. Er erinnere sich noch an die kleinen Kabuffs, die Löcher, in denen die Grenzkontrollen stattfanden. "Surreal" sei die DDR gewesen. Sonst habe er damals von West-Berlin nicht viel gesehen.

Danach noch eine kurze Stippvisite 2005. Und wann hat er das erste Mal das Naturkundemuseum betreten? Unmittelbar vor seinem Bewerbungsgespräch, sagt er lachend. Als er das sagt, stehen wir gerade am Mauerbrunnen des Invalidenparks, auf dem die Mauer als Mahnmal versinkt. Wie architektonisch gelungen der Park ist, sei dahin gestellt. "Und hier kommt unser neues Sammlungslager hin", witzelt Vogel. Der Platz sei wunderbar und ausreichend. Man muss sich vor seinem Humor in Acht nehmen. Er fliegt britisch tief.

Die Einschusslöcher sollen bleiben

Denn ein neues Sammlungsgebäude braucht das Museum auf jeden Fall. Mehr als 30 Millionen Objekte besitzt das Naturkundemuseum, und es werden mehr. So ein Museum hört nicht auf zu sammeln und zu forschen. Doch diese "einzigartige Weltsammlung" lagert unsachgemäß. Ein gutes Lager muss drei Dinge kontrollieren: das Licht, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit. Das Naturkundemuseum aber arbeitet mit Tageslicht, so ist zumindest im vorderen Teil gebaut. Wir gehen am Eingangsbereich mit der prächtigen, aber noch ziemlich verschmutzten Fassade vorbei. Die Patina aus Kohlezeiten. Die will er säubern lassen, aber die Einschusslöcher sollen bleiben. Keine Geschichtsklitterung. "Nur dreckig darf man nicht sein." Dann biegen wir in den hinteren Bereich ein, vorbei an dem grüßenden Pförtner hinein in die Hinterhöfe des Naturkundemuseums. Hier sieht man sofort den Renovierungsbedarf. Und landen nach einem Toreingang ganz hinten in einem Hof, wo eines Tages das neue Gebäude für die Sammlung stehen soll. "Und hier will der Direktor alle Bäume platt machen", sagt er grinsend. Nein, Professor Vogel hat keine Angst vor Klippen. Er nimmt sie sportlich. Und stellt sich für das Foto in einen Weißdorn.

Woher nimmt dieser Mann, der ursprünglich aus Bielefeld stammt, dieses Selbstbewusstsein? Er ist einfach ein Charakter. Den ausgefallenen Schnurrbart trägt er schon seit Jahrzehnten, sagt spöttisch über sich selbst, er habe den Haarwuchs eines Primaten. Kein Wunder, dass ihn vor Jahren nach einem Vortrag in der alterwürdigen Linnean Society in London eine schöne dunkelhaarige Frau ansprach: Sarah. Mit ihr ist er heute verheiratet. Und seine beiden Söhne tragen deshalb den Nachnamen "Darwin", denn Sarah ist eine Ururenkelin von Charles Darwin. Wie geht man mit soviel biologischem Adel um? "In London haben meine Frau und ich immer gefeixt: ob sie the keepers wife ist (die Frau des Kurators) oder ich Darwins husband."

Die erste Wohnung der Vogel-Darwin-Familie lag direkt am Nordbahnhof, wo unser Spaziergang endet. Ein schöner gelber Altbau mit Balkon direkt am Rand eines kleinen Platzes mit Park. Im Sommer haben sie nachts die Balkontür aufgelassen. Und was hörten seine Frau und er? Nachtigallen, die den ganzen Mai über sangen. Immer im Morgengrauen. "In London gibt es nur die Nightingale Lane", sagt Vogel. Und man merkt, die Berliner Nachtigallen haben ihm die Stadt sofort ans Herz wachsen lassen.

Ja, ein Mann wie Professor Vogel hat eine Vision. Er denkt politisch, ganz in der Tradition von Rudolf Virchow und Alexander von Humboldt. Der Stadt tut das gut. Aber er ist auch angenehm entspannt. Unser Spaziergang ist zu Ende, aber er hat eine letzte Frage an Fotografen und Redakteurin. "Wollen wir noch ein Eis essen gehen?"

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.