Filmprojekt

Dokumentarfilm „Pfarrer“ stellt Glaubensfrage vor der Kamera

Ein Jahr für Gott und die Kamera: Zwei Dokumentarfilmer haben für den Film „Pfarrer“ Vikare bei ihrer Ausbildung im Predigerseminar der Lutherstadt Wittenberg begleitet – auch eine Berlinerin.

Foto: Reto Klar

Wenn der Pfarrer kommt, wird das gute Geschirr ausgepackt. Dann wird sich ordentlich angezogen, es ist schließlich der Herr Pfarrer. Gerade vor ein paar Tagen hat Björn Borrmann das wieder erlebt. Der 34-Jährige, der die letzten zehn Jahre in Kreuzberg zu Hause war, ist seit wenigen Wochen Pfarrer im brandenburgischen Wittstock.

In manchen, vor allem kleineren Gemeinden wie Wittstock, ist der Pfarrer eine unantastbare Institution. Dass auch er einmal anfangen musste, dass er seine Stimme trainieren musste, um die Predigt so voll klingen zu lassen, und dass er vielleicht Zweifel hatte, ob er den richtigen Weg eingeschlagen hat, darüber denken die Menschen selten nach. Auch Borrmann musste singen lernen, gezweifelt hat er nie: „Ich wollte nichts anderes als Pfarrer werden.“

Almut Bellmann zweifelte dagegen schon. Die 31-Jährige ist seit März ordinierte Pfarrerin in Britz. Sie und Björn Bellmann sind zwei der Protagonisten, die der Dokumentarfilm „Pfarrer“ bei ihrer Ausbildung im Predigerseminar in der Lutherstadt Wittenberg begleitet hat. Am Sonntag wurde der Film im Filmtheater am Friedrichshain von den Filmemachern und Protagonisten vorgestellt. Der Kinosaal war voll – auch mit jungen Menschen und nicht nur mit Theologiestudenten.

Wittenberg ist wie eine Kunstwelt

Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben für den Film eine Insel betreten. Einen Ort, an den sich die Wenigsten verirren. „Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun“, sagt eine Vikarin zu Beginn des Films, „es ist wie eine Kunstwelt.“ Diese Kunstwelt haben Wright und Kolbe aufgebrochen, indem sie, zwei ungläubige Menschen, ein Jahr lang 22 Vikare begleitet und vor allem Fragen gestellt haben. Nach dem Sinn oder Unsinn von Glauben.

„Für mich war es sehr wichtig, dass Leute von außen kommen, die mich ein bisschen aus dem eigenen Saft herausgeholt haben“, sagt Almut Bellmann. Auch Björn Borrmann hat die Auseinandersetzung mit Menschen, die aus seinem alltäglichen Lebensumfeld kommen, als sehr spannend empfunden. „Es war der Realitätscheck“, sagt er. Denn oft habe der eigene Alltag mit dem der Altersgenossen wenig gemeinsam. „Obwohl ich auch gern tanzen gehe, trinke und rauche“, sagt er. Seine Hoffnung ist, dass der Film die Schwellenangst abbaut, dass er „uns als Pfarrer ein bisschen entzaubert“.

Der Zauber geht, wenn die Zweifel deutlich werden. Und das werden sie im Film immer wieder. Es steht die Frage im Raum, wie unantastbar der Glaube an Gott ist. Ob sie Gott jemals verstoßen habe, fragt eine Stimme in einer Szene aus dem Off. Almut Bellmann sitzt auf ihrem Bett und kaut auf ihrer Unterlippe. Wenn es um die Frage gehe, ob sie je an ihrem Glauben gezweifelt habe, dann ja, sagt die 31-Jährige. Bis zum Schluss sei sie mit der Kamera nicht warm geworden, gesteht sie auf der Bühne des Kinosaals. Und doch kam die immer wieder so nah an die zierliche junge Frau heran, dass sehr intime Aufnahmen entstehen konnten. „In diesen Momenten zählten dann doch nur die Gespräche“, sagt sie.

Vertrauensverhältnis: „Es war hart, aber herzlich“

Zwischen den Filmemachern und den Vikaren entwickelte sich über das Jahr hinweg ein Vertrauensverhältnis, trotz der unterschiedlichen Auffassung zum Glauben an Gott. Es wurde viel diskutiert. „Es war hart, aber herzlich“, sagt Björn Borrmann, „aber nie ist von einer Seite ein Vorwurf mitgeschwungen.“ Im Gegenteil, der Austausch von Fragen hat die angehenden Pfarrer auch verändert.

So sprechen die Vikare in einer Szene des Films über das Abendmahl und dass es doch sehr schön sein könnte, es im Rahmen des Predigerseminars einmal gemeinsam zu feiern. Chris Wright fragt, was das Abendmahl ist, und dann, ob es möglich sei, dabei zu sein, schließlich sei man auch Teil der Gemeinschaft. Almut Bellmann antwortet mit einem klaren Ja. Borrmann sagt nein, man müsse schon ein wenig davon wissen, um daran teilzunehmen. „Heute würde ich anders antworten“, sagt er.

In Wittenberg sollen die Teilnehmer des Seminars für sich einige Fragen beantworten. Was für ein Pfarrer will ich sein? Will ich überhaupt ein Pfarrer sein, und was glaube ich? Borrmann beantwortet für sich die Frage so: „Ich will den Menschen zeigen, dass es im Leben mehr gibt, als einkaufen zu gehen und Fernsehen zu gucken.“

Film „Pfarrer“ richtet sich genauso an Atheisten wie Gläubige

Die Filmemacher haben diese Fragen nach der eigenen Wahrnehmung noch einmal zugespitzt, einfach durch ihre Anwesenheit und ihr Nachfragen. Von Atheist zu Gläubigem. „Pfarrer“ ist deswegen ein Film für alle geworden.

„Es ist toll, dass die Menschen durch diesen Film auch über sich selbst nachdenken“, sagt Almut Bellmann, „denn die Fragen, die im Film aufgeworfen werden, betreffen ja auch das eigene Leben.“ Die Frage nach dem Sinn, auch des Lebens, wird im Film immer wieder gestellt. Ist es Wahrheit oder Wahnsinn mit dem Glauben, will Chris Wright von einem der Vikare wissen. Im Alltag, wenn die Welten aufeinandertreffen, sei es Wahnsinn, sagt der. Hier in Wittenberg sei es Wahrheit.

Doch bei aller Ernsthaftigkeit – es wurde auch viel gelacht im Seminar. Diese Szenen haben es aber nicht in den Film geschafft. „Es war nicht immer so ernst, wie es im Film rüberkommt“, sagt Bellmann, „die Krisen stehen im Vordergrund, weil es der Film von Chris Wright und Stefan Kolbe ist.“ Die hätten es so gewollt, weil es ihr Blick auf die Kirche und auf den Glauben ist.

„Pfarrer“ läuft unter anderem im Babylon, Mo. und Di. um 20.15 Uhr und in der Brotfabrik Mo. und Mi. um 18 Uhr

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