Biotechnologie aus Berlin

Zuckermoleküle könnten gegen Krebszellen helfen

IHK-Präsident Eric Schweitzer, Finanzsenator Ulrich Nußbaum und SPD-Fraktionschef Raed Saleh haben den Biotechnologiepark Buch besucht. 22 Medikamente befinden sich dort im Zulassungsverfahren.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Am Ende geht es um Zucker. Um neu geschaffene Zellen, die sich nur auf Krebsmoleküle setzen, die eine bestimmte Zuckerstruktur aufweisen. Das Verfahren für die Krebstherapie ist neu, und sollte es zugelassen werden, steht ein medizinischer Durchbruch bevor. „Dann schießt die Firma durch die Decke“, sagt Andreas Eckert, einer der Firmengründer des Biotech-Unternehmens Glycotope. „Das war aber auch so geplant.“

Am Mittwoch besuchten der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Eric Schweitzer, Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) und SPD-Fraktionschef Raed Saleh das Bio-Technologie-Zentrum in Buch, um sich über die Situation der Biotech-Firmen im Berliner Gesundheitscluster zu informieren. Auch bei Glycotope, dem Unternehmen mit den besonderen Zuckerstrukturen, waren sie. In zwei bis fünf Jahren soll das erste Produkt der Firma als Medikament zugelassen werden – dann lockt ein Milliardengewinn. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Die Zulassung eines neuen Medikaments dauert Jahre und verschlingt hohe Millionenbeträge. 135 Millionen Euro sind bereits in die Entwicklung der „Glyco-Bodies“ geflossen, die die Krebstherapie um einen Quantensprung nach vorne bringen soll. Die bisherigen Hürden für die Zulassung sind genommen, jetzt steht der letzte Schritt an.

„Wissen ist nichts wert, wenn das Kapital fehlt“, sagte Eckert. Der Unternehmer hat mehrere Firmen auf dem Campus Buch gegründet. Eckert ist der Mann, der die Risiko-Investoren für die aussichtsreichen Biotech-Unternehmen sucht. Er selbst hat mit einem Unternehmen begonnen, das Geräte zur Strahlentherapie herstellt. Inzwischen hat er die Eckert Wagniskapital GmbH gegründet, die Spitzenforscher und Geldgeber zusammenbringt.

Mindestens 50 Millionen Euro Entwicklungskosten

In Buch befinden sich derzeit 22 Medikamente im Zulassungsverfahren. Mindestens sieben Jahre dauert es, bis ein Medikament von den ersten Tests bis zum klinischen Einsatz am Menschen zugelassen wird. „Unter 50 Millionen Euro ist kein neues Medikament zu haben“, sagte Eckert.

Im Fall von Glycotope scheint sich der Einsatz an Zeit und Geld zu lohnen. Insgesamt neun Medikamente des Unternehmens sollen künftig in der Medizin zum Einsatz kommen. „Normalerweise sind es ein bis drei Medikamente“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende der Bucher Betreibergesellschaft und Chef des Max-Delbrück-Centrums, Walter Rosenthal. „Neun Medikamente, wie bei Glycotope, sind äußerst selten.“

170 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen mittlerweile, um die Krebstherapie ein wenig zu revolutionieren. Damit das gelingt, forschen die Mitarbeiter nicht nur an dem Zuckerverfahren, sondern produzieren auch die kostbaren Zellen und Moleküle. Mit zunehmenden Erfolg, wie der Geschäftsführer des Unternehmens, Franzpeter Bracht, sagte. Bei den bisherigen Tests schnitten die GlycoBodies deutlich besser ab als alle anderen Medikamente und zeigte dabei keine Nebenwirkungen. Die Erfolgsaussichten sind also groß.

„Ohne die Finanzmärkte gäbe es uns nicht mehr“

Nach bisweilen zähen Anfangsjahren hat sich das Biotech-Zentrum in Buch etabliert. 56 Unternehmen mit 775 Mitarbeitern forschen, entwickeln und produzieren in Buch. Insgesamt existieren rund 220 Biotech-Unternehmen in der Stadt und bilden zusammen mit den Forschungseinrichtungen wie dem Max-Delbrück-Centrum ein eigenes Wirtschaftscluster.

„Die Landespolitik hat in den vergangenen Jahren einige richtige Entscheidungen getroffen“, sagte IHK-Chef Eric Schweitzer. „Die Gesundheitswirtschaft kann als Wachstumsbranche, Innovationsvorreiter und Magnet für Patienten aus aller Welt ein noch stärkerer Motor für Wohlstand, Versorgung und Beschäftigung werden.“

Noch nicht ganz so weit wie Glycotope mit den Zuckermolekülen ist die Firma Silence Therapeutics. Hier entwickeln Ansgar Santel und seine Kollegen ein neues Medikament gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das Mittel wendet sich nicht direkt gegen den Tumor, sondern unterbindet die Bildung von Metastasen. Auch dafür flossen in den vergangenen Jahren Dutzende Millionen Euro. „Ohne die Finanzmärkte in London würde es uns nicht mehr geben“, sagte Santel. Die Anleger in London setzen im Gegensatz zu deutschen Anlegern auf Risiko-Geschäfte, wie die Entwicklung neuer Medikamente. Mit der Finanzkrise 2008 sei der sogenannte Neue Markt in Deutschland zusammengebrochen. Deutsche Investoren gehen lieber auf Nummer sicher.

Ringen um zusätzliche Flächen für den Standort

Umso mehr sind die Unternehmen in Buch auch auf die Unterstützung des Landes Berlin angewiesen. Nicht, um das Risiko-Kapital einzutreiben, sondern um bestmögliche Arbeitsbedingungen vorzufinden. Das hat auch die Landespolitik verstanden. „Unternehmen der Biotechnologie bieten Zukunftschancen und stehen schon heute für den Hochtechnologie-Standort Berlin“, sagte SPD-Fraktionschef Raed Saleh.

Umso erstaunlicher ist allerdings, dass Buch seit Jahren mit dem Land um zusätzliche Flächen für den Standort ringt. „Wir stoßen an unsere Grenzen“, sagte Rosenthal. Selbst Brachflächen, die auf dem Gelände liegen, sind selten ohne Querelen mit den zuständigen Verwaltungen zu bekommen. Die Lage hat sich mit der Bildung der Großen Koalition in Berlin im Jahr 2011 noch verschärft.

Denn jetzt sind die Ressorts Wissenschaft und Forschung getrennt – mit Folgen auch für Buch. Auch die Flächen des Biotech-Standortes wurden auf verschiedene Verwaltungen übertragen. Die Stromversorgung bereitet den Firmen in Buch ebenso zunehmend Sorgen. Selbst minimale Stromstörungen verursachen in den hochtechnologisierten Labors Kosten in fünfstelliger Höhe.

Traditionsreicher Medizinstandort seit 75 Jahren

Seit Mitte der 90er-Jahre werden auf dem Campus des Biotechparks Buch mit Innovations- und Gründerzentrum (IGZ) Unternehmen der Spitzenforschung gegründet. Auf rund 26.000 Quadratmetern finden Gründer und Unternehmen branchenspezifische Labor- und Büroflächen. Das Spektrum der Geschäftsfelder reicht von medizintechnischen Produkten, molekularen Diagnostika und Therapien über pharmakologische Produkte und Technologien bis hin zur Herstellung und Prüfung von Arzneimitteln. Immer mehr rückt dabei auch die eigene Herstellung der Produkte in den Vordergrund. In den USA werde deshalb nicht mehr von Biotechnologie, sondern von Biopharma gesprochen, weil die Entwickler die Produkte zunehmend auch selbst herstellen.

Auf dem Campus Buch gibt es seit über 75 Jahren medizinisch-biologische Forschung. 1930 wurde hier das Institut für Hirnforschung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mit angeschlossener neurologischer Klinik in Betrieb genommen – das damals größte und modernste seiner Art weltweit. Nach 1945 wurde das Gelände der Akademie der Wissenschaften übergeben und zu einem Zentrum der Krebsforschung in der damaligen DDR ausgebaut.