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Wie das Portal Researchgate Forscher weltweit vernetzt

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Wolfgang W. Merkel

Foto: Krauthöfer / Jörg Krauthöfer

Researchgate aus Berlin bietet Wissenschaftlern ein Portal zum Austausch von Daten und Erfahrungen. Vier Millionen Nutzer sind dabei, jeden Tag kommen 10.000 hinzu. Unter ihnen geht es sachlich zu.

Das Labor von Claudia Haftmann ist gefüllt mit allerlei Gerät. Aufgeräumt ist etwas anderes, aber hier wird schließlich geforscht und kein Staatsgast empfangen. Die 30-Jährige ist Doktorandin am Deutschen Rheumaforschungszentrum in Berlin. Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung – die Immunabwehr greift körpereigenes Gewebe an. Haftmann untersucht, ob man anhand bestimmter Strukturen auf der Oberfläche jene Immunzellen identifizieren kann, die zu den rheumatischen Entzündungen führen. Vielleicht gelingt es dann, diese Zellen mit einer Blutwäsche gezielt auszufiltern.

Weltweit forschen Tausende Mediziner und Biologen zu Rheuma. Traditionell läuft ihr Erfahrungsaustausch über Fachzeitschriften, Kongresse und natürlich persönliche Kontakte. Zunehmend kommt aber ein neues Kommunikationsmedium ins Spiel: Researchgate.

Das gleichnamige Unternehmen an der Berliner Invalidenstraße ist ein soziales Netzwerk, salopp gesagt ein Facebook für Forscher. Einen Zugang erhält aber nur, wer in einer Forschungseinrichtung arbeitet. Geschwätz und Urlaubsbilder gibt es hier nicht. Man ist fokussiert auf Fachliches. Gegründet wurde Researchgate 2008 von den deutschen Medizinern Ijad Madisch und Sören Hofmayer sowie dem Computerwissenschaftler Horst Fickenscher. Heute sind gut vier Millionen Nutzer dabei, jeden Tag kommen 10.000 weitere hinzu – für ein Netz, das sich nur an eine kleine Nutzergruppe richtet, eine enorme Zahl.

Auf Researchgate werden auch Misserfolge geteilt

Auf der Plattform kann man sich Tipps zu Arbeitsmethoden einholen, aktuelle Entwicklungen in der Disziplin verfolgen, eigene Fachartikel oder noch unveröffentlichte Daten präsentieren. Kollegen können diese Daten mit einer anderen Zielstellung analysieren, Ratschläge für die Auswertung geben oder zum Anlass für eine Kooperation nehmen. „Wer Researchgate kennt, nutzt es auch“, sagt Claudia Haftmann. „Es ist schon ein cooles Werkzeug.“

Die Idee dazu kam Madisch 2007. Damals fand er bei einem Experiment keine Lösung für ein Problem. Er suchte Leute, die ihm helfen können. Google- und Datenbanksuchen brachten kein Ergebnis. „Da kam die Idee: Es muss ein Netzwerk für die Forschung geben. Und die Ironie ist, dass das World Wide Web ursprünglich für die Forschung entwickelt wurde. Es hat sich zu allem entwickelt, nur nicht dazu. Das wollten wir ändern.“

Auch um Misserfolge zu teilen, eignet sich Researchgate. „Im Netzwerk lässt sich vielleicht klären, was schiefgegangen ist“, sagt der 24-jährige Daniel Schulz, der in Claudia Haftmanns Arbeitsgruppe kürzlich seine Doktorarbeit begonnen hat. Auch wenn jeder Forscher erfolgreiche Experimente vorlegen will, seien doch auch Informationen über Misserfolge nützlich. Sie können andere davor schützen, dieselben Fehler zu machen. „Das erhöht die Wirtschaftlichkeit der Wissenschaftswelt. Heute werden sehr viel Zeit und Geld verschwendet, vor allem mit unnötig wiederholten Experimenten“, sagt Ijad Madisch.

Effizienter und gezielter informieren

Daniel Schulz schätzt sehr, dass er auf geduldige erfahrene Kollegen trifft, die ohne Arroganz seine Fragen beantworten. „Der Umgangston ist gut. Ich profitiere im Moment weit mehr als ich selber geben kann.“ Ähnlich geht es dem Molekularbiologen Norbert Bittner, 31, der seit einem guten halben Jahr an der Freien Universität an seiner Doktorarbeit arbeitet. Wenn er bei Researchgate im Blog eine Frage stellt, spricht er zahllose potenzielle Helfer an. Keiner muss antworten, aber irgendeiner tut es immer. „Die Kontaktaufnahme ist niederschwellig, niemand wird genervt.“

Bittner erforscht, wie Ulmen und Fichten Hilfe „herbeirufen“, wenn sie von Schadinsekten befallen werden. Legen solche Insekten ihre Eier in die Blätter, erkennen das die Bäume, noch bevor Larven schlüpfen und das Blatt anzuknabbern beginnen. Mit Duftstoffen rufen die Bäume weitere Insekten herbei, die ihrerseits Eier in die Eier der Baumschädlinge setzen. Die für den Baum schädlichen Parasiten werden dadurch abgetötet. Norbert Bittner will untersuchen, wie der Baum den Schädlingsbefall genau erkennt.

Bittner schätzt, dass er sich mit Researchgate sehr viel effizienter und gezielter als über Eins-zu-Eins-Mail-Kontakte informieren kann. „Ich kann in meinem Fachgebiet Kontakte knüpfen und mich so in den Netzwerken vortasten.“ Claudia Haftmann ergänzt: „Wenn ich beispielsweise bei einer Konferenz einen guten Sprecher gehört habe, kann ich im Anschluss bei Researchgate mehr erfahren, verfolgen, was der Betreffende tut und gegebenenfalls eine Kooperation vorbereiten.“

Netzwerk für Forscher wird noch an vielen Ecken optimiert

Researchgate übernehme die Organisation, so dass man schnell Antworten bekomme. Die Schlagwörtersuche im Netzwerk sei aber noch verbesserungswürdig, meint Norbert Bittner. „Noch stehen da viele Fragen zum selben Thema, was die Blogs unnötig überfüllt. Man findet viele triviale Fragen, die man einfach auch googlen könnte. Da wäre eine Moderation durch Researchgate-Mitarbeiter nötig.“

Das Netzwerk für Forscher wird noch an vielen Ecken optimiert. Doch Ijad Madisch hat ein ehrgfeiziges Ziel: Researchgate soll irgendwann die Rolle der einflussreichen Wissenschaftsjournale übernehmen. Dort zu veröffentlichen, bringt bislang die Karriere voran, auch weil andere Forscher diese Artikel häufig zitieren und so gewissermaßen adeln. Diese Rolle werde Researchgate zufallen, gibt sich Madisch überzeugt. Wer hier aktiv sei, hervorragende Arbeitsergebnisse vorstelle und dafür von anderen positiv bewertet werde, dessen Bedeutung („Score“) steige.

Transparenz in der Forschung

Nebenbei soll auch mehr Transparenz und Tempo in den Forschungsbetrieb einkehren. „Gute Arbeiten werden oft aus politischen Gründen nicht veröffentlicht“, sagt Madisch. „Es dauert auch einfach zu lange, bis Ergebnisse publiziert werden. In dieser Zeit könnte schon so viel Forschung stattfinden, die auf diese im Publikationsprozess verschollenen Erkenntnisse aufbaut.“ Das traditionelle Publikationssystem abzulösen, ist sicherlich ein äußerst ehrgeiziges Ziel. Mancher würde wohl sagen: Es ist vermessen.

Noch ist Researchgate ein Werkzeug vor allem für Forscher aus den „harten“ Fächern wie Biologie, Ingenieurwissenschaften und Physik. Bei Geisteswissenschaftlern nachgefragt zeigt sich: Hier gibt es noch reichlich Potenzial. Auch Gewinn erzielt das Unternehmen noch nicht. Irgendwann wollen die Geldgeber aber eine Rendite. Die soll unter anderem mit dem Jobmarkt fließen: Prominent platzierte Stellenanzeigen werden kostenpflichtig. Außerdem soll ein Marktplatz für wissenschaftliche Dienstleistungen entstehen. Eine klassische Geldquelle vieler Internetfirmen kommt für Madisch nicht infrage: „Wir verkaufen keine Daten an Dritte.“

Eine wichtige Hürde ist jedenfalls genommen: Ijad Madischs früherer Institutschef nutzt Researchgate. Der hatte ihn ursprünglich ermahnt, er solle doch das mit dem Wissenschaftler-Netzwerk bleiben lassen. Das sei doch Firlefanz.