Tödliche Gewalt

Kreidebotschaften auf dem Alexanderplatz für Jonny K.

Jonny K. wäre am Montag 22 Jahre alt geworden. Doch im Oktober 2012 wurde er auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt. Angehörige und Freunde gedachten dem Gewaltopfer mit Kreide und Luftballons.

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

Geduldig schüttelt Tina K. Hände, stellt Leute einander vor, posiert für Fotos. Sie ist die Gastgeberin dieser Geburtstagsparty, deren wichtigster Gast nicht dabei sein kann. Am Montag wäre Tina K.s Bruder Jonny 22 Jahre alt geworden.

Es ist weniger eine Feier als eine Zusammenkunft, hier, auf diesen wenigen Quadratmetern zwischen der Bar am Fuße des Fernsehturms, die Jonny K. und seine beiden Freunde in jener Oktobernacht 2012 besuchten, und der Eisdiele, vor der sie von sechs Männern so verprügelt wurden, dass Jonny K. wenig später seinen Gehirnblutungen erlag. Hier knien nun Dutzende Jugendliche auf der Straße und malen ihre Botschaften mit bunter Kreide auf den Asphalt. Kurz darauf singen sie „Happy Birthday“ und lassen 1000 rote Luftballons in den Himmel steigen. „Jeder steht für einen lieben Gedanken, den wir Jonny schicken wollen“, sagt Tina K.

Der Geburtstag ihres verstorbenen Bruders ist für die 30-Jährige ein weiterer Anlass, Flagge zu zeigen. In der Vorwoche teilte der Bundesgerichtshof mit, dass die Revisionen der Angeklagten unbegründet seien. Drei der Männer müssen nun definitiv für zwei Jahre und acht Monate, zwei weitere für zwei Jahre und drei Monate in Haft. Der zu viereinhalben Jahren verurteilte Onur U. sitzt bereits hinter Gittern. „Doch die anderen sind noch auf freiem Fuß, dabei ist die Tat schon eineinhalb Jahre her“, sagt Tina K. Jonny stehe stellvertretend dafür, dass dies noch zu oft geschehe.

„I am Jonny Jugendeinrichtung“ soll entstehen

Auch ihr Freund Kaze, der in besagter Nacht schwer verletzt wurde, ist gekommen. In gelber Schrift malt er „Knockin’ on Heavens Door“ auf die Straße. „Das heute allein ist gar nicht mal so wichtig“, sagt er, „wichtig ist, immer und überall ein Zeichen zu setzen.“ Er und Tina K. haben den Verein „I am Jonny“ gegründet, sie besuchen Schulklassen und reden mit ihnen über Zivilcourage. „Wenn wir dort fragen, wer schon Gewalterfahrungen gemacht hat, heben fast alle den Finger“, sagt Tina K. Bei vielen Jugendlichen, die am Montag dabei sind, waren sie bereits zu Besuch. Sie tragen weiße T-Shirts mit dem Logo des Vereins.

Eine von ihnen ist Anna, 20, aus Köpenick, die sich irgendwann etwas abseits setzen muss, weil sie die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Sie wurde im April 2012 am Bahnhof Alexanderplatz angegriffen und niedergeschlagen. Der Täter floh, doch seine Freunde waren noch da und feixten, als sie wieder zu sich kam. Die Polizei, sagt Anna, sei zwar gekommen, habe aber nichts unternommen. „Das war sogar noch vor Jonny“, sagt sie, und dass es gut sei, dass sein Fall so groß in den Medien war. „Trotzdem traue ich mich nachts nicht mehr allein auf die Straße.“

Tina K. hat noch viel vor. Aus ihrem Verein soll eine Stiftung werden, auch die „I am Jonny Jugendeinrichtung“ ist geplant. Sie wisse, dass ihr Bruder nicht wiederkomme, sagt Tina K. Auch wenn sie immer noch hoffe, dass er sich einfach nur hinter einer Ecke versteckt habe, um sie zu erschrecken. „So, wie er das früher gern gemacht hat.“