Berlin-Spandau

Wenn Mieter zur Toilette auf den Parkplatz müssen

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Constanze Nauhaus

Foto: Massimo Rodari

Mieter in Berlin-Spandau sollen wegen Sanierungen in ihrer Siedlung monatelang WC-Container vor den Häusern nutzen. Die Betroffenen, darunter viele ältere Menschen, sind empört.

Einige Mieter hier haben arge Bedenken“, weiß Mathias Manis. Bedenken, ob die geplanten Sanierungsarbeiten in ihrer Spandauer Siedlung für sie wirklich so komplikationslos werden, wie von der Immobilienverwaltung angekündigt. Seit vier Jahren wohnt Mathias Manis in einem Hochhaus im Falkenhagener Feld. „Der Zustand der Wohnungen ist fatal“, sagt Manis. „Die Wärme bleibt nicht in den Wohnungen, durch die Fenster zieht es, die sind noch aus den Siebzigern.“

Nun will der Eigentümer, die conwert-Immobiliengruppe, Abhilfe schaffen. Umfassende energetische Modernisierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen an 281 Wohnungen sowie fünf Gewerbeeinheiten in vier Hochhäusern Am Kiesteich und an der Falkenseer Chaussee sind geplant, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Wohnungen. Die Arbeiten sind für Anfang Mai bis Ende November vorgesehen, in den Wohnungen selbst laut conwert jeweils etwa vier Wochen. Davor graut Mathias Manis, er arbeitet nachts als Zeitungsbote, muss tagsüber schlafen. „Das wird schlimm mit dem ganzen Lärm“, befürchtet er.

Für besonderen Diskussionsstoff unter den Mietern sorgt die geplante Erneuerung der Sanitäreinrichtungen. Diese sind den Mietern tagsüber während der Arbeiten nicht zugänglich, weshalb ersatzweise Sanitärcontainer auf dem Parkplatz vor den Häusern aufgestellt werden. Vier dieser mit Toilette, Waschbecken und Dusche ausgestatteten, gefliesten und abschließbaren Provisorien werden im Rahmen der Strangsanierung von höchstens zwölf Mitparteien gleichzeitig genutzt. Die Mieter empört diese Maßnahme immens. „Wir haben hier viele alte Leute, sollen die für jeden Toilettengang aus dem 12. Stock auf den Parkplatz fahren?“, fragt sich auch Denise Heimke, die seit fünf Jahren in dem Komplex wohnt.

Zehn Chemieklos sind bereits geordert

„Für Härtefälle finden wir Lösungen“, verspricht indes Michael Glöckner von der conwert-Immobiliengruppe. Zehn Chemieklos seien bereits geordert, die etwa bei Schwerbeschädigten in der Wohnung aufgestellt und zweimal am Tag geleert würden. Außerdem würden diese Container nach seiner Erfahrung wenig genutzt. „Die Mieter kennen sich, die gehen beim Nachbarn auf Toilette.“

Eine generelle Umsetzung der Mieter während der Arbeiten erfolgt nicht, es seien nicht genügend leere Wohnungen verfügbar. In Sonderfällen gebe es aber Möglichkeiten. Eine Familie mit einem wenige Wochen alten Säugling etwa zeigte sich besorgt wegen des zu erwartenden Baustaubs und des Lärms. „Für die finden wir eine Umsetzwohnung“, versichert Glöckner. „Und wenn sich keine findet, zahlen wir auch eine Pension.“ Eine generelle Mietminderung für alle Mieter als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten lehnt die Hausverwaltung ab, mit dem Hinweis, die Arbeiten in den einzelnen Wohnungen dauerten in der Regel nur vier Wochen, in jedem Fall unter drei Monaten.

Solange hat ein Mieter laut Mietgesetz energetische Sanierungsarbeiten nämlich zu dulden, ohne Anspruch auf eine Mietminderung erheben zu können. „Das ist Quatsch“, sagt Jürgen Wilhelm, Spandauer Bezirksleiter des Berliner Mietervereins. „Die Drei-Monats-Grenze ist zwar korrekt, aber das betrifft auch Arbeiten im Wohnumfeld, nicht nur in der Wohnung selbst.“ Und diese liegen deutlich über der Drei-Monats-Grenze.

Mieten erhöhen sich um sechs bis zehn Prozent

Michael Glöckner von der conwert betont außerdem den freiwilligen Verzicht des Unternehmens auf einen Anteil der Umlage. Laut Mietrecht stünde conwert zu, elf Prozent des Modernisierungsanteils auf die Mietkosten umzulegen, das wären 498.000 Euro. Das Unternehmen macht aber nur 306.000 Euro davon geltend. Durchschnittlich erhöhe sich die Miete nach den Modernisierungen für eine Ein-Zimmer-Wohnung um zehn Prozent, um acht bei zwei Zimmern und um sechs Prozent bei drei. „Wir sind keine amerikanische Heuschrecke“, meint Glöckner. „Wir wissen, dass sich viele Altmieter hohe Mieten nicht leisten können und wir möchten nicht, dass diese ausziehen. Sie sollen uns treu bleiben und langfristig weniger Miete zahlen.“

Jürgen Wilhelm vom Mieterverein misstraut diesen Aussagen: „Die kehren jetzt den Gutmenschen heraus, aber im nächsten Jahr kommt der neue Mietspiegel, dann gibt es bestimmt eine weitere, normale Mieterhöhung. Denn der Wert der Immobilien steigt durch die Sanierungen enorm.“

„Der Mieter muss keine Baufreiheit schaffen“

Zudem sei die Mitwirkungspflicht, zu der die Mieter laut Hausverwaltung angehalten seien, gesetzlich nicht festgelegt. „Die Leute müssen nicht Hand anlegen“, sagt Wilhelm. „Der Vermieter erwartet zwar, dass Möbel abgerückt und Schränke ausgeräumt werden. Aber der Mieter muss keine Baufreiheit schaffen.“

Der Bezirk indes vermittelt nicht zwischen den Parteien. „Dass da grundsätzlich Sanierungsbedarf besteht, wissen wir“, so der Spandauer Baustadtrat Carsten-Michael Röding (CDU). „Aber was da wie umgelegt wird, ist eine Sache zwischen Mieter und Vermieter.“

Jürgen Wilhelm empfiehlt den Mietern, wegen einer Mietminderung nachzuhaken. „Ich glaube, die meisten Mieter haben noch gar nicht verstanden, wie sehr die Arbeiten sie beeinträchtigen werden“, so Wilhelm.