Das Jenke-Experiment

So erlebte RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff das Sterben

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Felix Müller

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Jenke von Wilmsdorff hat sich für seine Selbstversuch-Reihe diesmal die letzten Fragen ausgesucht: Es ging ihm um den Tod. Dafür bezog er ein Sterbehospiz an der Delbrückstraße in Berlin-Neukölln.

„Das Gemeine ist: Dieser Tumor ist nicht heilbar“, sagt Silvio. Er ist 38 Jahre alt, Vater von zwei kleinen Jungs, einer ist zwei, der andere sechs Jahre alt. Der Krebs sitzt im Gehirn. Die Medikamente haben Silvio halb sediert, immer wieder verschwimmt sein Blick und sein Kopf kippt leicht zur Seite. Er setze sich kleine Ziele, sagt er, er habe unbedingt noch erleben wollen, wie sein Sohn in die Schule kommt.

Und jetzt?, fragt Jenke von Wilmsdorff.

Jetzt wolle er noch mitbekommen, wie der Kleine in die nächste Kita-Gruppe komme, antwortet Silvio. Kleine Ziele, das sei wichtig. Manchmal komme der Sechsjährige vorbei, um zu weinen.

Tod oder Sterben?

Silvio stirbt vor unseren Augen. Die Szene ist kaum auszuhalten, und sie braucht eigentlich weder einen Klavierklangteppich noch einen Zeitlupenschwenk, um ihr emotionales Gewicht zu betonen.

Jenke von Wilmsdorff hat sich für RTL wieder einem Selbstversuch unterzogen. Nachdem wir ihn in den letzten Wochen beim Dauerkonsum von Cannabis und an den Rollstuhl gefesselt erleben durften (womit er jeweils erstaunliche Quoten von über vier Millionen Zuschauer an die Bildschirme holte), ging es ihm diesmal um den großen Weltenrichter mit der Sense: den Tod. So jedenfalls der Titel der Sendung. Oder ging es doch eher ums Sterben? Das wurde nicht so recht klar.

Er zog jedenfalls für mehrere Wochen in ein Sterbehospiz an der Neuköllner Delbrückstraße, und er lernte die Insassen kennen: Nicht nur den todkranken Informatiker Silvio. Auch den nicht minder todkranken Musiker Klaus Hasse, dem ein Schüler auf der Trompete vorspielte: Edith Piaf, La vie en rose. Einen Mann mit fortgeschrittener Leberzirrhose und dessen verzweifelte Mutter, die ihn nicht mehr umarmen wollte, aus Angst, ihm weh zu tun. Dann die Köchin des Hospizes, die Freude daran findet, den Kranken ihre Lieblingsmahlzeiten zuzubereiten.

Ehrliches Interesse

Und das war gut – wenn man einmal kurz die dauernde emotionale Übersteuerung durch Ton und Schnitt vergisst. Gut war es, weil von Wilmsdorff die Menschen zum Sprechen bringen kann, weil er ihnen mit ehrlichem Interesse zuhört. Weil er weiß, wann man besser den Blick senkt und einmal nichts sagt. Er begegnet seinen Gesprächspartnern mit derselben sympathischen Neugierde, wie er die Versuche mit sich selbst durchführt. Vielleicht ist das ein Erfolgsgeheimnis der Sendung.

Andere Dinge sind weniger sympathisch, bestenfalls sind sie rätselhaft. Wie schnell sich die Erzählung wieder aus dem Sterbehospiz verabschiedete, um nur noch für Stippvisiten dorthin zurückzukehren, das war auf traurige Weise kurios, das hatte etwas Kurzatmiges. In eingebastelten, nur ein paar Minuten währenden Miniaturreportagen wurde uns zuerst die Geschichte einer Frau erzählt, die ihren Mann, ihren Bruder und ihren Sohn bei einem Autounfall verlor. Dann ließ sich von Wilmsdorff von einer Rückführungstherapeutin erklären, welches vorherige Leben er womöglich einmal geführt habe. Dann besuchte er eine Frau an der Mosel, die bei einem Autounfall eine Nahtoderfahrung hatte. Dann sprach er mit Kölns größtem Bestattungsunternehmer, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, in einem Sarg zu liegen.

Womöglich sorgte man sich bei RTL darum, im Hospiz könnte es auf Dauer zu betrüblich werden – und entschied sich deshalb für diese Überzahl an Handlungssträngen. Vielleicht fürchtete man den Verlust von Zuschauern. Was auch immer die Gründe sind: In dieser Sendung versteckte sich der Stoff für eine wirklich große Reportage über das Leben und Sterben in einem Berliner Hospiz. Vielleicht kann Jenke von Wilmsdorff sie uns ja eines Tages zeigen.