Berliner Schätze

Der Arzt, der in Neukölln zum Helden wurde

Als immer mehr Berliner Juden während des Nationalsozialismus untertauchen mussten, organisierten der Neuköllner Arzt Benno Heller und seine Frau für sie Verstecke.

Foto: Geschichtsspeicher Neukölln

"Sehr geehrter Herr Doktor!", beginnt der in schöner Handschrift geschriebene Brief einer Patientin vom Januar 1938, "… ja, wie wird das nun mit dem arischen Arzt? Mit dieser Angelegenheit beschäftige ich mich dauernd, aber ich finde keinen Ausweg. Von der Kasse darf ich Sie nun nicht mehr aufsuchen, und als Privatpatientin kann ich auch nicht kommen, da ich dadurch die Stellung meines Mannes gefährden würde. (…) Ich bin darüber ganz verzweifelt und habe mich schon so aufgeregt, dass ich dauernd heulen könnte."

Die Patientin Hedwig Boecker schreibt an ihren Arzt Dr. Benno Heller – ein Frauenarzt aus Neukölln. Seit 1927 führt er zusammen mit seiner Frau Irmgard – einer Krankenschwester – die Praxis im Arbeiterstadtteil. Das Ehepaar hat sich bewusst entschieden, dort zu arbeiten und zu leben. Hier wohnen die Frauen, denen sie helfen wollen; oft auch unentgeltlich.

Er ist ein guter Arzt, ein verständnisvoller. Obwohl in der Weimarer Zeit illegal, führt er in seiner Praxis auch Abtreibungen durch. Handwerklich gute Abtreibungen, die nicht das Leben der Patientinnen gefährden. Denn er erkennt die Not mancher Arbeiterfrau, die wieder und wieder schwanger wird und körperlich kaum die bisherige Familie bewältigt. Doch jetzt, 1938, darf sich Dr. Heller nicht mehr als Arzt bezeichnen. "Sie haben ein Schild zu führen, das auf blauem Grund einen gelben Kreis mit blauem Davidstern zeigt." Ausschließlich Jüdinnen dürfen ab jetzt von ihm noch ärztlich behandelt werden. Frau Boecker aber ist nach NS-Maßstäben "arisch".

Genau wie Dr. Hellers Ehefrau Irmgard. Sie stammt aus einer protestantischen Junkersfamilie, die mit der Heirat der Tochter überhaupt nicht einverstanden war. Arzt hin oder her – der Mann ist Jude! Doch die Liebe ist groß. Im Ersten Weltkrieg lernte sie als Hilfsschwester den Frontkämpfer und Medizinstudenten Benno Heller kennen, sie heiraten bald.

Eine patriotische Einstellung

Heller ist damals noch in einer schlagenden Verbindung. Er hat Schmisse im Gesicht und als ehemaliger Kriegsfreiwilliger eine patriotische Einstellung. Erst später – durch die Erfahrung der Weltwirtschaftskrise – tendieren die beiden nach links, Heller tritt zwischenzeitlich sogar in die KPD ein. Eine Reise in die Sowjetunion 1930 kuriert das Ehepaar von kommunistischen Illusionen. Die Folge: Parteiaustritt. Nach der Machtübernahme 1933 ein Glück. Jüdische Kommunisten haben im ersten NS-Jahr, dem Jahr der wilden KZs in den Kellern Berlins, keine guten Überlebenschancen.

Benno und Irmgard Heller führen eine kinderlose "Mischehe". Warum kinderlos? Schwer zu sagen, Irmgard ist schon lange herzkrank. Aber ihr Leben ist ausgefüllt: Praxis, zwei geliebte Hunde, ein Spatz, Kanarienvögel. "Leute, die es wissen wollen, versichern uns, dass wir uns in unserer Eigenschaft als Misch-Eheleute keine so großen Sorgen zu machen bräuchten", schreibt Benno Heller 1941 seinem emigrierten Bruder in die USA. "Aber genaues weiß keiner." Seine Frau bekommt inzwischen wie ihr Mann extrem gekürzte Lebensmittelrationen – als Strafe dafür, dass sie sich nicht vom Gatten trennt. Marie Jalowicz Simon, deren Buch "Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-45" gerade erschienen ist, hat das Ehepaar Heller in ihrer Zeit als "jüdisches U-Boot" sehr genau kennengelernt.

Irmgard Heller war ihr nicht angenehm. Pedantisch sei sie gewesen, die Frisur immer "altdeutsch" hochgesteckt. "Wenn Irmgard Heller ihren Kopf leicht zurückwarf, so dass man ihr schönes Profil mit der altdeutschen Frisur sah, dann hatte ich das Gefühl: Sie guckt sich diese jüdischen Frauchen mit dem Stern im Wartezimmer ihres Mannes mit allen traditionellen antisemitischen Vorurteilen an." Doch Marie Simon räumt auch anerkennend ein, dass Irmgard Heller nie daran dachte, ihren Mann zu verlassen, der ohne sie sofort deportiert worden wäre. Und mehr noch – sie unterstützt ihn in seinem Widerstandskampf.

Ohne Vorwarnung werden die Eltern deportiert

Denn Dr. Heller macht sich bald keine Illusionen mehr. "Wesentlicher als alle diese Fragen ist meines Erachtens, dass man heute überhaupt lebend über die böse Zeit wegkommt", endet im Februar 1941 ein Brief an den Bruder in die USA. Ohne Vorwarnung wurden die Eltern Heller 1940 in ein Lager nach Südfrankreich deportiert, die Söhne ahnen, dass die sehr kranke Mutter schon auf dem Transport verstarb. Eine offizielle Todesnachricht erhalten sie nie.

In einem anderen Brief an den Bruder heißt es: "Und was machen die Haare? Meine sind inzwischen grau geworden, nicht zuletzt wegen des ungeschriebenen Kapitels aus Mamas Lebensgeschichte. Dass sie nicht mehr am Leben ist, darüber gibt es nach so langer Zeit wirklich keinen Zweifel mehr." Mit dem Beginn der Deportationen spürt Benno Heller genau, dass es jetzt ums nackte Überleben geht. Und auch, dass er den Zeitpunkt für eine Flucht wohl verpasst hat. "Wir glaubten noch Zeit zu haben zum Warten, aber wir haben nicht mehr lange Zeit, – vielleicht bereits keine mehr", schreibt er im Oktober 1941. Immer mehr Berliner Juden tauchen unter.

Benno und Irmgard Heller organisieren Schlafplätze und Verstecke für die Untergetauchten. Wo? Bei seinen ehemaligen arischen Patientinnen. Wie er sie überredet? Mit freundlicher Erpressung. Heller benutzt sein Wissen über die Abtreibungen. Marie Simon erzählt: "Er hat alte Patientenkarteien, das habe ich selbst erlebt, mit seiner Frau durchgesehen, und das ging etwa so: ,Ach, das war doch die Müller, ein ganz armes Luder. Der habe ich doch damals eine Abtreibung umsonst gemacht. Da gehe ich jetzt hin.'"

Vierzehn Tage Unterschlupf werden jedes Mal verabredet

Dr. Benno Heller, wie immer elegant gekleidet, nur mit Judenstern am Mantel, sucht die früheren Patientinnen auf und zwingt sie höflich, zu helfen. "Sie müssten ihm einen Gefallen tun, sie sollten jemanden aufnehmen." Vierzehn Tage Unterschlupf werden jedes Mal verabredet, keinen Tag länger. Tagsüber arbeiten die Untergetauchten in der Praxis des Ehepaars Heller. "Eine in einen weißen Kittel gesteckte Person weiblichen Geschlechts machte bei Hellers die Tür auf. Eine zweite weißbekittelte Frau saß an der Patientenkartei. In der Küche rührte eine andere in einer Küchenschürze im Kochtopp um. Ein Mann putzte die Fenster, und ein weiterer Mann hackte Brennholz." Hier sind sie sicherer als auf der Straße.

Die damals 19-jährige Marie Simon ahnt schnell, dass dieses Hellersche Untergrundsystem auf Dauer nicht funktionieren kann. "Ich fand, dass er sich völlig in die Idee verrannt hatte, möglichst viele Juden zu retten." Benno Heller und seine Frau irritieren sie zutiefst, so "widersprüchlich" wirken sie – allein der Doktor mit seinen Schmissen im Gesicht, dem es trotz seiner existenziellen Not schwer fällt, der deutschen Wehrmacht die Niederlage zu wünschen; schließlich ist er ein alter Frontkämpfer und Träger des Eisernen Kreuzes. Es kommt zum furchtbaren Krach und Bruch zwischen Simon und Heller. Wenig später erfährt sie von seiner Verhaftung am 23. Februar 1943. Verraten von einer überforderten jüdischen Untergetauchten, die nach den zwei Wochen ihr Quartier verlassen muss – das Heller besorgt hatte - und nun tagelang durch die Straßen Berlins irrt. Sie ist wütend auf den Arzt, dem sie Schuld an der Lage gibt. Im KZ, soll sie gesagt haben, würde es ihr besser gehen; da gäbe es zumindest eine Suppe und ein Dach über dem Kopf.

Die Polizei behauptet, Benno Heller sei wenig später bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Irmgard Heller zerbricht an der Nachricht, sie stirbt noch im selben Jahr. Doch der Doktor lebt noch bis kurz vor Kriegsschluss. Er überlebt als Häftling das Grauen von Auschwitz-Birkenau, wurde vermutlich als Arzt im "Zigeunerlager" eingesetzt – ein Häftlings-Arzt ohne Medikamente, ohne Hilfsmittel. Wird danach nach Sachsenhausen transportiert und später weiter ins Frauen-KZ Ravensbrück, wo sich Anfang 1945 seine Spur verliert. Es ist anzunehmen, dass er auch in Ravensbrück als Arzt arbeitet. Ein Frauenarzt, bis zuletzt.

Dank an den Geschichtsspeicher des Museums Neukölln, wo der Nachlass von Dr. Benno Heller liegt. Erzählt wird Hellers Geschichte auch in dem Buch: "Neuköllner Pitaval" von Raymond Wolff (nur antiquarisch)

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