Sommerzeit

Eine Stunde vor - Die Zeitumstellung nervt sogar Milchkühe

Die Sommerzeit wurde 1980 eingeführt, um Energie zu sparen. Doch der Nutzen blieb aus. Menschen und auch Milchkühe leiden. Hat es wirklich Sinn, an der Uhr zu drehen? Immer mehr Bürger sind genervt.

Foto: Jan Woitas / dpa

Für Langschläfer, die jeden Morgen den Wecker verdammen, wird die Zeitumstellung am kommenden Wochenende wieder hart. In der Nacht zum Sonntag (30. März) rücken die Uhren um 2 Uhr eine Stunde vor auf 3 Uhr, die Sommerzeit beginnt. Zumindest in der Woche nach der Umstellung klagen viele Menschen in Deutschland wegen der gestohlenen Stunde über Müdigkeit. Dafür bleibt es abends eine Stunde länger hell, wovon besonders Berufstätige profitieren, die nach Feierabend noch Zeit draußen verbringen möchten. Im Oktober geht es dann wieder eine Stunde zurück.

Die Wissenschaftler der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig sorgen dafür, dass die Zeitumstellung reibungslos klappt. Probleme habe es seit Einführung der Sommerzeit 1980 noch nie gegeben, sagte der Leiter des Zeitlabors, Ekkehard Peik. Die PTB ist per Gesetz für die Zeit zuständig. Bereits vor Wochen haben die Physiker den Sender DCF77 in Mainflingen bei Frankfurt/Main entsprechend programmiert. Mit einer Reichweite von etwa 2000 Kilometern steuert das Signal des Senders die Funkuhren in fast ganz Europa.

Logistische Großaufgabe

Neben gesundheitlichen Beschwerden bringt die Zeitumstellung vor allem organisatorische Herausforderungen mit sich. Uhren müssen umgestellt, Dienst- und Fahrpläne angepasst werden. Für Nachtarbeiter bedeutet die Umstellung zwar eine kürzere Arbeitszeit, oft aber auch weniger Gehalt – etwa wenn pro Stunde bezahlt wird.

Alle rund 120.000 Uhren der Deutschen Bahn und viele Ampelanlagen werden über Funk synchronisiert. Die Deutsche Bahn hat für die Nacht der Zeitumstellung einen genauen Plan. Güterzüge werden möglichst vor der planmäßigen Abfahrtszeit auf die Reise geschickt und Nachtzüge verkürzen ihre Aufenthalte, um Verspätungen so gering wie möglich zu halten, wie eine Sprecherin in Berlin mitteilte.

Darüber hinaus sind Radio- und Fernsehsender auf ein korrektes Zeitsignal angewiesen. Mechanische Uhren müssen per Hand umgestellt werden, weshalb es hin und wieder Pannen gibt – und sei es nur, dass Eltern ihren Nachwuchs zu spät bei einem Fußballturnier am Sonntag abliefern.

"Mini-Jetlag" vor allem bei Kindern

Menschen mit Schlafstörungen hätten durch das ewige Hin und Her stets große Probleme, schreibt die FDP-Fraktion in Baden-Württemberg. Überdies gebe es Beweise dafür, dass es am Montagmorgen nach Zeitumstellungen auf Sommerzeit mehr Verkehrsunfälle gebe. Bayerns Ministerin Aigner wird mit den Worten zitiert, die Zeitumstellung verursache bei vielen Menschen regelmäßig "einen Mini-Jetlag". Vor allem Kinder könnten sich schwer daran gewöhnen.

Es könne vereinzelt zu Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen kommen. Eine Umfrage der Krankenkasse DAK von 2013 ergab, dass fast jede dritte Frau (30 Prozent) kurzfristig unter gesundheitlichen Problemen leidet. Bei Männern sind es 18 Prozent. "Die meisten Betroffenen fühlen sich schlapp und müde, haben Einschlafprobleme und Schlafstörungen", schreibt das Gesundheitsministerium.

Sensible Milchkühe

Im Tierreich ist von all dem Wirbel wenig zu spüren. Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes haben Haustiere in der Regel kein Problem mit dem um eine Stunde veränderten Tagesrhythmus der Menschen. An neue Fress- oder Spaziergehzeiten gewöhnten sie sich relativ schnell, sagte Pressesprecher Marius Tünte. Für Wildtiere spiele die Zeitumstellung gar keine Rolle, da sie sich an den natürlichen Gegebenheiten und Lichtverhältnissen orientieren. Allerdings steige das Unfallrisiko für Mensch und Tier, wenn etwa Berufspendler in der Morgendämmerung unterwegs seien.

Zootiere scheinen ebenfalls unbeeindruckt von der Zeitumstellung. "Es hat kaum Auswirkungen auf die Tiere. Wenn überhaupt, kann man vielleicht von einer leichten Irritation sprechen", sagte der Tierarzt Joachim Schöne vom Zoo am Meer Bremerhaven. "Die Schimpansen und die Pumas haben eine gewisse Routine. Abends rein in den Stall und morgens raus", erklärte er. Am Tag nach der Zeitumstellung könne es sein, dass mal eins der Tiere langsamer oder schneller sei als sonst. Wirkliche Veränderungen im Verhalten seien aber nicht erkennbar. "Die Tiere sind sehr anpassungsfähig."

Milchkühe scheinen da etwas sensibler zu sein. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes achten Landwirte in der Regel darauf, ihre Tiere möglichst sanft an die neue Melkzeit zu gewöhnen. So würden die Tiere am Morgen nach der Zeitumstellung zunächst nur 30 Minuten früher als gewohnt gemolken, erst am folgenden Tag gelte dann die neue Zeit. Auch für die Landwirte sei die Härte damit etwas rausgenommen, erklärte Pressereferent Johannes Funke in Berlin.

Masttiere erhielten dagegen meist keine Vorzugsbehandlung. "In der Schweinemast zum Beispiel gibt es viele automatische Systeme. Die Tiere haben jederzeit Zugang zu Wasser und Futter", erklärte Funke. "Da spielt die Uhrzeit keine große Rolle."

Aigner für Abschaffung der Zeitumstellung

Weil es so viele nervt, wächst der Widerstand gegen die Zeitumstellung: Vergangene Woche forderte Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) ihre Abschaffung. Bürger haben mehr als 50.000 Unterschriften für die "Beibehaltung der Normalzeit" gesammelt, die sie dem Petitionsausschuss des Bundestags im April überreichen wollen. Das frühe Aufstehen während der Sommerzeit wirke sich negativ auf die Gesundheit aus, ist der Arzt Hubertus Hilgers überzeugt, der die Petition gestartet hat.

Diese ewigen Zeitumstellungen sind unsinnig und sollten so schnell wie möglich abgeschafft werden, forderte nun auch die FDP-Fraktion in Baden-Württemberg. Laut Bundesumweltamt spare man zwar während der Sommerzeit abends elektrisches Licht, jedoch werde morgens mehr geheizt. Insgesamt steige der Energieverbrauch sogar, heißt es in einem Parlamentsantrag der FDP-Fraktion.

Am Zuge wäre in dieser Frage aber die Europäische Union. Seit 1996 stellen alle EU-Mitgliedstaaten die Uhren gleichzeitig um. In Russland gilt dagegen seit dem Frühjahr 2011 dauerhaft Sommerzeit. Deutschland hatte die Sommerzeit unter dem Eindruck der Ölkrise mit dem Ziel eingeführt, Energie einzusparen. Dieses Ziel konnte dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zufolge jedoch nicht erreicht werden.

"Aus den Diskussionen über Sinn und Unsinn der Zeitumstellung halten wir uns raus", betonte Zeitlabor-Chef Peik. Befürchten die Wissenschaftler, arbeitslos zu werden, sollten sich die Europäer irgendwann gegen das halbjährliche Umstellen der Uhren entscheiden? "Nein, wir haben hier auch genug anderes zu tun", sagte Peik.

Doch es ist nicht alles schlecht: Vorteile bringe die Sommerzeit vor allem für die Tourismus- und Freizeitbranche, hieß es. Abendliche Freizeitaktivitäten seien länger bei Tageslicht und angenehmen Außentemperaturen möglich.

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