Nahverkehr

Der Verkehrsknoten Rudower Spinne wird umgebaut

Die BVG schafft einen zentralen Halt für Expressbusse zum oder vom Flughafen BER an der U7-Endstation im Ortszentrum von Rudow. Händler befürchten ein Verkehrschaos und das Ausbleiben der Kunden.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Beschaulichkeit hat ein Ende. Das Ortszentrum von Rudow wird sich drastisch verändern. Zehntausende Fluggäste auf dem Weg zum oder vom Flughafen BER sollen künftig dort vom Bus in die U-Bahn umsteigen. Die BVG baut dafür den Verkehrsknoten Rudower Spinne um. Die Reisenden sollen an der U7-Endstation in die Linien X7 und X11 umsteigen. Von und zu jedem U-Bahnzug wird ein Expressbus fahren. Die Arbeiten beginnen im Herbst 2014 und werden etwa zwei Jahre dauern.

Längere Wege für die Kunden

Die Geschäftsleute des Ortsteilzentrums sehen das Vorhaben mit großer Unruhe. Denn zugunsten des BER-Transfers werden bisherige Bushaltestellen verlegt und Ampelschaltungen verändert. Langjährige, ältere Kunden, die mit dem Bus kommen und die Geschäfte in der Straße Alt-Rudow aufsuchen, müssten dann längere Wege in Kauf nehmen. Ebenso die Patienten der Arztpraxen und der Physiotherapeuten. Einem Gutachten der IHK zufolge wird die Belastung für Rudow überproportional hoch sein.

Und das plant die BVG: An der Neuköllner Straße, in der Fahrtrichtung Flughafen, entsteht ein neuer U-Bahnzugang mit Rolltreppe. Auf dieser Seite wird auch eine neue zentrale Einstiegshaltestelle für die Busse angelegt. Für Fahrgäste, die vom Flughafen kommen, wird an der anderen Straßenseite der bestehende U-Bahnabgang durch eine Rolltreppe ergänzt. Die Kosten für den Umbau werden auf fünf Millionen Euro veranschlagt. Derzeit steigen nach BVG-Angaben an der U7-Endhaltstelle an Werktagen etwa 2000 Fahrgäste zwischen U-Bahn und Bus um. 10.000 werden es laut Prognose nach der Eröffnung des BER sein.

„Die Verkehrsbelastungen durch den Umbau der Rudower Spinne werden enorm“, befürchtet Sabine Zannoni, Inhaberin einer Boutique. „Uns ist allen bange davor.“ Die Rudower Händler haben sich an das Abgeordnetenhaus gewandt und im Verkehrsausschuss für ihre Belange gekämpft. „Aber das ist schwierig, weil die Interessen des Flughafens vorgehen“, sagt die Geschäftsfrau.

Ewige Warterei an der Ampel befürchtet

Eine große Sorge sei, dass die Busse auf der Neuköllner Straße immer Vorrang haben. „Wer diese Straße überqueren will, wartet dann ewig an der Ampel. Und dann sagen sich die Leute – dann fahren wir eben nicht mehr über die Rudower Spinne.“ Die Folge: Kundenströme verändern sich. Auch Soran Ahmed, Chef der Rewe-Filiale und Vizechef der AG Rudower Geschäftsleute, ist in Sorge. „Kunden und Bürger wollen nach Alt-Rudow. Sie kaufen ein, sie wohnen dort, gehen essen in den Restaurants. Es gibt da Lebensqualität. Die nimmt man weg.“

Denn der Bus 171 soll nicht mehr durch die Straße Alt-Rudow mit ihren vielen Geschäften fahren. Diese und weitere Linien sollen auch an der neuen, großen Station für die Expressbusse halten. „Wir haben mal ausgerechnet, dass dann alle zweieinhalb Minuten ein Bus über die Kreuzung fährt“, sagt Sabine Zannoni. Doch bislang kommen viele Neuköllner, zum Beispiel aus der Blumensiedlung, mit dem 171er zum Einkaufen. Künftig fährt er durch die Neuköllner Straße. „Man muss dann einen halben Kilometer laufen, um wie bisher in die Geschäfte zu kommen.“

Auch die Betriebshaltestellen für die Busse liegen direkt an der Neuköllner Straße. „Das ist für uns ein Desaster“, so Zannoni. Die Geschäftsfrau befürchtet, dass die Busse künftig viel Platz auf der Straße beanspruchen könnten, auf Kosten der Autos. Autofahrer könnten deshalb auf die Parallelstraße Alt-Rudow ausweichen. Die aber ist vor Jahren zu einem verkehrsberuhigten Bereich umgestaltet worden.

„Ortsteilzentrum mit dörflichem Charakter“

„Jetzt kauft man in Alt-Rudow ein, geht auf die andere Straßenseite, und dort hält der Bus“, sagt Sabine Zannoni. „Das ist bequem. Wenn man dann weitere Wege hat, und über die Kreuzung laufen muss, dann überlegt man sich das.“ Die Geschäftsleute haben Ende 2013 eine Unterschriftenaktion gestartet, die fordert, dass der Bus 171 weiterhin durch Alt-Rudow fahren soll. Mehr als 6000 Befürworter haben bei der Aktion bisher unterzeichnet. „Für uns wäre die eleganteste Alternative“, sagt die Geschäftsfrau, „wenn die U-Bahnlinie 7 verlängert würde bis nach Schönefeld.“ Doch das sei im Koalitionsvertrag nicht vorgesehen.

„Wir wollen den Umbau der Rudower Spinne nicht verhindern, sondern verbessern“, sagt Bernd Brandt, Vorsitzender der AG Rudower Geschäftsleute. „Der Flughafen ist schließlich nicht die einzige Aufgabe der Stadtplanung.“ Es gebe eine Alternative zur jetzigen Planung. Der Bahnsteig der U7 könnte unterirdisch verlängert und ein neuer zentraler Ausstieg an der Rudower Spinne geschaffen werden, weiter entfernt von der Kreuzung der Neuköllner Straße. „Das ist aus Kostengründen verworfen worden.“

Bis jetzt habe Rudow ein funktionierendes Ortsteilzentrum mit dörflichem Charakter, sagt Sabine Zannoni. Etwa 180 Händler, Gastronomen und Ärzte gehören dazu. Zannoni verkauft Mode seit Ende der 80er-Jahre. „Wir haben in Rudow zu 80 Prozent Fachgeschäfte, die vom Inhaber geführt werden.“ Dieses Ortsteilzentrum müsse erhalten bleiben.

Radweg wird auf die Straße verlegt

Auch die Radler müssen sich künftig umstellen. Für den neuen Halt der Expressbusse wird der Radweg, der jetzt auf dem Bürgersteig verläuft, auf die Fahrbahn verlegt. Denn er würde sonst quer durch die Fahrgäste führen, die auf den Bus warten, und zu dauerhaften Konflikten führen. Vorgesehen ist auch, dass die vorhandenen Fahrradständer am Ausgang des U-Bahnhofs abgerissen werden, weil der Platz benötigt wird. Neue sollen installiert werden – aber noch ist nicht klar, an welcher Stelle. „Der Bezirk muss diesen Umbau so hinnehmen“, sagte Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) in der Bezirksverordnetenversammlung. Die Senatsverwaltung und BVG hätten alle Belange ausführlich abgewogen,

„Die Einkaufsstraße Alt-Rudow wird dadurch vernichtet“, sagt Peter Scharmberg. Er ist Geschäftsführer des Rudower Panorama Verlages und gehört der Gemeinschaft der Rudower Geschäftsleute an. Dass der Bus 171 in der Straße bleibt, „ist lebenswichtig für uns“, sagt er. Scharmberg kritisiert auch, dass Radler künftig auf der Straße neben den Bussen fahren sollen. Er ist Bezirksverordneter der SPD und hat in der BVV beantragt, dass ein anderthalb Meter breiter Streifen für die Fahrradfahrer auf der Fahrbahn markiert wird.

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