Diagnose Krebs

Wie eine Berliner Selbsthilfegruppe jungen Krebskranken hilft

Probleme in Beruf, Familie und Freundeskreis: Junge Krebskranke haben es schwer und oft andere Sorgen und Wünsche als ältere Betroffene. Jetzt bietet eine Berliner Selbsthilfegruppe Unterstützung an.

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Doch, hat ihr Arzt gesagt, es gehe vorbei. Die bleierne Erschöpfung. Sie solle sich keine Sorgen machen. Sie brauche nur etwas Geduld. Claudia Mohr hätte ihm gern geglaubt. Doch es ging nicht vorbei. Sie fühlte sich immer kraftloser. Fatigue-Syndrom, so nennen Mediziner diese immer wiederkehrenden Erschöpfungszustände, eine Langzeitfolge der Chemotherapie. "Irgendwann", sagt Claudia Mohr, "bin ich mittags nicht mehr zum Essen in die Kantine gegangen, weil ich dachte, wenn du jetzt aufstehst, klappst du zusammen."

Mohr erzählt diese Geschichte völlig ungerührt. Eine zarte Mittdreißigerin, lange Haare umrahmen ein offenes Gesicht. Ihre Haare waren ihr ausgefallen während der Chemotherapie, sie ist zu 90 Prozent schwerbehindert. Doch ihre Krankheit sieht man ihr kaum an. Es ist jetzt vier Jahre her, dass eine Diagnose ihr Leben umkrempelte: Brustkrebs.

Ein Schock, sagt sie heute, na klar. Der Krebs hatte schon gestreut, die Ärzte sagten es so, wie es war. Ihre Chance, die nächsten zehn Jahre zu überleben, sei nicht besonders hoch. 16 Prozent, genau genommen. Es begann ein Leben im Ausnahmezustand. Sie hat gelernt, sich damit zu arrangieren.

Die Operationen. Die Chemotherapien. Die Reha. 14 Monate lang kämpfte Claudia Mohr gegen den Krebs, sie hatte stets ein klar umrissenes Ziel vor Augen: Sie wollte so schnell wie möglich an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, als Layouterin einer Tageszeitung. Ihr Lebensgefährte ist Journalist. Sie liebt ihren Job. Sie sagt: "Er lenkt mich ab und gibt dem Alltag eine Struktur."

Wenig Verständnis von älteren Betroffenen

Eine neue Abteilung, weniger Termindruck, entspanntere Arbeitszeiten. Es waren Voraussetzungen, von denen andere Arbeitnehmer in ihrer Situation nur träumen konnten. Henrike Korn, Fachanwältin für Medizinrecht in Berlin, kennt solche Fälle aus ihrer Kanzlei. Sie hat sich spezialisiert auf die Verteidigung Krebskranker, die an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollen. Sie sagt, es komme oft vor, dass Firmen sie anriefen, um zu fragen, wie eine wasserdichte Kündigung gestrickt sein müsse. Sie erklärt dann, dass sie die Interessen der Patienten vertrete und sich die Firmen wennschon, dennschon an einen Arbeitsrechtler wenden mögen.

Claudia Mohr hatte andere Probleme. Sie schlief schlecht, bekam Krämpfe in den Waden, merkte, wie viel Kraft sie schon die Bewältigung des normalen Alltags kostete. Das Anziehen. Das Kochen. Das Putzen. Mit ihren Kollegen konnte sie darüber nicht reden. Alle drei Wochen fiel sie aus, weil sie zur Infusion musste.

Sie sagt, es sei schon mal ein ironischer Kommentar gefallen. "Es hieß dann, ich plante meine Krankheit." Sie merkte, wie sie der Krebs dünnhäutig machte. In ihrer Selbsthilfegruppe stieß sie mit solchen Problemen auf wenig Verständnis. Es waren Patienten, die sie noch aus dem Krankenhaus kannte. "Die meisten waren schon über fünfzig. Sie hatten erwachsene Kinder und richteten sich auf ihre Rente ein."

Claudia Mohr suchte nach Gleichgesinnten. Sie fand sie über die Berliner Krebsgesellschaft. Vor drei Jahren gründeten sie eine eigene Selbsthilfegruppe. "Zurück ins Leben nach Krebs – Berliner Selbsthilfe für junge Menschen".

Eigene Selbsthilfegruppe wichtig für spezifische Problemstellungen

Ein Seminarraum im Haus der Krebsgesellschaft in Mitte. Ein Dutzend Berliner sind gekommen, überwiegend Frauen, alle zwischen Ende zwanzig und Ende vierzig. Die meisten von ihnen wollen anonym bleiben. Krebs und Arbeit, das ist ein Tabu. 75 Prozent der Arbeitnehmer, die wie Claudia Mohr am sogenannten Fatigue-Syndrom leiden, wechseln zwei Jahre nach der Rückkehr aus der Reha ihren Arbeitsplatz oder sogar den Beruf – viele nicht freiwillig.

So steht es in einer Studie, die die Berliner Krebsgesellschaft zitiert. Man versteht jetzt, warum sich Betroffene nicht namentlich äußern wollen. Es geht um ihre Existenz. Die jungen Krebskranken treffen sich einmal im Monat. Regelmäßig laden sie sich Referenten zu Problemen ein. Gedächtnistraining; Tipps im Umgang mit Krankenkassen oder der Deutschen Rentenversicherung; Krebs und Kinderwunsch; Konfliktmanagement am Arbeitsplatz. Die Frage: Wie kommuniziere ich meine Krankheit?

Hubert Bucher unterstützt die Gruppe. Bucher ist Geschäftsführer der Berliner Krebsgesellschaft. Ein schnurrbärtiger Mediziner, der wie ein wandelndes Lexikon spricht. Bucher sagt, die Gruppe schließe in Berlin eine Lücke. Jedes Jahr würden 17.000 neue Krebserkrankte gemeldet. Zwischen der ersten mutierten Krebszelle und der Bildung eines klinisch manifesten Tumors lägen im Schnitt acht bis zehn Jahre.

Dank besserer Screenings und eines gestiegenen Bewusstseins für die Wichtigkeit der Früherkennung meldeten sich in der Beratungsstelle immer häufiger jüngere Erkrankte, die mit beiden Beinen im Berufsleben stehen. Und ihre Probleme seien eben andere als die jener Patienten, die mit 65 die Diagnose Krebs bekämen.

Junge Krebspatienten: Besonders hohes Armutsrisiko

Bucher kennt viele Geschichten vom Kampf um die berufliche Rehabilitation. Es ist immer dasselbe Lied. Da sind auf der einen Seite die Krankenkassen, die ihren Versicherten schon nach der Hälfte der gesetzlich vorgeschriebenen Zeit von 78 Wochen einen Rentenantrag zuschicken, um ihre eigenen Budgets zu entlasten.

Und da ist auf der anderen Seite die Deutsche Rentenversicherung mit ihrem Credo "Reha vor Rente". Zwischen diesen Mühlsteinen müssen die Patienten für sich selbst einen Weg zurück ins Leben finden, belastet von der Angst, der Krebs könne jederzeit zurückkehren. Gefangen in einem Körper, mit dem sie sich erst einmal wieder arrangieren müssen. Hubert Bucher sagt: "Viele bekommen Depressionen."

Er hat Patienten erlebt, die durch die Krankheit abgerutscht sind. Erst Krankengeld, dann Arbeitslosengeld I – und am Ende Hartz IV. Er sagt, für die junge Generation der Patienten sei der Krebs ein echtes Armutsrisiko. Gerade deshalb sei die neue Selbsthilfegruppe so wichtig.

Claudia Piesker ist erst zu der Gruppe gestoßen, als sie den Wiedereinstieg schon geschafft hatte. Sie ist 31, eine Frau mit dem Blick fürs Wesentliche, weiches Gesicht, fester Händedruck. Ihre Krankengeschichte liest sich wie eine Aneinanderreihung von Klinik-Aufenthalten. Im April 2009 an einem genetisch bedingten Brustkrebs erkrankt, seither sechs Operationen: Rücken, Gebärmutter, Brust, Bandscheibe.

"Bei großem Stress wird mir schwindelig"

Man glaubt das kaum, wenn man ihre berufliche Vita liest. Piesker ist ihren Weg immer geradeaus gegangen. Man ahnt, wie viel Kraft sie das gekostet hat. Sie sagt, der Krebs habe ihr Leben umgekrempelt. Sie rauche nicht mehr und ernähre sich jetzt bewusst. Ihr Lebensgefährte habe ihr durch schwerste Zeiten geholfen, nach der Brustoperation und der Entfernung der Gebärmutter. Aber sie sei noch immer in psychotherapeutischer Behandlung.

Claudia Piesker arbeitete als Pflegedienstleiterin in einem Altenheim in Weißensee, als bei ihr ein Tumor in der Brust entdeckt wurde. Zwölf-Stunden-Tage konnte sie in diesem Job nicht mehr durchstehen, und mit reduzierter Stundenzahl in die zweite Reihe zurücktreten, das wollte sie auch nicht.

Heute ist Claudia Piesker als stellvertretende Leiterin einer anderen Einrichtung tätig, zur Hälfte in der Pflege, zur Hälfte im Büro. Mehr Bewegung, weniger Konzentration. Diese Balance kommt ihr entgegen, denn sie hat immer noch gesundheitliche Probleme. "Es fällt mir schwerer, mich lange zu konzentrieren, und bei großem Stress wird mir schwindelig."

Mit der Erkrankung offensiv umgegangen

Sie sagt, ihre Chefin wisse Bescheid. Sie habe die Karten bei der Bewerbung offen auf den Tisch gelegt, habe über ihre 60-prozentige Schwerbehinderung gesprochen. Und bisher laufe alles nach Plan. Sie hat nebenbei sogar eine Zusatzausbildung für leitende Mitarbeiter begonnen.

Wenn man Claudia Piesker fragt, wo es doch mal hakt im Alltag, hat man den Eindruck, es liegt eher an ihr als an den Kollegen. Die ließen sie natürlich früher nach Hause gehen, wenn es ihr nicht gut gehe, sagt sie. "Aber ich will keinen Sonderstatus."

Das eigene Verhalten zu reflektieren, auch das lernen die jungen Krebskranken in der Gruppe. Claudia Mohr erzählt, im Rollenspiel sei sie in die Chefrolle geschlüpft. Sie habe sich dabei ertappt, wie ihr Floskeln über die Lippen rutschten, die sie früher sehr verletzt hatten. Sätze wie: "Dir fehlt doch nichts. Du siehst doch ganz gut aus." Claudia Mohr lächelt. Sie sagt, sie lege jetzt nicht mehr jedes Wort auf die Goldwaage. Eigentlich meinten es die Kollegen ja bloß gut.

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