Rassismus

Zahl fremdenfeindlicher Angriffe in Berlin steigt

In Hellersdorf ereigneten sich im vergangenen Jahr besonders viele rassistisch motivierte Übergriffe. Darauf folgen Kreuzberg und Friedrichshain. Auch die Zahl homophober Zwischenfälle hat zugelegt.

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Ende August halten Unterstützer eine Mahnwache vor dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf, als sie plötzlich von Neonazis angegriffen werden. Ein paar Wochen später werden in der Nähe vier Flüchtlinge mit einem Hund bedroht. Die Erkenntnis: Mit 16 Fällen gab es in Hellersdorf im vergangenen Jahr so viele rassistisch motivierte Angriffe wie in keinem anderen Berliner Ortsteil. Es folgen Kreuzberg (15) und Friedrichshain (14).

Das sind aktuelle Zahlen der Berliner Opferberatungsstelle ReachOut, die sich aus Angaben der Polizei, der Berliner Registerstellen, anderer Organisationen, Betroffener und Zeugen zusammensetzen. Sie klingen erschreckend: Insgesamt gab es 2013 in Berlin 185 Angriffe, also Körperverletzungen oder massive Bedrohungen, mit einem rassistischen, antisemitischen, homophoben oder rechtsextremen Hintergrund. Eine Steigerung von 33,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, von der 288 Menschen betroffen waren. "So hoch war die Zahl der Angriffe seit Beginn der Aufzeichnung 2001 noch nie", sagte Sabine Seyb von Reach-Out.

Die Zahl homophober Angriffe stieg um 44 Prozent

Mit 87 Angriffen und einer Steigerung von 27,5 Prozent bleibt Rassismus das häufigste Tatmotiv, gefolgt von Homophobie (44,47 Prozent Steigerung) sowie Angriffen auf politisch linke Gegner (27,80 Prozent). Die Zahl antisemitischer Angriffe stieg von sechs auf acht. Schwulenfeindliche Angriffe gab es vor allem in Schöneberg und Kreuzberg.

Zudem veröffentlicht wurden die Zahlen der Registerstellen, die in sieben Bezirken auch Vorfälle wie Propagandaaktivitäten, Veranstaltungen und Beleidigungen dokumentierten. Sie kamen auf insgesamt mehr als 900 Vorfälle, die meisten davon im Bezirk Treptow-Köpenick (214). Die größte Steigerung gab es in Marzahn-Hellersdorf, mit 134 fast viermal so viele wie im Vorjahr. Mehr als 50 Prozent aller Vorfälle waren Propagandaaktivitäten. Ein Grund: der Wahlkampf zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Haben Diskriminierung und Rassismus in Berlin also zugenommen? "Die Zahlen verdeutlichen auf erschreckende Weise die hohe Gefahr, die weiterhin von Neonazis in Berlin ausgeht", sagte Hakan Taş, innenpolitischer Sprecher der Berliner Linken. Die Mitarbeiter von ReachOut differenzieren.

"Alltagsrassisten, die zuschlagen, wenn die Situation günstig ist"

So sei am Beispiel der Flüchtlingsthematik ein gestiegener Rassismus erkennbar. "Die Debatten darüber lösen Angriffe auf der Straße aus", so Seyb. Dies erkläre die hohe Zahl an Angriffen in Hellersdorf, wo die Eröffnung eines Flüchtlingsheims Proteste auslöste. Dabei seien es weniger organisierte Gruppen, sondern "Alltagsrassisten, die zuschlagen, wenn die Situation günstig ist", so Seyb.

Andererseits ließen sich die Zahlen durch die gestiegene Zahl an Anzeigen erklären. Seyb lobte die Berliner Polizei. Diese würde – möglicherweise beeinflusst durch die NSU-Affäre – genauer hinschauen, wenn es darum gehe, Gewalttaten als politisch motiviert einzuordnen.

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