Rettungskräfte

Wenn die Feuerwehr kommt, weil das Kind nicht schlafen kann

Kopfschmerzen, Schluckauf oder zu langes Computerspielen: Berlins Rettungskräfte müssen immer wieder zu sinnlosen Einsätzen ausrücken. Die Gewerkschaft fürchtet, dass Notrufe ignoriert werden könnten.

Foto: Feuerwehr

Die Rettungseinheiten der Berliner Feuerwehr müssen immer häufiger zu „unsinnigen“ Einsätzen ausrücken, die sich im Nachhinein als Fehlalarmierungen herausstellten. Diese Vorwürfe erhebt die auch für die Feuerwehr zuständige Gewerkschaft der Polizei (GdP) und nennt mangelnde Qualität in der Einsatzleitstelle als Ursache für diesen Trend. Ein Sprecher der Feuerwehr widersprach dieser Darstellung und verwies auf offizielle Regularien, nach denen Einsätze „beschickt“ würden.

Der Berliner Morgenpost liegen jetzt Einsatzprotokolle der Feuerwehr vor, zu denen die Rettungswagenbesatzungen und teilweise auch Notärzte ausrückten. So wurde die Feuerwehr beispielsweise am 13. Januar 2014 kurz vor Mitternacht von Eltern alarmiert. Die Überschrift des Einsatzberichtes: „Schlafstörung, Kind kann nicht schlafen.“

Ein anderer bezieht sich auf den Notruf einer 63-Jährigen. In der Kurzbeschreibung des Auftrags heißt es: „Notfallmeldung, möchte gern mit der Feuerwehr auf die Toilette.“ Ein Angehöriger einer Rettungswagenbesatzung, der anonym bleiben möchte, kann wegen solcher Einsatzfahrten nur noch den Kopf schütteln. „Was sollen wir denn tun, wenn ein Kind nicht schlafen kann, sollen wir dann vielleicht singen? Wir wissen, dass wir hin und wieder auch zu einer Art Sozialarbeiter werden, wenn beispielsweise alte Menschen nach uns rufen, weil sie einsam sind und sich etwas Abwechslung wünschen. Aber alles hat seine Grenzen.“

In einem anderen Fall wurde der Rettungsdienst in ein Pflegeheim für Senioren gerufen, weil eine 75-Jährige angab, Drillinge zu bekommen. Am 1. Dezember 2013 fuhr eine Rettungswagenbesatzung zum Wilhelmsruher Damm im Märkischen Viertel. In der „Kurzinfo zum Einsatzanlass“ war zuvor vermerkt worden: „Zittern, Übelkeit, Kopfschmerzen nach stundenlangem Playstationspielen.“ Andere Feuerwehrmänner mussten in eine Einrichtung für „sozialbetreutes Wohnen“, weil jemand über Schluckauf klagte. Ende 2013 ging ein anderer Notruf aus Neukölln ein. Der das Gespräch annehmende Feuerwehrmann notierte: Patient schwört, eine Ratte habe sich auf Toilette Zugang zu seinem Körper verschafft. Jetzt frisst sie sich durch seinen Körper, er bekommt deswegen einen Nervenzusammenbruch.

Fragenkatalog hilft bei Einschätzung von Notrufen

Ein Sozialhilfeempfänger wählte am 1. Februar die 112, weil sich sein Kind erbrach. Das Amt würde alles bezahlen, er wisse nicht, wo sich das nächste Krankenhaus befinde. Eine andere Einheit musste zur Jahreswende zu einer Wohnung an der Leipziger Straße, weil jemand nach einer bizarren Sex-Praktik hilflos gewesen sein soll. In Hellersdorf musste eine Rettungswagen anrücken, weil jemand Sperma im Auge hatte.

Für Michael Schombel, Personalrat für die Feuerwehr bei der GdP, stellen dererlei Einsätze keinen Grund zur Belustigung dar. „Unsere Kollegen sind sehr engagiert und wollen Menschen helfen, so schnell wie möglich, obwohl die vorgeschriebenen Eintreffzeiten von acht Minuten nach den Zusammenlegung zahlreicher Wachen ohnehin kaum noch zu halten sind. Werden sie dann noch zusätzlich durch unsinnige Aufträge gebunden, stellt das schlicht und ergreifend eine Gefahr für Leib und Leben anderer dar. Es kann doch nicht sein, dass irgendwo ein Mensch beispielsweise einen Herzinfarkt hat und die Retter zu einem Mann fahren müssen, der Schluckauf hat.“

Björn Redünz, Pressesprecher der Berliner Feuerwehr, kann den Unmut der Kollegen auf der Straße nachvollziehen. „Dennoch agieren unsere Leute nach dem Rettungsdienstgesetz. Jeder eingehende Notruf wird nach dem so genannten ,Standardisierten Notrufabfrage-Protokoll’ qualifiziert“. Dazu würden dem Anrufer Fragen gestellt, deren Antworten in den Computer eingegeben werden und je nach Beantwortung die Ernsthaftigkeit eines Einsatzes bestätigen oder nicht. „So sehr das in einigen Fällen auch komisch anmutet, wir müssen einfach sichergehen, dass nicht wirklich eine Erkrankung hinter gewissen Symptomen steht.

Eine alte Dame, die vorgibt, Drillinge zu bekommen, kann beispielsweise wegen einer ausgeprägten Dehydrierung verwirrt sein. Ein Kleinkind kann vielleicht deshalb nicht schlafen, weil es Schmerzen hat und dies nicht ausdrücken kann.“ Vorwürfe aus den Reihen der Feuerwehr, dass alle Einsätze angenommen und beschickt würden, damit diese den Krankenkassen in Rechnung gestellt werden und somit Umsatz gemacht werden kann, verwies er in das Reich der Fantasie. „Es gibt keine derartige Anordnung.“

Täglich 84 Rettungsfahrzeuge in Berlin im Einsatz

Für den Gewerkschafter Michael Schombel, der selbst jahrelang als Feuerwehrmann im Einsatz gewesen war und nun als Ausbilder tätig ist, wurde das tatsächliche Problem bislang nicht beleuchtet. „In der Leitstelle sitzen kaum noch richtig ausgebildete Feuerwehrleute, sondern angestellte Rettungssanitäter, die früher auf den Rettungswagen unterwegs waren und später zur Unterstützung in die Leitstelle geschickt wurden. Diesen sogenannten Disponenten fehlt die Rückendeckung der Behördenspitze, weswegen sie aus reiner Verunsicherung und aus Angst um ihren Job jeden Einsatz anordnen und nicht den Mut haben, auch einmal einen Einsatz abzulehnen.“

Es müsse dringend die Qualität in der Leitstelle verbessert werden. „Wenn an den Disponenten-Plätzen Leute sitzen, die selbst lange auf der Straße waren und zahlreiche Einsätze erlebt und gemeistert haben, würde effizienter gearbeitet werden können, weil solche erfahrenen Mitarbeiter schon an Formulierungen und Details erkennen, ob es sich um einen echten Einsatzanlass oder um Unfug handelt“, sagt Schobel.

Doch leider sei auch die Feuerwehr zusammengespart worden. Schobel: „2008 wurde beschlossen, dass jährlich 55 neue Stellen ausgeschrieben werden sollen. Doch damit konnten lediglich die schlechten Eintreffzeiten nach Alarmierung von neun Minuten gehalten werden, vorgeschrieben sind acht.“ Würden dann noch die ohnehin am personellen Limit agierenden Feuerwehr-Leute zu sinnlosen Einsätzen geschickt, werde der Bogen irgendwann überspannt.

Täglich sind in Berlin 84 Rettungs-, 18 Notarztwagen, 45 Löschfahrzeuge und 26 Drehleiter-Fahrzeuge im Einsatz, um in Notfällen helfen zu können. „Durch die Zusammenlegung einiger Wachen in den vergangenen Jahren haben sich die Fahrwege der Teams jetzt ohnehin schon verlängert“, so Schombel. „Es wäre uns sehr geholfen, wenn sich die Anrufer vor dem Wählen der Nummer 112 die Frage stellen, ob sie tatsächlich die Feuerwehr brauchen.“ Die Kosten für den Einsatz eines Rettungswagen betragen durchschnittlich 320 Euro, für einen Notarztwagen 340 Euro.