Protest

Demonstranten stoppen Sarrazin-Lesung in Berlin

Der umstrittene Buchautor Thilo Sarrazin wollte am Sonntagvormittag aus seinem neuen Buch „Der neue Tugendterror“ vorlesen. 100 Demonstranten und mehrere Störer verhinderten das.

Tumultartige Szenen am Sonntagvormittag im Berliner Ensemble: Bei einer geplanten Lesung des ehemaligen Berliner Senators Thilo Sarrazin verzögerten Störer lautstark den Beginn der Veranstaltung. Schließlich wurde die Lesung abgebrochen. Demonstranten hatten im Vorfeld zu Kundgebungen gegen den umstrittenen Buchautor aufgerufen. Rund 100 Menschen waren den Aufrufen gefolgt und vor das Berliner Ensemble gekommen. Sie demonstrierten gegen Sarrazins Buch „Der neue Tugendterror“. Einige von ihnen hielten Schilder hoch mit Mittelfingern aus Pappe.

Zehn Sarrazin-Gegner verschafften sich Zutritt zum Foyer des Berliner Ensembles, in dem Sarrazin aus seinem Buch lesen wollte. Als Sarrazin die Bühne betrat, hielten die Demonstranten Schilder in die Höhe mit Slogans wie „Wir sind die Gebährmaschinen“ oder „Wir sind die Gemüsehändler“ und riefen „Hau ab!“. Es kam zu zunächst verbalen Auseinandersetzungen zwischen Sarrazin-Gegnern und -befürwortern. Sie schrien einander an und warfen sich gegenseitig Rassismus und „Tugendterror“ vor. Bei Twitter posteten Nutzer Fotos aus dem Foyer, auf denen Menschen mit Anti-Sarrazin-Plakaten zu sehen sind.

Die BE-Geschäftsleitung gewährte einer Demonstrantin Rederecht

Die Leitung des Berliner Ensembles hat dann zur Beruhigung der Lage einer Demonstrantin ein Rederecht eingeräumt. BE-Direktorin Jutta Ferbers holte die Demonstrantin auf die Bühne und ließ sie sprechen. In der Hoffnung, anschließend mit der Veranstaltung beginnen zu können. Nachdem die Aktivistin öffentlich ihre Meinung kundtun konnte, haben sich die Störer aber dennoch geweigert, das Gebäude zu verlassen.

Die Geschäftsleitung des Berliner Ensembles entschied daraufhin, die Veranstaltung für eine halbe Stunde zu unterbrechen. Man wollte zunächst beratschlagen, ob die Veranstaltung trotz der Störer stattfinden kann oder ob das Ensemble von seinem Hausrecht Gebrauch macht und die lautstarken Demonstranten von der Polizei aus dem Gebäude führen lässt. Während dieser Pause eskalierte die Situation aber. Es kam zu Rangeleien zwischen Störern und Besuchern.

„Wir beugen uns dem Meinungsterror“

Daraufhin brach die Geschäftsleitung die Veranstaltung ab. „Wir beugen uns dem Meinungsterror der Demonstranten“, sagte BE-Direktorin Jutta Ferbers. „Wir wollen aber nicht, dass irgendein Mensch mit Polizeigewalt aus dem Berliner Ensemble geschafft wird.“ Sarrazin saß die ganze Zeit regungs- und sprachlos auf der Bühne.

Bei Twitter reagierte der Berliner SPD-Landeschef auf die Proteste bei der Lesung. Er schrieb, das Berliner Ensemble solle Sarrazin „nicht auch noch eine Bühne öffnen“ - „wenn wir ihn schon nicht loswerden können“. Damit spielte Stöß auf den gescheiterten Versuch an, den ehemaligen Berliner Senator aus der SPD auszuschließen. Daraufhin meldete sich der Piraten-Abgeordnete Martin Delius zu Wort. „Ja Mist. Was ist da fehlerhaft? Satzung? Grundsatzurteile der Schiedsgerichte? Wir haben da auch nachbessern müssen“, schrieb er. Stöß schrieb zurück, es habe „zwei - leider erfolglose - Verfahren“ gegeben.

Interview: Die Berliner Morgenpost sprach mit Sarrazin über sein Buch