Obdachlosigkeit

Berliner Obdachlose finden Zuflucht in Wärmelufthalle

Erstmalig wird in Deutschland auf dem Gelände des ehemaligen Wilmersdorfer Güterbahnhofs eine Wärmelufthalle als Notunterkunft von der Berliner Stadtmission für Wohnungslose eingesetzt.

Foto: Paul Zinken / dpa

Der Geruch eines zum ersten Mal aufgepumpten Schlauchbootes liegt in der Luft. „Ist ja auch eine Art Rettungsboot“, lacht Mathias Hamann. Er ist einer der Teamleiter der „Notunterkunft 3“, einer neuen Anlaufstation der Berliner Stadtmission für Wohnungslose, die hier die Nacht verbringen können. Diese Notunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf am Innsbrucker Platz unterscheidet sich schon optisch völlig von ihren Pendants an der Lehrter und an der Johanniterstraße.

Erreichbar über einen namenlosen Kopfsteinpflasterweg hinter einer Videothek an der Hauptstraße, erstreckt sich die sogenannte Traglufthalle über etwa 1000 Quadratmeter. Sie erinnert ein wenig an eine Miniversion des Vergnügungsparadieses „Tropical Islands“ in Südbrandenburg, und so weit hergeholt ist dieser Vergleich gar nicht, denn auch diese wird innen beheizt. In nur einem Tag wurde die aus PVC bestehende, von einem im Boden verankerten Stahlseilnetz ummantelte Halle auf dem Untergrund des Geländes aufgestellt, alte Schienen im Zeltinnern erinnern an die Vergangenheit des Ortes.

Kein öffentliches Geld

Finanziert wird das Pilotprojekt im Gegensatz zu den beiden anderen Notunterkünften vom zuständigen Bezirksamt noch nicht, der Antrag wurde zunächst abgelehnt. Warum, da kann auch Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Berliner Stadtmission, nur mutmaßen: „Ich glaube, man wusste dort noch zu wenig über das Projekt. Der Antrag wird gerade noch einmal geprüft, die wollen sich das hier erst einmal ansehen.“

Bisher stellt die Berliner Stadtmission Mitarbeiter und Versorgung, 700 Euro kostet das am Tag. Für die Wärmetechnik kommt das Energie-Unternehmen Care-Energy auf, das den Platz von der Deutschen Bahn gemietet hat. Nur bis 30. April allerdings, dann endet die Saison der Kältehilfe. Eigentlich tut sie das immer Ende März, doch die Erinnerung an einen sehr kalten April 2013 beeinflusste die diesjährigen Planungen.

Die ersten zwei als Probebetrieb gedachten Nächte verliefen ruhig. Vielleicht ist es das warme Wetter oder die neue Übernachtungsmöglichkeit hat sich noch nicht herumgesprochen: Sechs Gäste kamen in der ersten Nacht, 14 in der zweiten. Insgesamt soll hier Platz für 60 Personen entstehen, bisher stehen erst 42 Feldbetten. Neben zwei Sanitärcontainern liegt die Essensausgabe, hier gibt es abends ab 21 Uhr, sobald die Unterkunft öffnet, warme Suppe und Brot, Tee, auch mal gespendeten Obstsalat.

Jeden Abend gibt es Läusekontrollen

Ab 6.30 Uhr gibt es dann Kaffee, anderthalb Stunden später wird geschlossen. Bierbankgarnituren im Zentrum der Halle laden zum Beisammensitzen ein, auch wenn Bierbank natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist. Alkohol und Drogen sind hier ebenso wie Waffen verboten, alle Ankommenden werden am Eingang von den Mitarbeitern der Stadtmission durchsucht. Auch Läusekontrollen werden jeden Abend durchgeführt. An den Seiten der Halle gibt es zwei Schlafbereiche, einen für Männer und einen für Frauen.

Bepflanzte Blumenkübel, Topfpalmen und zwei künstliche Rosenstöcke zeugen von dem Versuch, hier eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Und tatsächlich war das Feedback der ersten Gäste, die etwa aus der ständig überbelegten Notunterkunft in der Lehrter Straße anderes gewohnt sind, positiv. Schön sei es hier, sogar das Wort Luxusunterkunft fiel, erzählt Mathias Hamann nicht ohne Stolz. Seit fünf Jahren arbeitet er bei der Berliner Stadtmission.

In der Notkleiderkammer neben der Essensausgabe, wo Ersatzkleider für verlauste oder vollurinierte Kleidungsstücke bereitstehen, kommt er ins Grübeln. „Ich mache die Arbeit wirklich gerne, man lernt viel über die Gesellschaft. Dort drüben schlafen Leute, die nichts haben, und hier lagern die Reste der Wohlstandsgesellschaft. Das ist doch absurd.“