Flüchtlingscamp

Flüchtling wirft Polizei Rassismus und Sexismus vor

Die Sudanesin Napuli Langa berichtet von Erniedrigungen auf der Polizeiwache. Beamte hätten sie als „Affen“ beschimpft, Sex mit ihr simuliert und ihr einen Mülleimer über den Kopf gestülpt.

Foto: Reto Klar

Die Sudanerin Napuli Langa hebt die rechte Hand und sagt, dass sie auf ihren Gott schwört, dass es sich so zugetragen hat. "Ich will keine Rache", sagt sie noch, "aber ich will, dass bekannt ist, dass es Polizeibeamte gibt, die rassistische und sexistische Äußerungen machen und mit unnötiger Gewalt gegen mich vorgegangen sind." Polizisten hätten sie "Affe" genannt, Polizisten hätten ihr einen Mülleimer über den Kopf gestülpt, und Polizisten hätten so getan, als hätten sie Sex mit ihr und hätten sich dann lustig über sie gemacht.

Geschehen seit das vor drei Wochen, am Freitag, den 17. Januar. Napuli Langa war zusammen mit anderen Flüchtlingen aus dem Camp am Oranienplatz auf dem Weg zur Senatorin für Integration, Dilek Kolat (SPD). Sie hatten um 11 Uhr einen weiteren Gesprächstermin mit der Politikerin, doch dazu sollte es nicht kommen. Sie wurden, sagt sie, von Mitarbeitern der Berliner Verkehrsbetriebe kontrolliert und einer der Flüchtlinge habe eine 10-Uhr-Monatskarte gehabt, es sei aber – so sagen die Flüchtlinge – erst 9.45 Uhr gewesen. Es sei zum Streit an der Haltestelle "Hermannplatz" gekommen, erst auf dem Bahnsteig der U8, der sich dann auf dem der U7 fortsetzte.

Napuli Langa erzählt das flüssig und das ist die Version, die auch schon mehrfach in Zeitungen stand. Laut der Version der Polizei, sollen die Flüchtlinge die BVG-Mitarbeiter beleidigt haben, doch sie schildert das anders. "Danach ging es plötzlich sehr schnell", sagt sie, "und ich kann mich nur noch bruchstückhaft an alles erinnern." Sie sei von hinten von mehreren Polizisten überwältigt worden, die sie auf den Boden drückten und ihr den Arm verdrehten. "Es tat sehr weh und ich habe mich an die Zeit im Sudan erinnert, als ich gefoltert wurde." Sie sei dort als Anhängerin der Opposition gefangen gehalten und mehrfach geschlagen worden – besonders auf das Knie. "Mein rechtes Knie muss jetzt wahrscheinlich operiert werden."

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Doch das eigentlich schlimme sei nicht auf dem Bahnsteig passiert, sagt die Sudanesin. Laut Polizei seien 20 Beamte im Einsatz gewesen. Die Polizei bestätigt den Vorgang, möchte sich aber zu Details derzeit nicht äußern, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt. "Allerdings gibt es auch eine Strafanzeige von Seiten der Polizei an Napuli Langa", sagt Sprecher Michael Gassen, "weil sie einen der Beamten gebissen haben soll." Auch das werde untersucht. Dabei könnten Videoaufnahmen von diesem Freitagvormittag helfen. "Sowohl aus dem U-Bahnhof Hermannplatz gibt es Material der Sicherheitskameras", sagt Gassen weiter, "als auch Mitschnitte von Passanten, die mit ihrem Mobiltelefon filmten." Ob diese Bilder tatsächlich nützlich sind, muss noch geklärt werden.

Doch interessant wird es erst, als keine Kameras mehr filmen konnten, nämlich nachdem vier Beamte sie in ein Auto getragen haben. "Sie haben mich an meinen Armen und Beinen in das Auto gehoben", sagt Napuli Langa, "und in die Wache gefahren." Dort habe man ihr die Fingerabdrücke abgenommen und in eine Zelle gesteckt. Dann haben die Beamten ihr noch einmal Fingerabdrücke abnehmen wollen, weil sie sich weigerte, hätten sie sechs Beamte auf den Boden gedrückt, knieten auf ihren Armen.

Als sie "Kein Mensch ist illegal" gerufen habe, hätte ihr ein Beamter einen Papierkorb über den Kopf gestülpt. "Mir fiel der Müll links und rechts über die Schultern", sagt sie. Danach habe ein Beamter so getan, als hätte er Sex mit mir und gestöhnt: "Oh ja, ich ficke dich in den Hintern, du Affe." Die anderen Polizisten hätten nur gelacht. "Ich konnte das alles nicht glauben." Als sie stöhnte: "Oh my god", habe er geantwortet: "Ich bin nicht dein Gott, ich bin der Gott der Fingerabdrücke."

Sie erzählt von Verdrehen des Handgelenks, wie eine Polizistin sie in die Wade gekniffen hätte und von weiteren Beschimpfungen und Verletzungen am Hals, weil sie auch am Schal gewürgt worden sei. Auch als sie zwischendurch ihr geschwollenes Handgelenk in ihre Kleidung eingewickelt habe und die Beamten sie dabei beobachtet hätten, sei ihr nicht medizinisch geholfen worden. Trotz all dieser schweren Vorwürfe der Polizei gegenüber, hat sie verzichtet, Strafanzeige zu erstatten. Nachdem einige Medien von den Vorfällen berichtet haben, hat eine Sympathisantin die Anzeige an den Staatsanwalt verschickt.

Sieben Stunden in Haft

Napuli Langa selbst weiß nicht, wer das getan hat. Sie durfte die Polizeiwache gegen 18 Uhr am Abend verlassen und ging in eine Klinik, wo sie über Nacht blieb. Ihr ist immer noch nicht klar, warum sie überhaupt gefangen genommen wurde. Sie wollte weiter einen gewaltfreien Kampf für die Sache der Flüchtlinge führen, für den steht das Camp am Oranienplatz seit 16 Monaten.

Die Gespräche zwischen der Integrationssenatorin Dilek Kolat und den Flüchtlingen waren zuletzt eingeschlafen – auch weil es bisher schwierig war, einen Kompromiss zu finden. Die Flüchtlinge wollen, dass die Residenzpflicht, die Lager und die Abschiebepraxis abgeschafft wird. Bisher wurde ihnen offenbar nur angeboten, dass sie in Berlin einen "Duldungsstatus" bekommen. Das würde zwar ihre unmittelbar unsichere Rechtslage verbessern, aber für die Flüchtlinge insgesamt nichts verändern. Napuli Langa selbst hat 2012 Asyl in Braunschweig beantragt und wurde dann nach Hannover verlagert – wo sie wegen der Residenzpflicht für Flüchtlinge auch jetzt sein müssen.

Dieser neue Rechtsstreit um Rassismus und Sexismus zeigt, wie angespannt die Lage in Kreuzberg zuweilen ist. Ungeklärt auch die Frage, ob Napuli Langa zugebissen hat, wie die Polizei behauptet. "Ich kann mich nicht daran erinnern", sagt sie. "Aber wenn ich gebissen hätte, dann müsste man sich doch auch fragen, warum jemand in eine Lage kommt, in der er sich nur noch so wehren kann."

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