Naturfilmer

Wo in der Stadt Berlin die wilden Tiere wohnen

Filmemacher Rosie Koch und Roland Gockel haben ein Jahr lang die Tierwelt Berlins ergründet und sind dabei einem Dachs im Hausflur, einem Fuchs vorm Kanzleramt und auch mal dem Wachschutz begegnet.

Foto: Roland Gockel

Die Nacht zum Tag zu machen, daran hat sich Roland Gockel irgendwann gewöhnt. Nicht dass er ein ausgesprochener Partygänger wäre. Das gerade nicht. Roland Gockel ist Kameramann und war zusammen mit seiner Partnerin, der Biologin Rosie Koch, ein Jahr lang auf den Spuren wilder Tiere in Berlin. Das Ergebnis ihrer Recherchen wird am Montag um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Um an die vielen eindrucksvollen Aufnahmen von Fuchs, Waschbär, Biber, Dachs, Wanderfalke oder Gottesanbeterin heranzukommen, haben sich die beiden nächtelang auf die Lauer gelegt. Nächte, in denen sie den Tieren ganz nah kamen. Nächte, in denen ihnen plötzlich ein Tier vor die Kamera lief, mit dem sie gar nicht gerechnet hatten. Aber auch Nächte, in denen sich überhaupt kein Tier blicken ließ. „Was man aus so einer Nacht am Ende mitnimmt, kann man vorher nie genau sagen“, erzählt Roland Gockel. Manchmal machte er seine Entdeckung erst, als er gar nicht mehr damit gerechnet hatte und schon auf dem Nachhauseweg war. Zum Glück lag die Kamera griffbereit neben ihm.

Ohne Kamera unterwegs, das war sein Anfängerfehler. Im Herbst 2011, als die eigentlichen Dreharbeiten noch gar nicht begonnen hatten, da ist ihm das schon mal passiert. An drei Tagen hintereinander haben Roland Gockel und Rosie Koch in Friedenau einen Fuchs gesehen. Er streunte von Thai-Massage-Praxis zu Thai-Massage-Praxis und machte sich über die Opfergaben her, die dort nach buddhistischer Tradition vor der Tür standen. Am vierten Tag endlich hat Roland Gockel seine Kamera geschultert und sich in Position gebracht. Aber da war kein Fuchs mehr weit und breit, nicht an diesem und nicht an den nächsten Tagen. Und dann hatte er noch einen Winterabend mit magischem Licht am Schlachtensee verpasst. Seitdem war die Kamera immer im Kofferraum.

Fuchs mit Berlin-Kulisse

Das ganze Jahr 2012 und 180 Drehtage lang waren die Tierfilmer in Berlin unterwegs. Der erste Drehtag war die Silvesternacht 2011 auf dem Kreuzberg. Einen Waschbären und Fledermäuse hatten sie dort ins Visier genommen, im Widerschein des Feuerwerks filmten sie sie. Ihre Höhlen hatten sie vorher ausfindig gemacht. Denn Bau oder Unterschlupf der Tiere erst einmal zu finden, sei die wichtigste Arbeit. Irgendwann kehrt ein Tier dahin zurück, zumindest in der Zeit, in der es Junge zu versorgen hat.

Nach Angaben des Nabu gibt es in Berlin etwa 20.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Kaum eine andere Metropole hat so eine Vielfalt zu bieten. Das zieht auch tierische Landbewohner an. So sind zum Beispiel immer mehr Füchse und Waschbären in der Stadt. Doch sie zu treffen, war für die 43-Jährige und den 50-Jährigen eine Herausforderung. Besonders weil sie ja nicht irgendeinen Fuchs wollten, sondern den vor dem Bundeskanzleramt. Im Hintergrund sollte Berlin-Kulisse zu sehen sein. 14 Drehtage hatten sie gebraucht, bis sie den Fuchs im Kasten hatten. Ob sie in einer Nacht erfolgreich sein würden, hing von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel vom Wetter. „Wenn es geregnet hatte, standen die Chancen schlecht“, erklärt Rosie Koch, „der Fuchs geht nicht gern über nasse Wiesen“. Der Drehplan wurde ständig auf den Kopf gestellt. Aus der geplanten Fuchs-Nacht musste vielleicht eine Waschbär-Nacht werden.

Auf die Spur des Fuchsbaus wurden sie vom Pförtner des Hauses der Kulturen der Welt gebracht. Pförtner, Wachschutzleute und auch Busfahrer hätten ihnen ohnehin gute Tipps gegeben, weil sie auf ihren Kontrollgängen oder an Endhaltestellen oft tierische Begegnungen haben. Die meisten Hinweise zu wilden Tieren kamen allerdings vom Naturschutzbund und von Berliner Biologen. So landeten sie irgendwann auch bei der Stockente, die Jahr für Jahr auf dem Balkon einer Wohnung in Mitte im sechsten Stock ihre Jungen ausbrütet und dann vom Nabu-„Taxi“ abgeholt und in den Tiergarten gebracht wird. Es muss bleibenden Eindruck hinterlassen haben, als sich der Besitzer der Wohnung und die Ente das erste Mal trafen: Er wollte gerade mal eine auf dem Balkon rauchen, sie saß in einem Balkonkasten und hatte es sich bequem eingerichtet. Beide müssen sich fürchterlich erschreckt haben, als sich ihre Blicke trafen, aber dann sind sie sich ans Herz gewachsen. Jedenfalls kommt die Ente immer wieder. Für Rosie Koch ist die Sache klar: „Die Tiere suchen sich die Menschen aus“, heißt, sie würden spüren, bei wem sie willkommen sind.

Für die Tierfilmer war die Begegnung mit der Ente natürlich viel leichter zu bewerkstelligen als die mit dem Fuchs, weil der Ort ja klar war. Aber genau den Moment abzupassen, wenn die Küken schlüpfen, bedurfte höchster Flexibilität. Nachdem die Ente das letzte Ei gelegt hatte, müssten sie nach Plan 28 Tage später schlüpfen, aber das ist bei Küken nicht anders als bei Babys: So exakt hält sich keines daran. „Vier Tage standen wir auf Standby“, erzählt Gockel, bis endlich der Anruf kam. Sonntagsküken wurden es.

Bei ihren Recherchen haben die Tierfilmer auch schon mal Misstrauen geweckt. Vor dem Bundeskanzleramt wollten Polizisten wissen, was sie denn da filmen würden. Den Fuchs hatten sie gerade aus den Augen verloren, dafür beobachteten sie Stare, die sich über die Weintrauben an dem Gebäude hermachten. Die Beamten ließen sich von der Begeisterung des Filmteams schnell anstecken. Und im Parkhaus gegenüber dem Roten Rathaus mussten sie den Wachschutz schon mal durch die Kamera schauen lassen. Das Parkhaus war Gockels Beobachtungsstandort für den Wanderfalken, der sich auf dem Turm des Rathauses einen Nistplatz gesucht hat. Doch die Sicherheitsleute nahmen ihm das nicht ab. Erst ein Blick durchs Teleobjektiv beruhigte sie.

Spannender als Elefanten

Für noch mehr Misstrauen sorgte der Filmemacher bei den Tieren: Als er im Parkhaus in etwa 300 Meter Entfernung sein Teleobjektiv auf den Wanderfalken gerichtet hatte und hineinschaute, starrte der direkt zurück, als würde er fragen: „Was willst du denn von mir?“ Tiere in der Stadt fühlen sich kaum noch durch Menschen gestört, aber eine Kamera macht sie schnell nervös, weiß die Biologin Rosie Koch.

Das haben sie auch beim Dachs erlebt, der sich im Frühjahr 2012 in ein Haus am Stuttgarter Platz verirrt hatte. Um ihn überhaupt filmen zu können, hat Gockel sechs Kameras mit Bewegungsmelder in Hof, Treppenhaus und Keller installiert und verbrachte sechs Nächte vor Ort. Der Aufwand hat sich gelohnt. Der Film zeigt, wo sich der Dachs ein provisorisches Schlafquartier einrichtete, wie er durchs Treppenhaus lief, wie er den Hof nach Essbarem durchforstete und wie er endlich den Ausgang fand.

Ein Dachs mitten in Berlin – das hat selbst die Biologin beeindruckt. Und fasziniert war sie auch davon, wie das Tier die Hausgemeinschaft zusammengeschweißt hat: „Die Bewohner entwickelten gemeinsam Theorien, woher der Dachs kam und was er hier suchte, sie machten sich Sorgen, wollten helfen.“ Die Tierliebe der Berliner hört auch bei wilden Tieren nicht auf. Zumindest so lange es sich nicht um ein Wildschwein handelt, das den Vorgarten umgräbt.

Rosie Koch und Roland Gockel haben schon viele Tierfilme gedreht. Parallel zum „wilden Berlin“ waren sie bei Elefanten in Namibia. Was das größere Abenteuer für sie war, können sie im Nachhinein gar nicht mehr sagen. Die wilden Tiere der Hauptstadt haben zumindest für größere Überraschungen gesorgt. „Sie haben eine solche Kreativität, sich das Leben hier gut einzurichten“, schwärmt die Biologin und erzählt von einem Eichhörnchen, das sich von der Wäscheleine ein weiches Staubtuch gemopst hatte, um seinen Kobel gemütlicher zu machen. Berlins Tierleben lässt sie jedenfalls auch ein gutes Jahr nach den Dreharbeiten nicht los. „Man sieht die Stadt mit ganz anderen Augen“, sagt sie. Manchmal auch mit den Augen eines Fuchses oder eines Waschbären.

„Wildes Berlin“ am Montag, 3. Februar 2014, 20.15 Uhr, ARD, gesprochen von Tatort-Kommissar Boris Aljinovic. Mehr zum Film unter wildesberlin-derfilm.de