Umfrage

Noch mehr Berliner Schulen klagen über unzumutbare Toiletten

Unzureichende Reinigung und häufig marode Sanitäranlagen sind ein berlinweites Problem. Das hat eine Umfrage der Berliner Morgenpost ergeben. Zahlreiche Schulen berichten über unzumutbare Zustände.

Foto: Sergej Glanze

Schmutzige Klassenzimmer, verdreckte Turnhallen und unzumutbare Schultoiletten – das sind in Berlin keine Einzelfälle. Selten gab es so viele Zuschriften und Anrufe in der Redaktion wie nach den Berichten über Schüler, die lieber zur Tankstelle fahren als in der Schule auf die Toilette zu gehen. Schulleiter und Eltern machen dafür die Vergabepraxis der Reinigungsaufträge durch die Bezirke verantwortlich – aber auch die unzureichenden Standards, die für die Schulen festgelegt sind.

Friedrichshain-Kreuzberg hat nun erste Konsequenzen gezogen und sich von dem Reinigungs-Unternehmen Putz-Zeit einvernehmlich zum 31. Januar getrennt. Das Unternehmen war durch die drohende Schließung der Schule am Friedrichshain in die Kritik geraten. Nun müssen die Verträge für die 14 betroffenen Schulen neu ausgeschrieben werden. Die Firma hatte erklärt, sie könne zu den gegebenen Konditionen die vorgeschriebenen Leistungen nicht einhalten.

„Es handelt sich bei der Frage der Schulreinigung um ein berlinweites Problem. Bei künftigen Ausgaben müssen wir verstärkt darauf achten, Qualitätsstandards entsprechend der schulspezifischen Gegebenheiten zu definieren“, sagt Peter Beckers (SPD), Schulstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg. Möglicherweise müsse dann auch im Bezirkshaushalt nachgebessert werden.

Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes, fordert eine Änderung der Standards. Die Klassenzimmer würden nur alle zwei Tage geputzt und das nur für 10 bis 15 Minuten, sagt Hirschmann. „Das reicht gerade mal für den Fußboden.“ Die Toiletten müssten eigentlich mehrmals täglich geputzt werden, so wie es auch in anderen Institutionen mit einer so häufigen Nutzung der Fall ist. Lothar Semmel, Sprecher der Vereinigung Berliner Schulleiter, macht die Verträge für den schlechten Zustand der Schulen verantwortlich. „Wenn schmutzige oder kaputte Toiletten nicht sofort gereinigt oder repariert werden, muss man nicht lange warten, bis auch der Vandalismus von den Schülern steigt“, sagt Semmel.

Wie es an den Schulen tatsächlich aussieht, zeigen die Auszüge aus den Rückmeldungen auf die Umfrage der Berliner Morgenpost.

Nürtingen-Grundschule, Kreuzberg: Immer wieder beantragt die Schule eine Sanierung der Toiletten. „Mit der Reinigung sind wir ganz zufrieden“, sagt die Gesamtelternvertreterin Britta Brugger. Doch die Anlagen seien einfach zu alt. Um die Geruchsbelästigung zu beseitigen, müssten die Rohre ausgefräst werden. Zudem müssten für die Erstklässler die Urinale tiefer hängen. Beides sei beantragt, ob es in diesem Jahr klappe, sei aber noch ungewiss.

Grundschule am Insulaner, Steglitz: Wenn der Reinigungsauftrag für die Schule ausgeschrieben wird, stehen die Firmen Schlange. Die Schule aus den 60er-Jahren besteht aus einem Haupt- und fünf Nebengebäuden. Für die Reinigungsfirmen ist das lukrativ. Allerdings ist die Reinigung nicht so leicht zu bewältigen. Ständig müsse der Hausmeister Mängellisten schreiben und an das Bezirksamt weiterleiten, doch ändern würde das wenig. „Der Firma zu kündigen, ist offenbar unmöglich“, sagt der stellvertretende Schulleiter Wolfgang Ruoff.

Dreilinden-Gymnasium, Nikolassee: Die Ecken in den Fluren und die Treppen sind ein Problem im Dreilinden-Gymnasium in Zehlendorf. „Sie werden nicht richtig geputzt“, sagt Schulleiterin Eva Carender-Niemeier. Das sei allerdings nicht der Fehler der Reinigungsfirma, sondern der Verträge, die mit ihr abgeschlossen wurden. Die Reinigungskräfte hätten einfach zu wenig Zeit, meint sie. Auch der bauliche Zustand ist verbesserungswürdig: Die Farbe der Fenster blättere ab. Immerhin die Renovierung der Turnhalle wurde bewilligt und soll in den kommenden Tagen beginnen.

Reinhardswald-Grundschule, Kreuzberg: 35 Jahre Gebrauch sind für Sanitäreinrichtungen eine lange Zeit. Zu lange, meint Werner Munk, der Schulleiter der Kreuzberger Grundschule. „Die Sanitäranlagen sind mittlerweile ziemlich vergammelt“, sagt er. Sie müssten dringend gereinigt werden, aber der Vertrag mit der Reinigungsfirma gebe das einfach nicht her. Auch eine Sanierung sollte unbedingt erfolgen. Munk fordert zum Beispiel neue Fliesen, Verfugungen und Trennwände. Doch bislang ist keine Lösung in Aussicht.

Moabiter Grundschule, Mitte: „Die Toiletten, auf die unsere Kinder gehen sollen, würden die Personen, die über vertretbare Reinigungskosten entscheiden, wohl nie betreten“, schreibt der Vater Thorsten Kober. Seine siebenjährige Tochter vermeide es, in der Schule auf die Toilette zu gehen. Immer wieder erzähle sie, dass sie extra wenig getrunken habe, um die Toilette nicht benutzen zu müssen. Der Geruch sei beißend, die Ausstattung desolat. „Es ist vielleicht aktuell billig, die Toiletten unzureichend zu putzen und vergammeln zu lassen“, sagt der Vater. Wirtschaftlicher wäre es jedoch, sie durch sachgerechte Pflege zu erhalten.

Arno-Fuchs-Schule, Charlottenburg: Die Reinigungskräfte scheinen mit dem Pensum überfordert zu sein, schreibt ein Lehrer der Schule. Immer wieder habe das Kollegium die Zustände dokumentiert und Mängel gemeldet. Geändert habe sich nichts. Nun würde die Schule selbst wischen und fegen. Regelmäßig würden die Toiletten kontrolliert. Der Zustand sei dennoch unzureichend. Dazu komme, dass das Dach an mehreren Stellen undicht sei. Eine Sanierung des Gebäudes wäre dringend nötig.

Montessori Gemeinschaftsschule, Lichterfelde: Die Schüler der Montessori-Gemeinschaftsschule am Tietzenweg haben ihren Neujahrswunsch mit einem Kalender illustriert. Auf den Bildern sind völlig verkalkte Waschbecken und Toilettenschüsseln zu sehen, rostende alte Rohre, und kaputte Klodeckel. Schüler und Eltern fordern dringend eine Grundsanierung der Sanitäranlagen.

Friedrichsfelder Grundschule, Lichtenberg: Der Gestank in der Schule sei unerträglich, schreibt die stellvertretende Vorsitzende der Gesamtelternvertretung, Judith Ehrlich. Schuld seien nicht die Reinigungskräfte, sondern die nicht funktionierenden Spülungen. Die seien so verkalkt, dass sie nur sehr schwer oder gar nicht zu betätigen seien. Vor allem die Schüler der ersten und zweiten Klassen würden absichtlich nichts trinken, damit sie nicht zur Toilette müssten. „Die Ausmaße, die hier erreicht sind, sind für die Kinder gesundheitlich bedenklich und gefährlich.“

Mary-Poppins-Grundschule, Spandau: Die jahrelange Vernachlässigung führt dazu, dass in dem erst 15 Jahre alten Gebäude die Fenster schon so marode sind, dass sogar Teile herausfallen, schreibt Gesamtelternvertreter Stefan Grosse. Die Holzfenster hätten regelmäßig eine besondere Pflege benötigt. Jetzt bilden sich unter den Fenstern bei Regen große Pfützen in den Räumen. Weil Fensterbretter abzustürzen drohten, musste ein Teil des Schulhofes gesperrt werden.

Poelchau-Schule, Charlottenburg: Nach Angaben der Schüler ist der Zustand der Toiletten so schlecht, dass es viele vermeiden, sie zu nutzen. Die Schule, in der kürzlich erst mehrere Schüler durch ein marodes Fenster verletzt wurden, soll wegen des hohen Sanierungsbedarf in einem Jahr umziehen.