Intensivtäter

Nidal R. - 18 Mal verurteilt und schon wieder vor Gericht

Eineinhalb Jahre nach seiner letzten Haftentlassung und vier Wochen nach seiner letzten Verurteilung sitzt Nidal R., Berlins wohl bekanntester Intensivtäter, wieder einmal auf der Anklagebank.

Foto: Daniel Naupold / dpa

Nidal R. gelangte als Jugendlicher unter dem Namen „Mahmoud“ zu trauriger Berühmtheit, beschäftigt seit seiner Strafmündigkeit mit 14 Jahren unablässig Polizei und Justiz und verbrachte bislang etwa ein Drittel seines Lebens hinter Gitter.

Seit Mittwoch muss er sich erneut vor dem Berliner Landgericht verantworten, eineinhalb Jahre nach seiner letzten Haftentlassung und gerade einmal vier Wochen nach seiner letzten Verurteilung.

Die üppige Anklage der Staatsanwaltschaft enthält einen Raubüberfall, eine gefährliche Körperverletzung, zwei Drogendelikte und knapp ein Dutzend Verkehrsstraftaten.

Aus Jugendschutzgründen war R. zu Beginn seiner kriminellen Karriere unter dem Namen „Mahmoud“ bekannt. Seit seiner Strafmündigkeit hat er zahllose Taten begangen, das Bundeszentralregister weist 18 Verurteilungen auf, nahezu alle wegen mehrerer Delikte.

Eine besondere Qualität

Verkehrsdelikte gelten nicht gerade als besonders spektakuläre Verbrechen, von Intensivtätern wird gewöhnlich ein anderes Kaliber erwartet. Doch bei R. bekommen selbst diese Delikte eine besondere Qualität, zumindest nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft. Legt man deren Anklage zugrunde, verlaufen R.’s Taten in etwa wie folgt: Nidal R. ist regelmäßig motorisiert auf den Straßen Berlins unterwegs, gern in Fahrzeugen der oberen Preisklasse. Manchmal fährt er betrunken, manchmal unter Drogeneinfluss – aber immer ohne Führerschein und zumeist in einem Tempo, das weit jenseits der zulässigen Höchstgeschwindigkeit liegt.

Wird die Polizei auf den 32-Jährigen aufmerksam, was bei dieser speziellen Form der Teilnahme am Straßenverkehr häufiger passiert, gibt er nochmals Gas, um den Ordnungshütern in zum Teil halsbrecherischen Fluchten zu entkommen. Rote Ampeln, Fußgänger und andere Fahrzeuge bilden dabei kein Hindernis. Die Ampeln werden ignoriert, manch ein Fußgänger musste sich in der Vergangenheit mit einem kühnen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen, und andere Autos werden kurzerhand gerammt, wenn sie im Weg stehen.

Einmal war bei einer solchen Verfolgungsjagd die Flucht des Angeklagten eigentlich zu Ende. Nidal R. hatte zwei Fahrzeuge so heftig gerammt, dass sie um mehrere Meter verschoben wurden. Ein Wagen versperrte ihm den Weg nach vorn, ein weiterer den Rückweg und von der Seite näherte sich ein Funkstreifenwagen. R. gab trotzdem nicht auf, gab Vollgas, schob so beide im Weg stehenden Pkw zur Seite und fuhr davon, wobei auch noch der Streifenwagen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Immerhin konnte R. dabei den Beweis erbringen, dass sich ein Fahrzeug auch noch mit gebrochener Achse fortbewegen lässt.

Erst einmal ging es um einen Raubüberfall

Neun solcher Delikte soll R. zwischen Januar und Juni 2013 begangen habe, zwei weitere, ähnlich gelagerte Verkehrsstraftaten aus dem Jahr 2012 werden in dem am Mittwoch begonnenen Prozess gleich mitverhandelt. In einigen Fällen soll er auch gleich zweimal am selben Tag aktiv geworden sein, im Abstand von nur wenigen Stunden. Der entstandene Sachschaden liegt der Anklage zufolge im „höheren fünfstelligen Bereich“, zwei Autofahrer, die das Pech hatten, am gleichen Ort und zur gleichen Zeit wie der Angeklagte unterwegs zu sein, zogen sich durch Zusammenstöße schwere Verletzungen zu.

Die detaillierte Beschreibungen dessen, was dem 32-Jährigen vorgeworfen wird, gibt die Version der Staatsanwaltschaft wieder. Die Version des Angeklagte bleibt, sofern er eine hat, zunächst sein Geheimnis. Nidal R. pflegt in seinen Prozessen lediglich zu sagen, dass er nichts sagen wird. Auch am Mittwoch teilte er dem Gericht mit, er werde von seinem Recht zu schweigen Gebrauch machen.

Am ersten Verhandlungstag ging es noch nicht um die Verkehrsdelikte, sondern zunächst um einen in der Anklage enthaltenen Raubüberfall. Am U-Bahnhof Leinestraße in Neukölln soll R. mit zwei Komplizen einen 22-Jährigen beraubt und brutal zusammengetreten haben. Das Opfer und die Zeugen der Tat erwiesen sich in der Verhandlung allerdings auch nicht auskunftsfreudiger als der Angeklagte. Sie erschienen mit Dolmetscher und anwaltlichem Beistand, nur um mitzuteilen, dass sie von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen, um sich nicht selbst zu belasten. Gegen sie sollen derzeit ebenfalls Ermittlungen laufen.

Nidal R. soll sich nach Erkenntnissen der Polizei seit Langem im Dunstkreis der polizeibekannten Berliner Großfamilien bewegen. Als er vor Beginn der Verhandlung sein Gesicht vor den Fotografen hinter einer Akte verbarg, zeigte die Vorderseite einen Vermerk der Polizei über ein Gespräch unter Mitgliedern einer dieser Großfamilien, bei dem es um R. ging.

Diesem Vermerk zufolge haben diese Größen der Szene keine besonders hohe Meinung von Nidal R. Und das, obwohl der inzwischen einen üppigen schwarzen Vollbart trägt, der ihm eine auffällige Ähnlichkeit mit einem stadtbekannten Rapper verleiht.