Kriminalität

Plötzensee – ein Berliner Jugendgefängnis außer Kontrolle

Erpressung, Gewalt und sexueller Missbrauch – in der Jugendstrafanstalt Plötzensee wurden die meisten dieser Fälle von Berlins Gefängnissen registriert. Ein Prozess bot nun Einblicke in die Zustände.

Foto: A3818 Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Die Gewalt in den Gefängnissen der Hauptstadt ist anhaltend hoch. 2012 hat die Senatsjustizverwaltung insgesamt 286 Vorfälle registriert und damit zwei Angriffe mehr als noch 2011. Sie teilen sich auf in 236 Gewaltattacken von Gefangenen auf Mithäftlinge, 33 Fälle von Erpressungen und Bedrohungen sowie 17 Übergriffe von Häftlingen auf JVA-Bedienstete. Nahezu die Hälfte aller Taten, exakt 127, fanden dabei in der Jugendstrafanstalt (JSA) in Plötzensee statt. Es folgen mit weitem Abstand Europas größte Haftanstalt in Tegel mit 68 Fällen und das Untersuchungsgefängnis Moabit mit 37 Fällen. Schlusslicht sind hierbei die Frauenhaftanstalten. Hier wurden elf Vorfälle gemeldet.

Diese Zahlen gehen aus einer Antwort von Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) auf eine Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus hervor. Die Zahlen für 2013 liegen zwar noch nicht vor, dürften aber nicht wesentlich anders aussehen, hieß es aus Justizkreisen. Und die Dunkelziffer sei immens hoch, viele Vorfälle würden gar nicht erst bekannt.

Prozess bietet Einblicke

Einen Einblick in das, was sich hinter den Mauern der Jugendstrafanstalt Plötzensee abspielt, wurde in einem gerade beendeten Prozess gegen vier Insassen deutlich. Mehrere Häftlinge berichteten dabei als Zeugen über Misshandlungen, sexuelle Übergriffe und mitunter unsägliche Erniedrigungen. Und sie berichteten von Löwen, Gazellen, Lakaien und Schutzengeln. „Löwen“ sind in der JSA-eigenen Sprache die Häftlinge, die hinter Gittern das Kommando führen. Häufig wegen schwerer Gewalttaten verurteilt, haben sie auch in der Haft keinerlei Skrupel, ihre Gewalttätigkeiten fortzusetzen. „Gazellen“ werden im Knastjargon die Opfer genannt. Sie werden zumeist willkürlich ausgesucht und sind danach immer wieder physischer und auch psychischer Gewalt ausgesetzt. Die große Mehrheit der Insassen, weder Opfer noch Täter, schaut zu oder spendet den Tätern gar pflichtschuldigst Beifall für ihr Treiben. „Wer bei den ,Löwen‘ nicht mitmacht, wird schnell selbst zur ,Gazelle‘“, hieß es in der Aussage eines JSA-Häftlings.

Wer in der Knasthierarchie weit oben steht, der hält sich seine Lakaien. Das sind Mitgefangene, die für ihn alle lästigen Arbeiten übernehmen und auch sonst in jedweder Form zu Diensten sind. Dazu gehören Reinigungsarbeiten, das Servieren der Mahlzeiten oder die Erledigung von Einkäufen. Häftlinge, die zu Opfern wurden oder zu werden drohen, können einen „Schutzengel“ engagieren, einen Mithäftling, der sie vor Übergriffen schützt. Natürlich geht es nicht um Hilfsbereitschaft, der „Schutzengel“ will bezahlt werden, neben Bargeld gehören Tabak und Kaffee zur gängigen Währung hinter Gittern.

Sexuelle Übergriffe sind eine Form dieser Gewalt. So berichtete ein Zeuge im Prozess, wie sich der Hauptangeklagte mit entblößtem Geschlechtsteil vor einem Opfer aufbaute und forderte: „Sag Hallo und kuschel.“ In einem anderen Fall wurde ein Häftling aufgefordert, auf einen Hocker zu steigen und sich mit einem Gürtel zu erhängen. Die ernsthafte Absicht, den Mithäftling zum Suizid zu zwingen, gab es immerhin wohl nicht, den Tätern reichte es völlig, sich an der Todesangst des Opfers zu weiden.

Allgegenwärtige Mauer des Schweigens

Sexuelle Übergriffe treten ebenfalls auf. Zu den Abartigkeiten im Knast gehört es auch, Mithäftlinge zu zwingen, Wasser mit Salz, Shampoo oder Zahnpasta zu trinken, bis sie sich übergeben. Mitunter werden die Opfer anschließend gezwungen, das Erbrochene aufzuessen. Die im Dezember verurteilten Rädelsführer hatten, wie Zeugen berichteten, offenbar Spaß daran, Mitgefangenen Zitronensaft in die Augen zu träufeln oder ihnen Plastiktüten über den Kopf zu ziehen. und diese erst wieder zu entfernen, als die Opfer ernsthaft zu ersticken drohten. Die Aufklärung solcher Fälle hinter Gittern wird gewöhnlich erschwert durch eine allgegenwärtige Mauer des Schweigens. In der Regel traut sich kein Häftling, solche Vorfälle zu melden, aus Angst vor weiteren Übergriffen oder aus einem bizarren Ehrenkodex. Knapp drei Monate konnten die Angeklagten im vergangenen Sommer ihr Unwesen treiben, bevor die Anstalt das Ganze beendete. „Die Mitarbeiter ahnten, dass etwas im Gange ist, konnten aber nicht konkret etwas unternehmen, weil alle Gefangenen eisern schwiegen“, erklärt Lisa Jani, Sprecherin der Senatsjustizverwaltung. Erst als ein Häftling redete, wurde schnell und konsequent reagiert. Innerhalb von zwei Wochen wurde gegen die Täter Anklage erhoben, außerdem kamen sie sofort in Einzelhaft. Zwei von ihnen sitzen dort bis heute.

Kritik an den Zuständen gibt es immer wieder. Von völlig unzureichenden Kontrollmaßnahmen sprach der Richter in dem gerade zu Ende gegangenen Prozess. Ein anderes Gericht stellte in einem Verfahren aus dem letzten Jahr fest: „Der Anstalt ist es nicht einmal im Ansatz gelungen, diese Häftlinge unter Kontrolle zu bringen“. stellte ein anderes Gericht in einem Verfahren aus dem letzten Jahr fest.

Wie einfach es in der JSA war, den Mitarbeitern, im Knast-Jargon seit jeher „Schließer“ genannt, eine heile Welt vorzugaukeln, machte ein Insasse in seiner Aussage vor Gericht deutlich: „Wenn ein ,Schließer‘ kommt, hört man den schon von Weitem am Klappern seines Schlüsselbundes, schon sind alle friedlich, und für den Mann sieht es aus, als sei alles in bester Ordnung.“